Berufe in echt Jacqueline wird Eisfrau

Mango, Malaga, Marzipan? Jacqueline, 21, ist im Speiseeis-Geschäft etwas Besonderes: Als einzige Auszubildende in ihrer Stadt lernt sie Speiseeis-Fachkraft. Bald soll sie auch eigene Eissorten kreieren.

Von Isabel Lochbühler

SPIEGEL ONLINE

Erdbeere, Zitrone, Mango oder doch lieber Pfirsich-Maracuja? So ganz kann sich Jacqueline, 21, nicht für eine Lieblingseissorte entscheiden. Muss sie auch nicht, denn als Auszubildende zur Fachkraft für Speiseeis wird sie bald mehrere Hundert Liter täglich davon herstellen. In der Eismanufaktur Paradies Eis in Hamburg werden an nur einem Tag 50 verschiedene Sorten und 3000 Liter Speiseeis in zwei Eismaschinen produziert.

Wenn das Thermometer 20 Grad und mehr zeigt, hat Jacqueline am Verkaufstresen des Fabrikverkaufs viel zu tun. Seit August wird sie zur Fachkraft für Speiseeis ausgebildet. Der neue Lehrberuf ersetzt seit diesem Jahr den Speiseeishersteller, und davon gab es im vergangenen Ausbildungsjahr deutschlandweit gerade mal 23. Jacqueline ist bislang die einzige Auszubildende zur Speiseeis-Fachkraft in Hamburg. Doch die Handwerkskammer hofft, dass der Beruf durch die Reform der Ausbildung attraktiver wird, damit es künftig deutlich mehr Auszubildende gibt.

Bereits im Mai hatte Jacqueline zwei Wochen bei der Hamburger Eismanufaktur reinschnuppern können, der Chef Axel Steen bot ihr danach direkt eine Stelle an. Jacqueline sagt, sie freue sich vor allem darauf, die Zutaten fast uneingeschränkt zu neuen Sorten kombinieren zu können.

Mehr als nur Eismachen

Der Ausbildungsstart fing für die 21-Jährige noch locker an, mit dem Befüllen der Eisbehälter für den Tresen und dem Bekleben der Eisbecher mit dem Firmen-Logo. Doch bald schon lernte sie die ersten Handgriffe und Kniffe, mit denen Speiseeis produziert wird. Die Ausbildung umfasst weit mehr als das Zusammenschütten von Milch, Früchten und Zucker. Die Gäste freundlich zu bedienen, der Verkauf und der Einsatz diverser Geräte gehören laut Berufsausbildungsverordnung dazu. Ohne Hygienelehre, Personalplanung, Mengenkalkulation und Verkaufsförderung lässt sich keine Eisdiele führen. Nach ihrer Gesellenprüfung soll Jacqueline das können. Ob sie in dem Beruf bleiben will, weiß sie aber noch nicht. Noch plant sie einen Realschulabschluss nach ihrer Lehre in der Eismanufaktur.

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Leerstellen im Lehrlingsmarkt: Tops und Flops der Ausbildungsberufe
Im Betrieb erwartet Ausbilder Steen von seiner Auszubildenden vor allem Pünktlichkeit. Der letzte Azubi kam gleich zu Anfang mehrfach zu spät, da war die Lehre schnell vorbei. Die Firma ist mit vier Mitarbeiter sehr klein, da muss jeder mit anpacken, sagt Steen. Motiviert, flexibel, körperlich fit, so will er seine Azubis haben. Jacqueline ist sicher, dass sie das schafft. Sie hat Spaß, mag die Kollegen und kommt mit dem Chef gut aus. "Er hilft, wo er kann", sagt Jacqueline, und das imponiert ihr.

Im heißen Hamburger August konnte ihr Chef ihre Hilfe besonders gut gebrauchen. Ab Herbst besucht Jacqueline die Berufsschule. In den Schulblöcken der Ausbildung, die je zwei Woche dauern, geht es um die theoretische Seite ihres Berufs: Wie funktionieren die Maschinen, wie werden sie gewartet? In der Manufaktur ist dann weniger zu tun. Nur Großkunden wie Supermärkte und Kantinen werden im Winter mit Eis beliefert. Bis im sonnigen Frühjahr die Schlangen vor den Eisdielen hoffentlich wieder lang werden.

