Bildungsmonitor Deutschland gehen die Technikfüchse aus

Deutschland renoviert seine Bildungssektoren - aber die Modernisierung ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Hunderttausende Ingenieure und Facharbeiter verschwinden in den Ruhestand, die Zahl der Techniker wird bis 2030 um 1,8 Millionen fallen, prognostiziert das Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Schülerin vor Windrädern: Deutschland braucht Ingenieursnachwuchs
Corbis

Schülerin vor Windrädern: Deutschland braucht Ingenieursnachwuchs


Deutschland hat seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2001 alle bildungspolitischen Felder beackert - von der Kindertageseinrichtung bis zur Universität, und das zum Teil sehr erfolgreich. Die Bildungsarmut sinkt, es gibt mehr Studenten, sie studieren effizienter, und das Land öffnet sich zunehmend für Bildungszuwanderer.

Das ist dem Bildungsmonitor zu entnehmen, der an diesem Dienstag veröffentlicht wird und der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Der Bildungsmonitor wird von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft herausgegeben, einer Interessenvertretung der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie. Erstellt hat die Studie Axel Plünnecke, Leiter des Kompetenzfelds Humankapital und Innovationen am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Die Zahl der Studenten ist demnach geradezu explodiert, das ist keine Überraschung. Der Bildungsmonitor aber zeigt, dass sich die Zahl der Absolventen in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Studienfächern zwischen 2000 und 2012 fast verdoppelt hat, auf 108.500.

Seit dem Jahr 2000 ist auch die Zahl der Hochschulabsolventen stetig gestiegen, zusammengerechnet waren es bis zum Jahr 2011 zusätzlich fast 696.000. "Der Pisa-Schock war in Wahrheit ein Pisa-Ruck", sagt Studienleiter Plünnecke. "Es hat sich seitdem viel getan in Deutschland, und zwar quer durch alle Bildungseinrichtungen."

Zwischen 2005 und 2011 sanken die Anteile an Jugendlichen ohne abgeschlossene Berufsausbildung in allen Bundesländern, zum Teil sogar stark. In Schleswig-Holstein etwa von 25 auf 18,4 Prozent und in Bayern von 14 auf 10,4 Prozent. Das hat große Auswirkungen auf die absoluten Zahlen der Bildungsverlierer. Allein in den großen drei Bundesländern NRW, Bayern und Baden-Württemberg sank die Zahl der jungen Ungelernten um 180.000.

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Bildungsmonitor für Techniker: Dramatisch stürzende Linien
Das Bundesland Bremen, bei Pisa mit 30 bis 40 Prozent Risikoschülern stets am Ende der Tabelle, hat sich im Bildungsmonitor weit nach vorn geschoben - wegen der guten Ausbildungssituation. Bremen hat im Ländervergleich die relativ "höchste Zahl an verfügbaren beruflichen Ausbildungsplätzen".

Auch das Anwerben ausländischer Fachkräfte, die in Deutschland ausgebildet wurden, hat sich der Studie zufolge verbessert. "Die Studierenden aus dem Ausland kommen, um zu bleiben. Rund jeder zweite Bildungsausländer bleibt in Deutschland."

Allerdings sei der "demografische Verlust" vor allem an Facharbeitern und Ingenieuren dramatisch. Die Fachkräfte verschwinden in den Ruhestand, es kommen nicht genügend junge nach.

IW prognostiziert dramatischen Fachkräftemangel

Deswegen haben die Forscher gleich an den Anfang ihrer Studie eine verstörende Grafik gesetzt. Bunte Linien verlaufen da erst parallel - dann bricht die hellblaue Linie nach unten aus. Es ist die Linie der Facharbeiter und Ingenieure aus dem Mint-Bereich - also das Aggregat der Hochschulabsolventen von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und der gelernten Techniker. Es wird bis 2030 etwa 1,8 Millionen weniger von ihnen geben, prognostiziert das IW.

