Brain-Drain in Griechenland Junge Akademiker wollen flüchten

Keine Jobs, hohe Steuern, kaum Möglichkeiten zur Weiterbildung: Mehr als zwei Drittel aller jungen Akademiker in Griechenland denken darüber nach auszuwandern. Laut einer Studie haben 40 Prozent sogar schon entsprechende Anträge gestellt. Den Arbeitgebern fehlen Gründe, sie zu halten.

Einkaufsstraße in Athen: Die Arbeitslosigkeit steigt im Rekordtempo
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Einkaufsstraße in Athen: Die Arbeitslosigkeit steigt im Rekordtempo


Athen - In Griechenland ziehen wegen der schlimmen wirtschaftlichen Lage 70 Prozent der jungen Akademiker im Alter zwischen 22 und 35 Jahren eine Auswanderung in Betracht. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage, die das griechische Meinungsforschungsinstitut Kapa Research durchführte.

Sie wurde am Sonntag in der Athener Zeitung "To Vima" veröffentlicht. Rund 40 Prozent der Befragten sagten, sie hätten bereits erste Anträge gestellt, hauptsächlich im europäischen und US-amerikanischen Ausland zu arbeiten.

Befragt wurden insgesamt 5442 Absolventen von Universitäten und anderen Hochschulen des Landes. Vor allem Computerspezialisten, Chemieingenieure, aber auch Hotelfachexperten aus Griechenland hätten gute Chancen, Arbeit vor allem in anderen EU-Staaten zu finden, hieß es.

Die Arbeitslosigkeit steigt in Griechenland im Rekordtempo: 602.185 Griechen waren im Mai offiziell arbeitslos - 43 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Damit war der höchste Stand seit Beginn der monatlichen Statistik 2004 erreicht worden. Die Arbeitslosenquote sprang von 8,5 auf 12 Prozent. Betroffen sind vor allem die 15- bis 24-Jährigen: In dieser Altersgruppe lag die Arbeitslosenquote den Angaben zufolge im Mai bei 32,5 Prozent (Vorjahr 25 Prozent).

Schlechte Chancen auf Weiterbildung, schlechte Chancen auf einen Job

Die griechische Wirtschaft wird durch ein drakonisches Sparprogramm der Regierung belastet. Athen muss in diesem Jahr sein Staatsdefizit von fast 13 Prozent auf rund acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts drücken. Die Regierung hat wegen der enormen Schuldenlast die Gehälter im öffentlichen Dienst gekürzt und die Mehrwertsteuer mehrfach angehoben.

Im Gegenzug spannten EU und IWF einen 110 Milliarden Euro großen Rettungsschirm für die kommenden drei Jahre, um Griechenland vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren. Im vergangenen Jahr lag das Haushaltsdefizit bei über 13 Prozent.

In einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung zum "Lernklima" in europäischen Ländern landete Griechenland auf dem drittletzten Platz. Bei der beruflichen Aus- und Weiterbildung ist der Staat Europas Schlusslicht.

Wenig Hoffnung verspricht auch das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Personaldienstleisters Manpower. Das Unternehmen fragte im Juni rund 16.000 Arbeitgeber in 18 Ländern: "Wie glauben Sie wird sich die Zahl der Beschäftigten an ihrem Standort in den kommenden drei Monaten bis Ende September entwickeln, verglichen mit dem Vorjahr?" Ergebnis: In keinem Land äußerten sich die Chefs so pessimistisch wie in Griechenland.

bim/dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
George712 29.08.2010
1. Einfach nur traurig
Genauso, wie ich es erwartet habe. Ist einfach nur traurig, wie dieses Land von der eigenen Regierung ausgenommen und ausgeblutet wurde. Tut mir in der Seele weh. Die junge Generation zahlt jetzt die Fehler der Alten und wird gezwungen die eigene Heimat zu verlassen. Diese 2. Auswanderungswelle habe ich vorausgesehen.
Steve Holmes 29.08.2010
2. .
Zitat von sysopKeine Jobs, hohe Steuern, kaum Möglichkeiten zur Weiterbildung: Jeder siebte junge Akademiker in Griechenland denkt darüber nach auszuwandern. Laut einer Studie ist jeder vierte sogar drauf und dran, das Land zu verlassen. Arbeitgebern fehlen Gründe, die sie zurückzuhalten könnten. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,714452,00.html
Es ist gut für alle, wenn Arbeitslose Griechen im Ausland eine Stelle finden. Die haben einen Job und das Land wird von Sozialkosten entlastet. Warum das hier negativ dargestellt wird kann ich nicht nachvollziehen.
Megunfant 29.08.2010
3. Falsche Kombination
Zitat von sysopKeine Jobs, hohe Steuern, kaum Möglichkeiten zur Weiterbildung: Jeder siebte junge Akademiker in Griechenland denkt darüber nach auszuwandern. Laut einer Studie ist jeder vierte sogar drauf und dran, das Land zu verlassen. Arbeitgebern fehlen Gründe, die sie zurückzuhalten könnten. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,714452,00.html
Genau deswegen ist die Kombination aus Einsparungen und Einnahmenerhöhungen fatal. Wesentlich effektiver (nachgewiesener Maßen: siehe z.B. Wirtschaftswoche) sind Einsparungen zusammen mit Steuersenkungen. Wobei die Einsparungen natürlich wesentlich höher sein müssen, als die Einnahmenreduzierung aus den Steuersenkungen. Neben dem rein finanziellen Aspekt spielt hier auch der psychologische Effekt eine enorme Rolle. Ja wir müssen massiv Ausgaben kürzen. Aber wir sorgen gleichzeitig für die Verbesserung unserer Wettbewerbsfähigkeit und Standortattraktivität.
forumgehts? 29.08.2010
4. Gastakademiker?
Zitat von sysopKeine Jobs, hohe Steuern, kaum Möglichkeiten zur Weiterbildung: Jeder siebte junge Akademiker in Griechenland denkt darüber nach auszuwandern. Laut einer Studie ist jeder vierte sogar drauf und dran, das Land zu verlassen. Arbeitgebern fehlen Gründe, die sie zurückzuhalten könnten. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,714452,00.html
Hat man auch Informationen, wohin diese Leute auswandern wollen? Nach D wohl eher nicht?
schweineigel 29.08.2010
5. Wieviele?
Jetzt stellt sich nur noch die Frage, wie viele Absolventen es denn jetzt insgesamt sind. Griechenland hat ja nur 11Mio Einwohner. Und die Bildungsstätten sind schon seit langem verrottet und verarmt. Sicherlich gibt es Ausnahmen. Aber ich glaube, dass es nur recht wenige sind. Eher werden die Niedriglöhner ein Massenproblem sein. Und da ist Deutschland auf dem "guten" Weg, dem entgegenzukommen.
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