Studenten So drücken sich Bundesministerien um Praktikanten-Bezahlung

Jedes Jahr absolvieren Hunderte Studenten ein Praktikum in einem Bundesministerium. Viele schreiben Reden, organisieren Veranstaltungen und führen Protokoll. Die beliebtesten Häuser zahlen dafür nicht. Denn was Arbeit ist, ist Definitionssache.

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DPA

Es ist eine Top-Adresse. Sie schillert nicht nur, sie raunt auch, von Geheimnissen, Macht und Exklusivität. Wer hier arbeitet, spricht nicht viel über den Inhalt seiner Arbeit. "Ich darf nicht sagen, um was es genau ging", sagt Ole Berger*. "Aber was ich den Kollegen zugearbeitet habe, war schon wichtig." Berger, 26, hat in diesem Herbst ein begehrtes Praktikum gemacht: Im Planungsstab des Auswärtigen Amts in Berlin. Hier werden außenpolitische Strategien erarbeitet und direkt an den Minister weitergereicht.

Hierher kommt nur, wer schon einiges vorweisen kann. Berger steht kurz vor seinem Master-Abschluss, er studiert Internationale Studien, Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt und Darmstadt, war im Ausland, hat Praxiserfahrung. Er weiß: "Einen tollen Job im institutionellen Bereich bekommt man nicht ohne Praktika." Was Berger nicht gefiel: dass er keinen Cent bekam für das Praktikum. Dass er zusätzlich zu den 40-Stunden-Wochen im Amt noch an den Wochenenden zehn bis zwölf Stunden im Homeoffice für eine Frankfurter Firma jobben musste, um sich das zehnwöchige Praktikum leisten zu können. Dass er die finanzielle Hilfe von seinen Eltern und den Freundschaftsdienst eines guten Kumpels in Anspruch nehmen musste, der seine Einzimmerwohnung in Berlin mit ihm teilte.

Alle 14 Bundesministerien bieten Praktika an. Im Jahr 2012 waren es insgesamt 1751 Plätze, allein 1009 Praktikanten arbeiteten durchschnittlich drei Monate für das Auswärtige Amt. So steht es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag (hier als pdf).

Dazu kommen noch 2984 junge Menschen, die Praktika in Behörden absolvieren, die den Bundesministerien nachgeordnet sind. Acht der Bundesministerien bezahlen ihre Praktikanten, 300 Euro monatlich sind es meistens. Sechs dieser Berliner Ministerien bezahlen ihre Vollzeitpraktikanten jedoch nicht. Keine Vergütung und keine Aufwandsentschädigung zahlen: das Auswärtige Amt, das Innenministerium, das Finanzministerium, das Wirtschaftsministerium, das Verteidigungsministerium und das Umweltministerium.

(Die Minister im neuen Merkel-Kabinett zeigt Ihnen diese interaktive Grafik)

Der Trick der Ministerien

Die Nicht-Bezahlung von Praktikanten in manchen Ministerien steht schon länger in der Kritik. Im November 2011 überarbeitete die Bundesregierung die "Praktikantenrichtlinie Bund", initiiert durch das Bundesinnenministerium. Laut Innenministerium waren an der Ausarbeitung auch alle anderen Ministerien beteiligt. Seit zwei Jahren ist die aktuelle Fassung in Kraft, in der es unter anderem heißt: "Für Praktika von Schülerinnen und Schülern, Berufsschülerinnen und Berufsschülern sowie Studierenden sind mindestens 300,- Euro monatlich zu zahlen."

Dieser Satz gilt allerdings nur für sogenannte freiwillige Praktika. Daneben gibt es noch die sogenannten Pflichtpraktika. Dazu heißt es in der Richtlinie: Die Praktikanten "besitzen keinen gesetzlichen Vergütungsanspruch. Es kann ihnen jedoch auf der Grundlage einer vertraglichen Regelung zum Ausgleich der entstehenden finanziellen Belastungen eine steuerpflichtige Aufwandsentschädigung gezahlt werden."

Was gut klingt hat einen Haken: "Freiwillige Praktika" sind aus Sicht der Bundesregierung solche, die jemand aus freien Stücken und auf eigenen Wunsch macht. Pflichtpraktika sind solche, die durch eine Studienordnung vorgeschrieben sind. Dass mittlerweile viele Bachelor- und Masterstudienordnungen ein Praktikum vorsehen, und dass es den Studenten so gut wie immer selbst überlassen ist, wo sie dieses absolvieren, macht die Unterscheidung ohnehin fragwürdig.

