Beruf Schreiben Der Journalist als guter Mensch und Abenteurer

Journalismus im Namen des Herrn? Und ein Trainingslager für Edelfedern? Diese beiden Schulen haben ungewöhnliche Konzepte: Die Evangelische Journalistenschule in Berlin setzt vor allem auf ein stabiles Wertegerüst. Und die Zeitenspiegel-Reportageschule in Reutlingen lehrt genaues Hinsehen.

Oliver Reinhardt

Von und


Warum soll die Kirche Journalisten ausbilden? Hmm. Weil das eine gute Frage ist, stellt sich die Evangelische Journalistenschule in Berlin die Frage gleich mal selbst auf ihrer Homepage und lässt die Journalistin Beatrice von Weizsäcker antworten.

Weil Werte wichtig sind, sagt Weizsäcker, Mentorin an der Schule: "Um nicht nur den Kopf zu erreichen, sondern auch das Herz, das den Charakter formt. Um jungen Menschen zu einer inneren Haltung und lebensklugen Verantwortung zu verhelfen." Darum leistet sich die Evangelische Kirche eine eigene Journalistenausbildung - klein, aber fein. Und in Berlin ist journalistische Ethik nicht nur ein halbstündiger Nachmittagskurs, damit das Thema alibimäßig auch mal dran war. Solides, praxisnahes Handwerk will die Schule in 22 Monaten vermitteln. Aber ethisches Verhalten gehört für sie zum professionellen Journalismus wie die fünf Ws oder das Zwei-Quellen-Prinzip.

Seit bald 25 Jahren bildet die Journalistenschule in Trägerschaft der Evangelischen Kirche jedes Jahr 16 Journalistenschüler aus, die sie Volontäre nennt, die aber anders als reguläre Volontäre, anders auch als die Schüler der Henri-Nannen-Schule oder der Springer-Akademie kein Geld bekommen.

Evangelisch muss keiner sein, der an der EJS anfängt, das betonen die Schüler und auch die Schule immer wieder. Doch im gleichen Atemzug kommt der Verweis auf die Werte und auf einen Journalismus, der mit Menschen, über die er berichtet, sorgsam umgeht. Eigentlich selbstverständlich - im journalistischen Alltag aber nicht immer.

Ausbildung in der Königsdisziplin

Noch einen Tick exotischer - und obendrein nicht kostenlos - ist eine Schule im Südwesten, die nur eines ausbilden will: Reporter. Die edlen Jobs für reisende Schönschreiber sind so rar wie die Ausbildungsplätze für genau diese eine journalistische Disziplin. Außer in Reutlingen bekommt man eine so eng gefasste Ausbildung über ein ganzes Jahr in Deutschland nicht.

Reportagen, das bedeutet für die Zeitspiegel-Schule in erster Linie: "Genaues Wahrnehmen, akribische Recherche und detailgetreues Beschreiben." Die Ausbildung der zwölf Nachwuchs-Reporter startet für gewöhnlich im April mit einem Schnelldurchflug durch alle Textformen, dann geht es mit der Reportage-Schulung richtig los. Nach rund zwei Monaten mit erfahrenen Dozenten kommt der erste Auslandseinsatz.

Beide Schulen machen sich die Auswahl ihrer Bewerber nicht leicht. An der Reportageschule beugen sich Juroren über die Motivationsschreiben und Textproben (die nicht unbedingt bereits veröffentlicht sein müssen) und wählen die Bewerber danach aus. Interessante Kandidaten werden zum Auswahlgespräch eingeladen. Für den nächsten Lehrgang ab April 2011 kann man sich bis Ende Oktober 2010 bewerben.

Die EJS in Berlin setzt ebenfalls auf Arbeitsproben und Bewerbungsgespräche, verzichtet aber auf die bei anderen Journalistenschulen so geschätzten Wissens- und Bildertest (wie etwa den der Nannen-Schule, der Münchener DJS sowie der Schulen des Springer-Verlages und von RTL). Weckruf für Kurzentschlossene: Die Bewerbungsfrist für den nächsten Jahrgang endet am 30. Juni, die Ausbildung beginnt dann am 1. November 2010.