Der Grund: Der Anteil der Mint-Kräfte unter den 40- bis 44-Jährigen liegt bei 24 Prozent, bei den 30- bis 34-Jährigen nur noch bei 19 Prozent. Plünnecke fordert daher: "Das Land darf auf keinen Fall seine Bemühungen einstellen, um nach Potentialen für Qualifizierung zu suchen. Der Kampf um die Talente gilt inzwischen für alle Gruppen." Plünnecke verweist aber darauf, dass der Bildungserfolg in Deutschland noch immer sehr stark von der sozialen Herkunft und vom Bildungshintergrund der Eltern abhängt. "Es ist dringend nötig, die Aufstiegsmobilität zu erhöhen."

Ganz ähnlich argumentierte bei diesem Punkt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der natürliche Gegenspieler der wirtschaftsnahen INSM. "Die Bildungsarmut bleibt das zentrale Problem unseres Bildungswesens. Gelingt es nicht, die Zahl der jungen Menschen ohne Berufsabschluss und der Schulabbrecher drastisch zu senken, birgt das für unsere Gesellschaft sozialen und ökonomischen Sprengstoff", sagte der Bildungsreferent Matthias Anbuhl beim DGB-Bundesvorstand.

Axel Plünnecke fordert, das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern solle abgeschafft werden, um "so mehr Investitionen in die Bildungsinfrastruktur möglich zu machen". Der IW-Forscher empfahl, auch praktische Konsequenzen aus der Studie zu ziehen: "Die Informationen über Schulqualität, die uns die vielen Vergleichsstudien zur Verfügung stellen, sollten wir nutzen: Was machen erfolgreiche Schulen anders? Das ist die Leitfrage der nächsten Jahre."


DPA

WIE ENTSTEHT FACHKRÄFTEMANGEL?

Her mit mehr Ingenieuren, sonst ist der Standort Deutschland in Gefahr: Ist diese Warnung nur blanker Alarmismus? Im KarriereSPIEGEL erklärt IW-Experte Karl Brenke den Fachkräftemangel zur Fata Morgana und die vielen Ingenieursstudenten zu Opfern des "Schweinezyklusses". mehr...


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CA-Fire 22.10.2013
1. Was ein Wunder,
wenn der Durchschnittsverdienst für einen Ingenieur bei 3000 Euro brutto liegt, ist das kein Wunder.im westlichen Ausland gut das Doppelte bei angenehmeren Lebensumständen.
kaiser_luftkühlung 22.10.2013
2. Soso,..
die Initiative neue Marktwirtschaft.... Wer denen glaubt, glaubt auch an Gott.
braintainment 22.10.2013
3. Dr.
Wundert mich jetzt nicht. Wie werden Kids denn heute noch für Technik begeistert bzw. an Technik herangeführt? Das "Technikangebot" erschöpft sich doch im Wesentlichen in "Klicki-Bunti" Handys, Tablets, etc. Da ist nichts mehr auseinanderzunehmen und insbesondere wieder zusammenzubauen (von einem Akku- oder Displaywechsel mal abgesehen). Auch Sendungen wie Löwenzahn und Sendung mit der Maus sind Mangelware - lieber werden hirnlose Talkshows und Big Brother gesendet, um nur einige Beispiele zu nennen.
echobravo 22.10.2013
4. Titel
Genau deswegen sind auch immer mehr Ingenieure in schlecht bezahlter Leiharbeit. Die 3000€ aus Beitrag #1 kann ich bestätigen. Es gibt also dennoch zuwenig Fachkräfte? Schwachsinn, von vorne bis hinten... Da ist er wieder, der 20-Jährige Absolvent, Studium in Rekordzeit mit 7 Auslandssemestern, 5 Sprachen flüssig, neben dem Studium BA gemacht, Weltweit flexibel und nimmt gerne einen 12-Monatsvertrag mit 15000€ brutto im Jahr...
mps58 22.10.2013
5. Technikfeindlichkeit
Es liegt an der Technikfeindlichkeit der sich als "links" begreifenden Teile der Gesellschaft und deren überproportionalen Anteil in den Medien. Mit Sozialwissenschaftlern und Betriebswirten allein ist leider Deutschlands Zukunft nicht zu sichern. Die Politik täte gut daran, diesem Umstand Rechnung zu tragen, und nicht nur undifferenziert nach "mehr Bildung" schlechthin zu rufen.
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