Bewerbung online Hört mich da draußen jemand?

Der Online-Bewerbung gehört die Zukunft. Das jedenfalls behaupten Unternehmen gern. Reagieren sie selbst schnell und professionell? FH-Studenten machten den Test - mit 100 exzellenten, aber fiktiven Bewerbungen. Das Ergebnis ist erstaunlich.

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Online-Bewerbung: Nur kühle Resonanz
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Online-Bewerbung: Nur kühle Resonanz

Stellenausschreibungen im Internet, digital verschickte Lebensläufe - Online-Bewerbungen gehören längst zum Alltag. "Nahezu alle Unternehmen ab einer gewissen Größe betreiben heute eine Karriere-Webseite", sagt Armin Trost, Professor für Betriebswirtschaft und zuvor selber Leiter des internationalen Recruitings beim Softwarehersteller SAP. Zusammen mit seinen Studenten der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt und im Auftrag des Frankfurter Consulting-Unternehmens Promerit wollte Armin Trost herausfinden: Wie professionell ist die Behandlung und Bearbeitung von Online-Bewerbungen tatsächlich?

Um die Unternehmen zu testen, konstruierten die Teilnehmer eines Seminars über Personalmanagement im Sommersemester zwei fiktive Bewerber: "Christian Blank" und "Markus Unterberger".

Christian ist 31, arbeitet als Unternehmensberater und müsste eigentlich so etwas wie der Traum-Kandidat jedes Personalchefs sein: Er glänzt mit einem Wirtschaftsdiplom der Uni Erlangen mit (Note: 1,3), einem MBA der University of Georgia (USA), einem Abitur-Durchschnitt von ebenfalls 1,3 und obendrein noch mit vielfältigen internationalen Praktikumserfahrungen, unter anderem aus Australien und Italien.


Auch Markus, der zweite Bewerber, muss sich mit seinem fiktiven Lebenslauf nicht gerade verstecken: Der 26-Jährige steht an der FH München kurz vor dem Abschluss als Betriebswirt. Zuvor hat er schon eine Ausbildung als Bürokaufmann absolviert, außerdem kann er ein Praktikum beim Comic-Konzern Disney in Orlando/ Florida vorweisen. "Beide Bewerber haben erkennbare Schwerpunkte in den Bereichen Finanzen und Personal", sagt Armin Trost, "wir wollten realistische und attraktive Bewerberprofile gestalten, die für einen breiten Einsatz denkbar wären."


Doch die Hoffnung der Bewerbungstester, dass Christian und Markus möglichst oft auf dem Personalkarussell Platz nehmen, wurde enttäuscht. "Zwischen März und Juni haben wir rund 100 Bewerbungen verschickt", erzählt Armin Trost. Mal gingen sie per Mail raus, mal wurden die entsprechenden Formulare auf den Online-Seiten der Unternehmen ausgefüllt. Doch nach durchschnittlich zwölf Tagen lagen in der Regel unpersönlich formulierte Absagemails im elektronischen Briefkasten. Und lediglich vier Mal wurden die vermeintlichen Kandidaten überhaupt zu einem Gespräch eingeladen.

Schon zuvor war den Projektteilnehmern aufgefallen, wie unprofessionell viele Unternehmen mit den Online-Bewerbungen umgingen: Nur 59 Prozent aller Bewerbungen erhielten überhaupt eine Eingangsbestätigung - allerdings mit deutlichen Unterschieden zwischen den Online-Fragebögen (80 Prozent) und den frei formulierten Bewerbungen per Mail, bei denen nur jedes dritte Schreiben bestätigt wurde.

Doch nicht nur die magere Quote der Rückmeldungen verdarb den studentischen Bewerbungstestern die Laune. Mühsam und unbefriedigend war es, alle geforderten Daten auf den Online-Fragebögen der Unternehmen einzugeben: Das dauerte im Schnitt fast eine halbe Stunde, und warum oft sehr detaillierte Daten gefordert wurden, machten die Firmen auch nicht klar. Hinzu kamen immer wieder stark schematisierte Pull-Down-Menüs, in denen sich die Bewerber nicht wiederfanden.

"Firmen reagieren anonym und desinteressiert"

"Nicht selten", heißt es in der Studie, habe es auch technische Probleme bis hin zum Komplettabsturz des Bewerbungssystems gegeben - kein Wunder, dass sich die Begeisterung bei den Studenten in Grenzen hielt. Die negativen Erfahrungen, sagt Armin Trost, seien vor allem "geprägt von dem Aufwand, viele Informationen eingeben zu müssen, gepaart mit dem Gefühl, sich nicht wirklich so präsentieren zu können, wie es den persönlichen Ansprüchen genügt". Dass von allen getesteten Firmen nur eine einzige auch einen Ansprechpartner mit Foto auf ihrer Homepage vorstellt, sei da schon sehr aufschlussreich.

Als "eher ernüchternd" beschreibt Armin Trost deshalb die Erfahrungen mit der Online-Bewerbung: "Während Bewerber hoffnungsvoll eine Vielzahl von Informationen über sich anbieten, reagieren Unternehmen eher administrativ, anonym und in weiten Teilen desinteressiert." Es dränge sich der Eindruck auf, dass viele Firmen so sehr mit der Verwaltung ihrer Bewerberportale im Internet beschäftigt seien, dass sie gar keine Zeit mehr hätten, persönlich auf Bewerber zu reagieren.

Um die Online-Bewerbungsseiten, sagt Armin Trost, komme man als Hochschulabsolvent trotzdem nicht herum. Denn diese Form der Jobsuche habe Zukunft - wenn die Unternehmen es denn schaffen, aus der Vielzahl von Online-Bewerbungen die Interessantesten schnell herauszufiltern und zu diesen Bewerbern dann auch persönliche Kontakte aufzubauen.

Was das konkret heißt, macht der FH-Professor an einem fiktiven Fall deutlich. Sollte Fußball-Ikone David Beckham beim VfB Stuttgart per Online-Bewerbung um einen Job nachsuchen, dann müsste dort innerhalb kürzester Zeit ein komplett anderer, sehr persönlicher Kommunikationsprozess ablaufen, als wenn ein FH-Professor für Betriebswirtschaft sich als Bewerber beim Fußball-Bundesligisten meldet. Armin Trost: "Ich wäre mit einer standardisierten Absage innerhalb 24 Stunden sicherlich einverstanden."

David Beckham vielleicht auch - zumindest in diesen für Trappatonis Balltreter eher trüben Tagen.

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