Journalistenschulen
Evangelische Journalistenschule, Berlin

Teilnehmer: bis zu 16

Bewerber: rund 400

Dauer: 22 Monate. Die Bewerbungsfrist zum nächsten Jahrgang, der zum 1. November antritt, endet am 30. Juni 2010.

Kosten/Vergütung: kostenfrei/ keine Vergütung

Voraussetzungen: abgeschlossene Berufs- oder Hochschulausbildung, Höchstalter 32

Evangelische Journalistenschule - Aufnahme, Ausbildung, Absolventen

Ablauf der Ausbildung: Crossmediale Grundlagen (zwölf Wochen), erstes Praktikum bei Regionalzeitung oder Agentur (acht Wochen), Internetlehrredaktion (vier Wochen), zweites Praktikum in Online-Redaktion (sechs Wochen), Vorbereitung Mitarbeit in der Online- und Nachrichtenredaktion des Evangelischen Kirchentages, Hörfunk-Lehrredaktion (sechs Wochen), Studienreise nach Genf zu internationalen Organisationen und UN-Einrichtungen (eine Woche), drittes Praktikum beim Hörfunk (acht Wochen), Lehrredaktion Print I (vier Wochen), viertes Praktikum bei überregionaler Zeitung/Zeitschrift (acht Wochen), Studienreise nach Brüssel (eine Woche), Lehrredaktion Print II (sieben Wochen), TV-Lehrredaktion (acht Wochen), fünftes Praktikum beim Fernsehen (sechs Wochen)

Ablauf der Bewerbung: schriftlich, mit Arbeitsproben, einer Reportage und einem Kommentar; dann Auswahlverfahren für die besten Bewerber in Berlin mit Vorort-Reportage und Wissenstest (ca. 40 Fragen)

Träger: Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

Absolventen: Redakteure und freie Mitarbeiter bei regionalen und überregionalen Medien, darunter die SPIEGEL-Redakteure Janko Tietz und Daniel Steinvorth sowie Adrienne Woltersdorf, Leiterin der chinesischen Redaktion bei der "Deutschen Welle", und Barnhard Albrecht, Grimme-Preisträger 2010

Im Internet: http://www.evangelische-journalistenschule.de

Zeitenspiegel Reportageschule, Reutlingen

Teilnehmerzahl: bis zu 12

Bewerberzahl: 100

Dauer: 12 Monate, startet im April, 2011 erst Oktober

Kosten/Vergütung: 195 Euro pro Monat/ keine

Voraussetzungen: Schreibtalent, journalistische Erfahrung

Ablauf der Ausbildung: drei Monate journalistische Grundlagen, Auslandsaufenthalt, drei Monate Praktika, drei Monate Produktion des eigenen Magazins "Go", drei Monate Berufsvorbereitung, Dozenten kommen ausschließlich aus der Praxis und sind erfahrene Journalisten unterschiedlicher Medien wie SPIEGEL, "Stern", "brand eins" oder "Zeit"

Ablauf der Bewerbung: Schriftlich mit Arbeitsproben, dann wird eine Auswahl zum Bewerbungsgespräch eingeladen

Träger: Volkshochschule Reutlingen und Agentur Zeitenspiegel

Absolventen: Die meisten Absolventen arbeiten als freie Journalisten

im Internet: http://www.reportageschule.de/index.html

Deutsche Journalistenschule (DJS), München

Kompaktkurs

Teilnehmer: 15

Bewerber: k.A.

Dauer: 16 Monate, startet im November

Kosten/Vergütung: keine

Voraussetzungen: Höchstalter 28 Jahre

Masterkurs

Teilnehmer: 30

Bewerber: k.A.

Dauer: 24 Monate, startet im Oktober

Kosten/Vergütung: keine

Voraussetzungen: Höchstalter 30 Jahre

Ablauf der Ausbildung - Kompaktkurs: neun Monate praktische Ausbildung in Print, Radio, Fernsehen, täglich von früh bis spät, anschließend ein Monat frei, gefolgt von zwei dreimonatigen Praktika Masterkurs: erstes Halbjahr: Start im Masterstudium Journalismus an der LMU München; zweites und drittes Halbjahr: ab Februar für ein Jahr ganztägige praktische Ausbildung in Print, Radio, Fernsehen und erstes Praktikum; viertes Halbjahr: zweites Praktikum und Masterarbeit

