Hilfe von der WG-Therapeutin Was tun, wenn die Mitbewohnerin psychisch erkrankt ist?

Jakobs Mitbewohnerin schreit in der Nacht herum, lässt die Wohnungstür offen, vergisst, den Backofen auszuschalten - und sie hat eine Essstörung. Kann Jakob ihr helfen?

Junge Frau (Symbolbild)
plainpicture/ Gordon Spooner

Junge Frau (Symbolbild)

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Jakob* schreibt:

Meine Mitbewohnerin lässt ihre dreckige Unterwäsche im Bad liegen. Sie hat eine Art von Bulimie und macht danach das Klo nicht sauber. Überall in der Wohnung liegen Haarbüschel von ihr herum, besonders in der Küche ist das eklig.

Sie hat auch schon mal vergessen, den Backofen auszumachen. Das Tiefkühlgemüse ist angebrannt und der Rauchmelder ging los. Sie wäscht nichts ab, und seitdem sie eingezogen ist, hat sie noch nie den Müll rausgebracht oder geputzt.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Erziehungswissenschaftlerin Sabine Stiehler. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Es ist jetzt auch schon öfter vorgekommen, dass sie mitten in der Nacht anfängt herumzuschreien. Manchmal ruft sie etwas, das ich nicht verstehen kann, manchmal schreit sie "Alicia" oder "Maria, hör auf", "Scheiße", "Wichser", "lass mich".

Einmal war sie mehrere Tage lang verschwunden. Seitdem redet sie nicht mehr mit mir. Ein anderes Mal, als ich gerade die Wohnungstür aufschließen wollte, hat sie um Hilfe gerufen. Ich habe dann versucht, mit ihr zu reden. Aber das ist nicht möglich.

Es ist auch schon ein paarmal vorgekommen, dass sie die Wohnungstür einfach aufgelassen hat, wenn sie zur Arbeit gegangen ist - deswegen habe ich schon den Vermieter um Hilfe gebeten, aber der hat sich bereits seit zwei Monaten nicht mehr bei mir gemeldet.

Was soll ich tun?

*Name geändert

Zur Person
  • Amac Garbe
    Sabine Stiehler lindert den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser. Stiehler ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und leitet die Psychosoziale Beratungsstelle im Studentenwerk Dresden.

Sabine Stiehler antwortet:

Hallo Jakob,

Ihre Mitbewohnerin hat mit großer Wahrscheinlichkeit eine psychische Erkrankung. Ihr Verhalten ist unberechenbar, Sie können nicht abschätzen, was sie am nächsten Tag macht oder was passieren wird.

Sie müssen deswegen auf jeden Fall den Vermieter einschalten - und zwar mit Nachdruck. Bleiben Sie hartnäckig, fordern Sie ihn auf zu handeln. Wenn ihre Mitbewohnerin den Backofen an- und die Tür auflässt, dann ist ihr Verhalten gemeingefährlich. Das müssen Sie dem Vermieter klarmachen. Reagiert er nicht auf E-Mails oder ist telefonisch nicht zu erreichen, schicken Sie ihm einen Brief mit der Post oder gehen Sie persönlich bei ihm vorbei.

Ich rate Ihnen auch, den sozialpsychiatrischen Dienst einzuschalten. Fragen Sie die Psychologen und Sozialarbeiter, die dort arbeiten, wie Sie sich am besten verhalten können. Bitten Sie auch darum, dass jemand vorbeikommt, um mit Ihrer Mitbewohnerin zu reden. Aber sagen Sie das Ihrer Mitbewohnerin vorher.

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Wenn Sie etwas hinter ihrem Rücken entscheiden, könnte die Situation eskalieren. Aus diesem Grund würde ich ohne ihr Einverständnis auch keinen Kontakt mit Freunden oder ihren Eltern aufnehmen.

Sie kommen in dieser WG auf jeden Fall an Ihre Belastungsgrenzen. Sie sind kein Sozialarbeiter und müssen die Probleme Ihrer Mitbewohnerin nicht lösen. Wenn Sie das Zusammenleben allerdings nicht länger aushalten, und Ihre Mitbewohnerin lässt sich auf keine professionelle Hilfe ein - dann ist es das Beste, Sie packen Ihre Sachen und ziehen aus.

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
emporda 01.05.2018
1. Wie Demenz bei Alten
Unsere Schwiegermutter hatte mit 90 zwar andere Macken, aber sie war ebenso gemeingefährlich und konnte jede Minuten die große Katastrophe auslösen. Sie schlug blindwütig mit ihrer Stahlkrücke auf jeden ein, der ihr widersprach. Wir hatten das Überfallkommando mit 10 schwer bewaffneten Polizisten im Haus, die wollten einen schwer mißhandelten Sklaven befreien. Der saß ober in seiner Wohnung vorm Fernseher, grinste und genoß seine Gemeinheiten. Zum Glück wurde die Schwiegermutter durch das Sozialgericht teilentmündigt, zwangsweise in ein geschlossenes Heim gebracht und dort mit Neuroleptika ruhig gestellt. Ohne Medikamente war ein Treffen mit anderen Menschen nicht zu veranworten Es war danach das erste Mal seit Jahren, dass ich mit meiner Frau das Haus gemeinsam verlasen konnte, hinter uns abschließen und danach irgendwo etwas genießen. Ein unglaubliches Gefühl der Befreiung
touri 01.05.2018
2.
Ich würde sämtliche genannten Schritte, die höchst wahrscheinlich nichts bringen werden, überspringen und mir gleich eine neue Wohnung suchen.
Immanuel K. 01.05.2018
3. Sorry, aber das ist alles ziemlicher Stuss...
...was sind das denn alles für Ratschläge - was hat denn der Vermieter damit zu tun, wenn ein Mieter krank ist??? Es liegt offensichtlich sowohl Fremd- als auch Eigengefährdung (Herd nicht abgeschaltet) vor. Da ist eindeutig die Polizei der Ansprechpartner der Wahl - und man muss eine Zwangseinweisung in Erwägung ziehen. Die Polizei würde versuchen mit der Dame zu reden, sollte das nicht möglich sein, würde sie in eine Psychiatrie gebracht, wo psychiatrisches Fachpersonal die Sache beurteilen würde. Darüber hinaus würde ein Richter über eine Zwangsunterbringung befinden.
alfredo24 01.05.2018
4. Verhalten offenbar nur anerzogen?
Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Mitbewohnerin nicht unbedingt eine psychische Erkrankung hat, sondern einfach ein Elternhaus hatte, in dem alles erlaubt war. So brachten die Eltern in jedem einzelnen Fall einen nachvollziehbaren Grund hervor, nur nicht den, dass sie die Erziehung vollkommen vermurkst hatten und keine Grenzen festlegten. Jetzt ist das arme Mädchen auch noch psychisch krank, denken wohl die Eltern. Dabei ist das Verhalten einfach nur anerzogen, so zumindest meine Meinung hierzu.
ollis.post 01.05.2018
5.
Als WG SPON Ratgeber würde ich klären wer hier Hauptmieter ist, denn wer hier auszieht sagt nicht der Ratgeber, sondern der Hauptmieter. Einfach zu sagen: „Zieh aus“ würde ich so nicht hinnehmen wenn das meine Wohnung wäre.
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