Bewerbungs-Schnüffler Wie Detektive Schummler und Hochstapler aufspüren

Hier eine Jahreszahl geschönt, dort eine Referenz erfunden und dann auch noch ein Zeugnis selbst gedruckt: Wenn es darum geht, sich selbst ins beste Licht zu rücken, kennt die Phantasie mancher Bewerber keine Grenzen. Um Betrüger zu enttarnen, setzen einige Unternehmen jetzt auf Detektive.

Von Stefan Locke


Detektiv: Letztes Mittel gegen Betrüger
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Detektiv: Letztes Mittel gegen Betrüger

Der Bewerber sah schnittig aus, formulierte eloquent und hatte offenbar große Fachkenntnis. Sachsens Sozialminister Hans Geisler jedenfalls war beeindruckt. Er hatte keine weiteren Fragen. Wenig später war ein gewisser Gert Postel Oberarzt in der Psychiatrie-Klinik im sächsischen Zschadraß. Postel machte, was Ärzte eben so tun. Er entschied über Einweisung und Behandlung von Patienten, erstellte psychiatrische Gutachten und hielt Fachvorträge vor Kollegen. Zum Beispiel über frei erfundene Themen wie die "Bipolare Depression dritten Grades". Keiner merkte etwas, keiner stellte Fragen. Dabei hätte ein einziger Anruf bei seiner angeblichen Universität oder bei einer seiner Referenzen genügt, und Gert Postel wäre aufgeflogen.

Postels dreiste Hochstapelei weist auf ein Problem vieler Arbeitgeber hin: Wie prüfe ich, ob mein Kandidat die Wahrheit sagt? "Mit offenen Augen verhindern viele Firmen, dass Betrüger auffliegen", sagt Manfred Lotze von der Detektei Kocks in Düsseldorf. Dabei würde schon ein Check des Lebenslaufes auf Lücken oder ein Anruf bei einer angegebenen Referenz ganz schnell Licht ins Dunkel bringen.

Personalchefs sind skeptisch gegenüber Detektiven

Manfred Lotze beschäftigt sich von Berufs wegen mit der Wahrheit in Bewerbungen. Vor allem Mittelständler bitten den Detektiv um Hilfe, wenn sie an Kandidaten Zweifel haben. Hauptsächlich geht es dabei um Fachkräfte. Denn oft gebe es für verantwortungsreiche Posten wie Einkaufs- oder Abteilungsleiter nicht genügend qualifizierte Bewerber, sagt Lotze. Tauchten dann beim einzigen in Frage kommenden Kandidaten Zweifel auf, hätten viele Personalchefs keine Alternative mehr. Das ist der Moment, in dem der Detektiv in die Spur geht.

Hochstapler Postel: Das akademische Establishment foppen
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Hochstapler Postel: Das akademische Establishment foppen

"Zuerst prüfe ich den Lebenslauf auf Chronologie und Logik", erläutert Lotze. Alle Unklarheiten und Lücken kann der Personalchef dann im Vorstellungsgespräch ansprechen. Beantwortet der Bewerber die Fragen nicht schlüssig, fliegt er entweder aus dem Kandidatenkreis oder wird detailliert gecheckt.

Dann kontrolliert Lotze Zeugnisse, ruft Personalchefs an und hinterfragt angegebene Referenzen. "Bei rund 50 Prozent dieser untersuchten Fälle erhärtet sich der Verdacht." Viele Personalchefs würden dagegen gar nicht erst anrufen. Gerade das führe jedoch zu der Dreistigkeit mit den Referenzen. Häufiges Argument: der Datenschutz. "Doch was ist mit dem Tatenschutz?", fragt Lotze.

Niedrige Schamschwelle beim Schummeln

Nicht immer biete sich das Hinterher-Telefonieren an, sagt Fritz Grupe, Partner bei der Personalberatung Kienbaum. Er hält nichts von der Schnüffelei hinter dem Rücken der Kandidaten. "Die Vertraulichkeit wäre dahin, wenn wir beim bisherigen Personalchef des Bewerbers anrufen würden", sagt Grupe. Schließlich befänden sich viele seiner Bewerber noch in einem festen Arbeitsverhältnis.

Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnisse: Die Methoden werden immer dreister
Foto: GMS

Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnisse: Die Methoden werden immer dreister

Schönfärbereien im Lebenslauf und Fälschungen in Dokumenten sind indes nicht immer durch einen Anruf nachweisbar. Und die Tricks werden dreister. Ein selbst geschriebenes Diplom mit aus dem Internet heruntergeladenem Universitätslogo oder einfach der Austausch eines Namens auf einer vorhandenen Urkunde seien da noch aufwendig, erklärt Lotze.

Manch einer gebe einfach eine "Eidesstattliche Versicherung" ab, dass ihm das Zeugnis beim Umzug oder Wohnungsbrand verloren ging und deshalb nur eine eigene Abschrift beiliege. "Viele gehen dem auf den Leim", sagt Lotze. Dabei sei eine eidesstattliche Versicherung im privaten Verkehr überhaupt nichts wert.

"Rund 70 Prozent der Bewerbungs-Lügner schaden später auch der Firma, begehen als Mitarbeiter und Manager kriminelle Handlungen", so der Detektiv. Fälle wie Gert Postel sind da noch vergleichsweise harmlos. Sieht man einmal davon ab, dass der falsche Doktor Patienten hätte schaden können, ging es ihm vor allem um sein Ego: Postel wollte mehr, als sein eigener Fleiß und Verstand zuließen. Zudem machte es ihm Spaß, das akademische Establishment ordentlich zu foppen.

Hauptmotiv für die meisten Lügner ist dagegen die persönliche Bereicherung. Mit Hilfe des ergatterten Postens werden, möglichst unauffällig, am Ende alle ausgenommen: das Unternehmen selbst und obendrein die Kunden und Lieferanten. Den so entstandenen Schaden schätzen Lotze und seine Kollegen auf 20 Milliarden Euro pro Jahr.

"Das Schummel-Karussell dreht sich heute immer schneller", sagt Lotze. Kaum einem der Bewerber sei das noch peinlich. Vor allem Personal- und Berufsberater leben davon, ihre Kunden für die Bewerbung passend zu machen. Vielen sei jedes Mittel recht, um sich von der Masse abzuheben, die Schamschwelle dabei äußerst gering. "Bei der Vielzahl von Bewerbungen kommen sie heute immer irgendwo durch", sagt Lotze. Vor allem Großunternehmen, die täglich eine Fülle von Bewerbungen erhielten, müssten hier sensibler sein. "Die behaupten immer, sie hätten ein Gespür für diese Leute." Doch Lotze hält das für Unsinn: "Denken Sie nur an die Schmiergeld-Affären bei der Bahn oder den Skandal bei FlowTex."

Gleich zu Beginn der Zusammenarbeit schnüffeln lassen?

"Die bisher von der Bahn aufgedeckten Korruptionsfälle haben in keinem einzigen Fall etwas mit unserer Einstellungspraxis zu tun", sagt Uwe Herz, stellvertretender Konzernsprecher bei der Bahn. Dennoch könne in einem Großkonzern keiner das ein oder andere schwarze Schaf ausschließen. "Bei uns entscheidet der persönliche Eindruck", so Herz. Zudem müssten gerade Bewerber für Führungspositionen ihre Qualifikation im Original nachweisen können. Eine Detektei habe man bisher noch nicht eingeschaltet.

"Betrugsfälle können wir einfach nicht ausschließen", sagt auch Sabine Metzner, Unternehmenssprecherin für Recruting bei der Siemens AG. Das Unternehmen setze vor allem auf das persönliche Gespräch. "Da merken Sie schnell, ob jemand authentisch ist." Anrufen und Nachforschen würde man dagegen nicht. Und von Detekteien hält sie überhaupt nichts. "Es wäre eine problematische Zusammenarbeit, wenn man schon zu Beginn einen Detektiv einschalten muss", sagt Metzner.

Mehr Wachsamkeit in den Personalabteilungen würde ja auch schon viel helfen, sagt Detektiv Lotze. Dann, ist er sich sicher, wäre der Fall Gert Postel gar nicht erst passiert. Der falsche Oberarzt flog erst nach anderthalb Jahren auf. Inzwischen war ihm sogar eine C4-Professur angeboten worden. Doch statt an die Uni kam Postel hinter Gitter. Nicht, dass seinem Arbeitgeber etwas aufgefallen wäre - eine Patientin hatte den vorbestraften Hochstapler erkannt.



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