Ablauf der Bewerbung: Am 1. Dezember verschickt die DJS die Bewerbungsunterlagen an alle Interessenten. Einsendeschluss Bewerbungsreportage: Mitte Januar. Ende März werden für Master- und Kompaktkurs je 50 Kandidaten eingeladen. Ende April folgt das Auswahlwochenende mit Bildertest, Fragebogen, Textprobe und Auswahlgespräch

Träger: Verein mit über 50 Mitgliedern, darunter öffentlich-rechtliche und private Rundfunkanstalten, Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, Produktionsfirmen, außerdem Verbände, Gewerkschaften und Parteien. Weitere Zuschüsse vom Bund, Freistaat Bayern und der Stadt München

Absolventen: Redakteure und freie Mitarbeiter bei regionalen und überregionalen Medien, darunter: RTL-Moderator Günther Jauch, ARD-Moderatorin Sandra Maischberger, Kurt Kister (stv. Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung"), "Stern"-Chefredakteur Andreas Petzold, die Schriftsteller Maxim Biller und Axel Hacke, SPIEGEL-Autor Matthias Matussek, "Neon"-Chefredakteur Timm Klotzek, "Zeit"-Reporter Stephan Lebert, Schriftsteller Jan Weiler

Im Internet: http://www.djs-online.de

Henri-Nannen-Schule, Hamburg

Teilnehmer: 20

Bewerber: rund 2000

Dauer: 18 Monate

Kosten/Vergütung: keine/ 761 Euro monatlich

Voraussetzungen: bei Ausbildungsbeginn Mindestalter 19 Jahre, Höchstalter 27 Jahre

Träger: Gruner+Jahr-Verlag, "Zeit"-Verlag und finanzielle Förderung durch den SPIEGEL

Ablauf der Ausbildung: 32 Wochen in der Schule, 37 Wochen Praktika in vier verschiedenen Redaktionen, acht Wochen Urlaub (davon eine Woche Reise des ganzen Lehrgangs)

Ablauf der Bewerbung: Bewerber schreiben binnen zwei Wochen zu vorgegebenen Themen je eine Reportage und einen Kommentar, die sie inklusive Recherche-Protokoll einsenden. Die 80 besten Autoren werden Mitte 2011 zur dreitägigen Finalrunde nach Hamburg eingeladen: zu Wissens-: und Bildertest, einer Textübung, dem Auswahlgespräch, Recherchieren und Schreiben einer Reportage. Die besten 20 erhalten einen Platz an der Henri-Nannen-Schule (nächster Lehrgangsbeginn: Januar 2012)

Absolventen: Redakteure und freie Mitarbeiter bei regionalen und überregionalen Medien, darunter: SPIEGEL-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron, "Geo"-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede, Gabriele Fischer (Gründerin des Wirtschaftsmagazins "brand eins"), Christoph Keese (Konzerngeschäftsführer "Public Affairs" der Axel Springer AG), Schriftstellerin Ildikó von Kürthy, RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel, der Außenpolitikchef der "Süddeutschen Zeitung" Stefan Kornelius

im Internet: http://www.journalistenschule.de

Axel-Springer-Akademie, Berlin

Teilnehmer: 20

Bewerber: 1200

Dauer: zwei Jahre, startet alle sechs Monate, Bewerbung nur einmal pro Jahr

Kosten/Vergütung: keine/ 1200 Euro im Monat

Voraussetzungen: Höchstalter 29 Jahre, mindestens eine Fremdsprache

Ablauf der Ausbildung: sechs Monate Unterricht mit wechselnden Dozenten an der Journalistenschule, sechs Monate "Welt kompakt", zwei Monate "Bild.de", zehn Monate in einer weiteren Redaktion des Verlags, Studienreise nach New York mit Kurs an der Columbia University

Ablauf der Bewerbung: zweistufiges Auswahlverfahren, erste Stufe: Bewerbung mit schriftlicher Reportage, zweite Stufe für die 100 ausgewählten Kandidaten: Schriftlicher Test zur Allgemeinbildung und Bildertest, Reportage in Berlin, Persönliches Gespräch mit Mitgliedern der Auswahlkommission

