Buch aus dem Knast Märchenstunde mit Jürgen Höller

Einst warf er in ausverkauften Hallen bunte Bälle in die Luft, inzwischen sitzt "Deutschlands teuerster Motivationstrainer" für drei Jahre im Gefängnis. Am Mittwoch erscheint Jürgen Höllers neues Buch "Und immer wieder aufstehen" - ein verkitschter Fall von Realitätsverlust: Höller geriert sich als Unschuldslamm, keine Spur mehr von der im Prozess simulierten Reue.

Von Bärbel Schwertfeger


Höller in besseren Zeiten: Millionenumsätze, flottes Leben
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Höller in besseren Zeiten: Millionenumsätze, flottes Leben

Es war einmal ein kleiner Junge, der immer Angst hatte, dass ihn seine Eltern nicht genug lieben. In der Schule war er nicht nur der Kleinste und Schwächste, auch seine Leistungen waren schlecht. Doch dann fand er seine Mission, aus ihm wurde Europas größter Motivationstrainer: Durch ihn sollten die Menschen erfolgreicher und glücklicher werden.

Und so predigte der große Junge auf seinen Powertagen und Motivationsshows unermüdlich, dass jeder alles erreichen kann - er muss es nur wollen und daran glauben: "Alles ist möglich". Schließlich war der Motivationsguru selbst doch der beste Beweis dafür. Sein Unternehmen Inline AG blühte. Er verdiente Millionen und schwelgte im Luxus; ständig belagerten ihn Scharen von Journalisten und Kameraleuten, um seine frohe Kunde in die Welt zu tragen. Berauscht von seinem Erfolg plante er den Börsengang und wollte seine Inline AG zum weltgrößten Konzern im Bereich Weiterbildung machen.

Doch auf den märchenhaften Aufstieg folgte eine jähe Bruchlandung. Jürgen Höller scheiterte letztlich auch an seinem glamourösen Lebensstil. Plötzlich war die Inline AG pleite; Ende Oktober 2002 wurde "Deutschlands teuerster Motivationstrainer" wegen Verdacht auf Untreue verhaftet. Am 8. April folgte das Urteil: Drei Jahre ohne Bewährung wegen Untreue, vorsätzlichen Bankrotts und falscher eidesstattlicher Versicherung.

Leben auf großem Fuß

900.000 Euro hatte Höller aus der Firmenkasse entnommen, um damit seine erheblichen privaten Schulden zu begleichen. Einer Firma hatte er für fiktive Gutachterleistungen 290.000 Euro aus dem Betriebsvermögen überwiesen, um damit dem Finanzamt die Vorsteuer in Rechnung stellen zu können. 250.000 Euro davon flossen gleich wieder auf sein Privatkonto.

Höller im Gefängnis Hameln (im Jahr 2000): Ließ JVA-Beamte über Scherben laufen
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Denn der "mehrfache Millionär" hatte weit über seine Verhältnisse gelebt und für seinen großspurigen Lebenswandel weit mehr ausgegeben, als er verdiente. Zudem schaffte Höller Geld beiseite, um es den Gläubigern bei der drohenden Insolvenz zu entziehen, und verschwieg bei seinem Offenbarungseid Bargeld in Höhe von 65000 Euro sowie ein Guthaben von 232000 Euro in der Schweiz.

"Ja, ich habe Fehler gemacht, die ich bitter bereue", gab sich der 39-Jährige vor Gericht zerknirscht, "ich war geblendet und hatte die Bodenhaftung verloren." In der Haft habe er gar "Demut" gelernt.

Peinliche Heuchelei

Demut? Davon finden sich in seinem neuen Buch, das am Mittwoch erscheint, allenfalls Spurenelemente. Eigentlich sollte es schon im Februar mit dem Titel "Jetzt erst recht! Wie ich die größten Krisen meines Lebens bewältigte" auf den Markt kommen und sein "glanzvolles Comeback" beschreiben. Aber dann kam die Untersuchungshaft dazwischen, Höller, der einst Justizvollzugsbeamte über Scherben laufen ließ, schrieb das Buch um.

Neues Höller-Buch: Demut-Masche und böse Staatsanwälte

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"Er soll ehrlich auf seine Situation und auch auf das Urteil eingehen", hieß es noch im Februar vom Pendo Verlag. Doch eine Stellungnahme zum Urteil sucht man vergebens. Lediglich auf dem Buchrücken wird es erwähnt. Nun heißt das Buch "Und immer wieder aufstehen" und ähnelt eher einem Märchenbuch vom unschuldigen Erfolgsstar: Höller beschreibt sich vor allem als Opfer geschäftstüchtigen Berater, die am Börsengang seiner Inline AG verdienen wollten und ihn dann ins offene Messer laufen ließen.

Ansonsten schildert er, wie er von hemmungslosen Heulkrämpfen gebeutelt wird und jammert: "Warum, lieber Gott, warum machst du das mit mir? Was habe ich verbrochen, dass du mich so bestrafst." Auch als die örtliche Presse über seinen Absturz berichtet, drückt er kräftig auf die Tränendrüse: "Meine armen Kinder, meine arme Familie."

Die Hölle, das sind die anderen

Schließlich ist es nur noch die Liebe seiner Frau Kerstin, die ihm Kraft zum Durchhalten gibt. Höller schmachtet: "In diesem Moment floss mein Herz über vor Liebe und ich wusste, dass dies die Frau ist, mit der ich sein ganzes Leben in tiefer Liebe verbringen will."

Die Hölle, das sind die anderen. Und die wollen ihm alle nur Böses - die Schmierfinken von der Presse, die Juristen. So ist der abgestürzte Erfolgsverkünder davon überzeugt, dass es der Staatsanwaltschaft bei seiner Verhaftung nicht um einen normalen Fall ging, "sondern schlicht und einfach um ein Politikum: einen Promi zu hängen".

Ans Herz gehen sollen auch die Schilderungen seines Knastalltags: Täglich liest Höller in der Bibel, befriedigt sich selbst, zerfressen von der Sehnsucht nach seinem "wunderschönen Schmetterling" Kerstin. Und beklagt sich bitter, dass er zum Essen Margarine bekommt, deren Verfallsdatum schon abgelaufen ist.

So grausam kann das Schicksal sein. Seinen eigenen Anteil am Finanz-Fiasko spielt Höller herunter und präsentiert sich ganz als Unschuldslamm, ohne Eingeständnis seiner kriminellen Transaktionen. Stattdessen fleht er seine Leser an, das Buch fünf Menschen zu empfehlen - damit es möglichst viele in kurzer Zeit lesen. Und dann wie er "bewusster leben".



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