Alles, was Azubis Recht ist
Was muss der Ausbilder können?
Der Ausbilder muss in der jeweiligen Fachrichtung ausgebildet sein und über entsprechende Berufserfahrung verfügen. Das regeln die Paragrafen 29 und 30 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) , die Paragrafen 21 und folgende der Handwerksordnung (HwO) sowie das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) in Paragraf 25.
Wer bezahlt Material und Maschinen?
Der Arbeitgeber muss alle Arbeitsmaterialien bereitstellen, dazu gehören z.B. Kittel, Schutzkleidung, Sicherheitsschuhe, aber auch Fachbücher, Berichtshefte und Schreibmaterialien. Der Azubi ist verpflichtet, mit jedem Arbeitsgerät sorgsam umzugehen. (Paragraf 14 Abs. 1 Nr. 3 und Paragraf 13 Nr. 5 BBiG)
Ist die Arbeit wichtiger als die Berufsschule?
Nein, Berufsschulzeit ist Arbeitszeit. Der Betrieb muss einen für die Schule freistellen - und man muss hingehen. Auch für Betriebsbesichtigungen und ähnliches muss der Ausbildungsbetrieb den Azubi freistellen. Fängt der Unterricht um 9 Uhr an, muss man vorher nicht zur Arbeit, ab fünf Schulstunden täglich muss man auch danach nicht mehr in die Firma, es sei denn, man ist 18 Jahre oder älter. Die Arbeitszeit darf trotzdem nicht über die tariflich geregelte Arbeitszeit hinausgehen. Berufsschulstunden müssen nicht nachgearbeitet werden.
Was ist erlaubt - und was nicht?
Es sind nur Arbeiten erlaubt, die mit dem Ausbildungszweck zu tun haben und die eigenen körperlichen Kräfte nicht übersteigen. Nicht gestattet sind private Aufträge durch den Chef (Auto waschen, Einkaufen, usw.), Urlaubs- und Krankheitsvertretung für Kollegen, Putzen (außer am eigenen Arbeitsplatz und an eigenen Geräten), sowie Fließband- und Akkordarbeit . (Paragraf 14 Abs. 2 BBiG). Quelle: IG Metall Jugend
...und was Azubis Realität ist
Unbezahlte Überstunden
Azubis müssen oft unentgeltlich Überstunden machen. Das geht aus dem DGB-Ausbildungsreport 2009 hervor, für den rund 7000 Lehrlinge befragt wurden. Gut vier von zehn (42,2 Prozent) sagen, dass sie regelmäßig länger als vertraglich vereinbart arbeiten. Fast jeder Fünfte (18,8 Prozent) erhält dafür nach eigenen Angaben keinen Ausgleich. Für Überstunden steht Azubis aber immer eine Vergütung oder Urlaub zu, wie das Bundesbildungsministerium erläutert.
Fachfremde Tätigkeiten
Besonders in kleineren Betrieben müssen Lehrlinge laut dem DGB-Ausbildungsreport oft Dinge erledigen, die nicht zu ihrer Ausbildung gehören. In Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern sagt demnach jeder fünfte Lehrling (19,4 Prozent), dass ihm "häufig" oder "immer" solche Aufgaben übertragen werden. In Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern sagt das nur etwa jeder 15.(6,5 Prozent).



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dickebank 21.09.2014
1. Mittlerer Bildungsabschluss (MSA)
Im Artikel steht, dass die Auszubildende nach der Gesellenprüfung evtl. noch ihren Realschulabschluss (MSA) nachholen will. Macht sie ihren Ausbildungsabschluss (Gesellenprüfung Teil II) mit der Note "befriedigend" und besser, dann hat sie in mehreren Bundesländern wie hier in NRW automatisch ihren MSA einschließlich Fachoberschulreife. Wenn das in HH nicht so ist, einfach umziehen ...
cucco 21.09.2014
2. Wieder ein neuer Beruf der nach was klingt!
Der Chef wünscht sich elastische , pünktliche und zum Anpacken bereite Lehrlinge. Ist es eigentlich erlaubt, dass junge Mädchen 20 kilo Eiskübel wuchten müssen? In Mailand gibt es eine Eis - Akademie für Bio Eis. Dort gibt es auch einige Bio Eisläden, die 12 Monate im Jahr Hochbetrieb haben. Schon das normale italienische Eis ist berühmt, das Mailänder Bio Eis ist ein Traum. Da braucht es kein Sommerwetter , um es zu geniessen. Abgesehen vion dem etwas komplizierteren Bio Eis ist normales Eis auch von Kindern herzustellen, wenn man sich eine Rezept zulegt. In meiner Kleinstadt war der Eisladenbetreiber vorher Autoverkäufer. Eine 3-jährige Lehre zur Eis Fachkraft ist wohl eher für Abgänger aus Sonderschulen gedacht.
kritischerleser50 21.09.2014
3. Spezialisierung
Speiseeis-Fachkraft - Donnerwetter. Das zeigt den Hang zur Spezialisierung. Mein Tipp: In 10 Jahren gibt es dann die Fachkraft für Erdbeereis... eine andere für Himbeereis... und natürlich auch für andere Geschmacksrichtungen. UND: Vielleicht sollte man im Installateurberuf auch so was einführen: "Fachkraft für Schrauben mit Linksgewinde". Und nach 8 Semestern Studium ist man dann "Fachkraft für Kaltwasserleitungen 5 Zoll"...
Joe_Average 21.09.2014
4. Jaqueline in der Fabrik anstatt Giovanni in der Eisdiele?
Schlechtes Beispiel lieber Spiegel...der Beruf wurde - wie der Vorgängerberuf - dafür konzipiert, um ein paar italienische Jugendlichen von der Straße zu holen und ihnen zu einem Berufsabsschluss zu verhelfen, s. Bundesinstitut für Berufsbildung. Diese Jugendlichen arbeiteten vorher ohnehin in der Eisdiele ihrer Familie, aber halt ohne Berufsabsschluss. Jaqueline in einer Eisfabrik gehörte eher weniger zur Zielgruppe dieser Ausbildungsverordnung.
Garum 21.09.2014
5. Manchmal wird es komisch.
In den siebziger war Speiseeisherstellung noch bestandteil meiner Konditor- und Kochausbildung.Da kann mal sehen wie sich die Zeiten ändern.Ich glaube aber in diesem Fall geht es um billige Arbeitsplätze.Ich wüsste nicht wie mann sonst 3 Jahre mit Lehrninhalt füllen möchte.
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