Träger: Axel Springer Verlag

Absolventen: Übernahmechancen in den Redaktionen des Axel Springer Verlags, bekannte Absolventen: "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, Stephan Keil (Redaktionsleiter des dpa-Wirtschaftsdienstes), Kriegsreporter Julian Reichelt, Ex-Regierungssprecher Béla Anda

im Internet: http://www.axel-springer-akademie.de

RTL-Journalistenschule für TV und Multimedia, Köln

Teilnehmer: 30

Bewerber: 500

Dauer: zwei Jahre

Kosten/Vergütung: keine/ 770 Euro monatlich, zinsloses Darlehen von 500 Euro monatlich möglich

Voraussetzungen: keine

Ablauf der Ausbildung: Sechs Monate Unterricht mit wechselnden Dozenten an der Journalistenschule, dreizehneinhalb Monate Praktika in Redaktionen bei RTL, viereinhalb Monate Praktika in frei wählbaren Redaktionen, Studienreise nach New York mit Kurs an der Columbia University

Ablauf der Bewerbung: zweistufiges Auswahlverfahren, erste Stufe: Bewerbung mit schriftlicher Reportage, zweite Stufe für die 100 besten Kandidaten: Beantwortung eines schriftlichen Tests zur Allgemeinbildung, Bildertest, Reportage- und Rechercheübung in Köln, Übung zur Bearbeitung eines TV-Beitrages aus vorliegenden Materialien, Persönliches Gespräch mit Mitgliedern der Auswahlkommission

Träger: RTL

Absolventen: Übernahmechancen in den Redaktionen der Mediengruppe RTL Deutschland

im Internet: http://www.rtl-journalistenschule.de

Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft

Teilnehmer: jährlich 20

Bewerber: rund 80

Dauer: vier Jahre

Kosten/Vergütung: Studiengebühren in Abhängigkeit vom Elterneinkommen (0 bis 2000 Euro pro Semester) / keine Vergütung

Voraussetzungen: Abitur; Höchstalter 24 Jahre

Ablauf der Ausbildung: Die Kölner Journalistenschule bildet Journalisten für Politik und Wirtschaft in Print- und Onlinemedien sowie im Hörfunk aus. Im Zentrum der Ausbildung steht die intensive Arbeit an journalistischen Beiträgen, die von der Idee bis zur Veröffentlichung in den Medien begleitet werden. In sechs Praktika – von der Schule vermittelt – lernen die Schüler den Berufsalltag in Lokal- und Online-Medien, in der Öffentlichkeitsarbeit und in überregionalen Politik- und Wirtschaftsredaktionen kennen. Die Ausbildung ist ab dem zweiten Semester mit einem Studium der Volkswirtschaftslehre (Nebenfach Politik) an der Kölner Universität verbunden. Nach vier Jahren erhalten die Schüler neben dem Zertifikat der Journalistenschule auch den Bachelor-Abschluss in VWL.

Ablauf der Bewerbung: schriftlicher Vortest, dreitägiger Aufnahmetest mit Bewerbungsgespräch und sechs schriftlichen Aufgaben (Kommentar, Nachricht, Redigieren, Reportage, Verbalisierung statistischer Daten, Wissen)

Träger: Die Kölner Journalistenschule ist unabhängig von Verlagen, Sendern und Interessengruppen. Träger der Schule ist ein gemeinnütziger Verein, dem derzeit rund 60 Mitglieder - vor allem Journalisten - angehören.

Absolventen: Absolventen der Kölner Journalistenschule arbeiten bei fast allen größeren Tages- und Wochenzeitungen, bei Magazinen, in Online-Medien, im Hörfunk und Fernsehen und in Pressestellen von Unternehmen und Verbänden. Beispiele: Sven Oliver Clausen ("FTD"), Katharina Kroll (Deutsche Welle TV), Henning Krumrey ("Wirtschaftswoche"), Dirk Kurbjuweit (SPIEGEL), Uwe Möller (Westdeutscher Rundfunk), Elisabeth Niejahr ("Zeit"), Ludwig Siegele ("The Economist"), Marion von Haaren (ARD-Studio Brüssel), Jochen Wegner ("Focus Online")

Im Internet: http://www.koelnerjournalistenschule.de

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