Berufseinsteiger "Du bist ein ganz anderer Mensch"

Ich will so bleiben, wie ich bin, schwören sich viele junge Akademiker. Bis der erste Job alles anders macht: Man hat Geld, aber kaum Freizeit, ist zu erschöpft für Partys, verliert alte Freunde aus den Augen. Mein Leben, mein Job - sieben Berufsstarter erzählen.

Von Christine Zerwes und Katrin Schmiedekampf


In der Uni kam es nicht so drauf an. Klar gab es auch Stressphasen, die langen Büchernächte vor Klausuren, diese wirklich unangenehme Seminararbeit und am Ende das Ringen um eine gute Diplomarbeit. Aber ob man die Vorlesung einmal ausfallen ließ und den letzten Pflichtschein im Sommer- oder im Wintersemester machte - so wichtig schien das nicht. Im Zweifel blieb immer Zeit: für ausdauerndes Feiern, für Gespräche über die Beziehungsnöte der besten Freundin, für den Spontan-Trip nach Mailand und den Kanuurlaub in Schweden.

Gejobbt hat an der Uni fast jeder. Die erste "richtige" Stelle ist anders. Nicht so unverbindlich. Viel fordernder. Mit Fehlern, vor denen man Angst hat, und vielen Erwartungen von anderen oder an sich selbst. Dass der Alltag völlig anders aussieht, merkt jeder sofort. Dass man selbst sich schleichend verändert, nicht unbedingt.

Freunde und Verwandten fällt das oft zuerst auf: Plötzlich fehlt die Zeit und Energie, um sich nach einem langen Tag im Büro oder auf Terminen nachts noch auf der Piste herumzutreiben. Aus Buchlesern werden Fernsehgucker. Der Faktor Geld gewinnt an Bedeutung, dieser aufdringliche Bankberater meldet sich alle drei Wochen, die Einkommenssteuererklärung wartet, und es werden Versicherungsverträge abgeschlossen, über die früher immer alle gespottet haben. Die alten Freunde sind jetzt so weit weg und scheinen in einem Paralleleluniversum zu leben - was hat man sich noch zu sagen? Und vielleicht wandeln sich auch die Vorstellungen von Gesellschaft und Politik total: "Hilfe, werde ich jetzt Spießer"?

Was das Arbeitsleben anrichtet, wie es die Persönlichkeit beeinflusst, wie Menschen sich mit dem Job und durch den Job wandeln - sieben Berufsstarter berichten.

Christoph, 29, Vertriebsbeauftragter in München

"Meine Freunde sagen, ich sei erwachsener geworden. Das hört sich immer so komisch an, aber ich finde das auch. Einfach in den Tag hinein leben, das ist eben vorbei." mehr...

Carola, 27, Beraterin in München

"Ich bin stressresistenter, lasse mich nicht mehr durch Kleinigkeiten aus der Ruhe bringen. Ich entscheide schneller, bin pragmatischer und optimistischer geworden. Aber irgendwann möchte ich mich wieder mehr um mein Privatleben kümmern." mehr...

Max, 29, Kameramann in Berlin

"Früher habe ich mir nicht so viel Sorgen um die Zukunft gemacht. Jetzt beschäftigen mich Dinge wie: Werde ich Kinder haben? Kann ich mit meinem Job eine erfüllende Beziehung führen? Meine Freunde warnen mich oft, dass ich nicht in diesem Tempo weitermachen kann." mehr...


Christiane, 27, Grundschullehrerin in München

"Dass ich immer noch bis spätabends am Schreibtisch sitze, hätte ich nicht gedacht. Inzwischen höre ich gegen 19 oder 20 Uhr auf, leider bin ich dann meist zu müde, um noch Freunde zu treffen." mehr...

Andreas, 27, Architekt in Berlin

"Meine Freunde sagen, ich sei ernster geworden, seit ich arbeite. Ich denke, das stimmt, so ausgelassen und spontan wie früher bin ich nicht mehr. Dafür bin ich organisierter." mehr...

Nicole, 24, Junior Key Account Managerin in Paderborn

"Unter der Woche gehe ich nicht mehr aus, am nächsten Morgen will ich fit für die Arbeit sein. Die Zeiten, in denen man abends feiert und sich in der Uni am nächsten Tag berieseln lässt, sind vorbei." mehr...

Florian, 26, betreibt in Berlin eine Internet-Werbeagentur

"Ich trete selbstbewusster auf und kann mich auch bei Konferenzen durchsetzen, bei denen ich der Jüngste bin. Woran das liegt? Daran, dass ich genau das mache, was ich schon immer machen wollte." mehr...


insgesamt 372 Beiträge
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Seite 1
Adran, 21.06.2006
1.
Nun, ja..mein berufsstart ist ja 5 jahre her..und ist ehr frustierend abgelaufen. Als Frischling, ohne berufserfahrung..kommen dann schnell die rückschläge. Zwar hat man den komischen wisch, wo drauf steht, dass man diesen beruf gelernt hat, aber es fehlt an "Berufserfahrug"..ergo man kommt überhaupt schwer in das berufsleben rein.. Ist man dann erstmal drin, geht es eigentlich halbsweg einfacher. Nur die zeit zwischen berufsausbildung und ersten job ist sehr ernüchternt..und man fragt sich schon, warum man überhaupt eine Ausbildung machen soll, wenn man eh zu hören bekommt, dass man berufserfahrung haben soll...Stellt sich die frage..wie man die sammeln soll, wenn man kaum eine chance bekommt? Stellt man diese frage..dann stehn die münder offen..tja..sollte einem zudenken geben..
Elektro, 21.06.2006
2.
Ich finde die Antworten der befragten Personen allesamt eher traurig und unbefriedigend. Kann es denn wirklich sein, dass es das Ziel für ein erfüllteres Leben ist, mit weniger Schlaf auszukommen? So sehen also die "Opfer" einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft aus.
JoergB, 21.06.2006
3.
---Zitat von Elektro--- Ich finde die Antworten der befragten Personen allesamt eher traurig und unbefriedigend. Kann es denn wirklich sein, dass es das Ziel für ein erfüllteres Leben ist, mit weniger Schlaf auszukommen? So sehen also die "Opfer" einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft aus. ---Zitatende--- Ja oder eher gesagt die Wunschkandidaten der Untenrnehmen. Arbeiten bis in die Puppen und glücklich dabei :)
Pumo, 21.06.2006
4.
Ich bin erst seit 6 Monaten in meinem Beruf - und mir geht es in vielen Dingen ähnlich wie den Menschen in den Beiträgen. Man geht abends nicht mehr so selbstverständlich weg, muss mehr planen... Ich habe allerdings das "Glück", dass ich nur eine halbe Stelle (als Doktorandin) habe - und somit viele Freiheiten. Ich erlebe also gerade einen sehr sanften Übergang vom Studium zum Beruf. Für mich ist das perfekt. Mal sehen, wie es in drei Jahren aussieht, wenn ich meine Promotion abgeschlossen habe...
ninaspiegel, 21.06.2006
5. Berufsstart
Also, bei mir lief alles recht reibungslos (vor drei Jahren), allerdings bleibt die finazielle Sorglosigkeit aus. Ich hatte mir immer gedacht, dass die Geldknappheit besser statt schlechter würde... Schade. Aber ich stehe ja noch am Anfang! ;-)Ansonsten wird man Stress-resistenter und entscheidungsfreudiger; und natürlich MÜDER! Aber was soll man sonst den ganzen Tag tun?
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