Hinzu kommt ein Trick einiger Ministerien, mit dem sie sich um die Bezahlung ihrer Praktikanten drücken, ohne dabei ihre Richtlinie zu verletzen: Die Nichtzahler-Ressorts haben im vergangenen Jahr ausschließlich Pflichtpraktika angeboten oder nur sehr kurze Schnupperpraktika vergeben, die nicht unter die Richtlinie fallen. "Finanzielle Erwägungen mögen dazu führen, dass Ministerien keine freiwilligen Praktikanten nehmen", sagt dazu ein Sprecher des Innenministeriums.

Aus dem Wirtschaftsministerium heißt es: "Angehende Praktikanten müssen die Erfordernis eines Pflichtpraktikums durch Vorlage der Studienordnung nachweisen." Das bestätigt ein ehemaliger Praktikant, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Er legte ein Schreiben seiner Uni vor, wonach die Studienordnung seines Bachelors in Politikwissenschaft ein Praktikum vorsieht. Nur: Der Student hatte das Pflichtpraktikum bereits anderswo absolviert. Das Schreiben reichte er trotzdem ein, weil die Arbeit im Wirtschaftsministerium ihn interessierte, weil sie den Lebenslauf schmückt und er noch mehr Erfahrungen sammeln wollte. Die Nicht-Bezahlung habe ihn aber schon manchmal demotiviert.

Arbeitsleistung? Alles eine Frage der Definition

Auch Student Ole Berger kamen im Auswärtigen Amt mitunter Zweifel an seiner unbezahlten Praktikantenarbeit. "Es ist ein großes Unding, dass man in staatlichen Institutionen nicht bezahlt wird. Die wollen die Besten, wollen aber nicht zahlen", sagt er. Nicht nur unter Praktikanten, auch unter den Festangestellten herrsche darüber großes Unverständnis.

Im Innenministerium hält man eine Bezahlung ebenfalls nicht für nötig. "Bei Pflichtpraktikanten geht man davon aus, dass die über Bafög oder die Eltern abgesichert sind", teilt der Sprecher mit. Doch welches Bafög sichert die Miete in einer anderen Stadt, tägliches Mittagessen in einer Ministeriumskantine, S-Bahn-Tickets, Anreisekosten und angemessene Kleidung? Wer keine Ersparnisse oder wohlhabende Eltern hat, kann ein solches Praktikum nur schwerlich machen.

"Erkenntnisse, dass die Frage des Lebensunterhalts ein Hindernis für Bewerberinnen und Bewerber darstellt, liegen nicht vor", teilte die Bundesregierung im Dezember 2006 auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion mit. Außerdem beinhalteten die Praktika in den Ministerien und im Kanzleramt demnach eines nicht: die "Pflicht zur Arbeitsleistung".

Das klingt, als wären das Schreiben von Textbausteinen für Reden des Abteilungsleiters, das Planen von Veranstaltungen, das Erstellen des Pressespiegels, Recherchen für Politikanalysen sowie das Schreiben von Vermerken und Protokollen keine Arbeitsleistungen. Mehrere Praktikanten der Bundesregierung berichten jedoch, genau diese Dinge getan zu haben. Ins Detail geht AA-Praktikant Berger nicht, doch auch er habe Aufgaben übernommen, die sonst von anderen hätten erledigt werden müssen.

Heute, sieben Jahre und eine überarbeitete Praktikantenrichtlinie später, hat sich an der Begründung der Regierung für die Nichtbezahlung kaum etwas geändert. Auf die Frage, warum die Praktikanten dort nichts bekommen, antwortet etwa das Umweltministerium: "Im Rahmen der Pflichtpraktika werden keine Arbeitsleistungen erbracht."

* Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
nervmann 18.12.2013
1. Sklavenhaltung
Zitat von sysopDominik KrötzJedes Jahr absolvieren Hunderte Studenten ein Praktikum in einem Bundesministerium. Viele schreiben Reden, organisieren Veranstaltungen und führen Protokoll. Die beliebtesten Häuser zahlen dafür nicht. Denn was Arbeit ist, ist Definitionssache. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/bundesministerien-bezahlen-praktikanten-nicht-a-938741.html
Wer glaubt denn, dass in den Ministerien andere Leute sitzen als in der Wirtschaft? Das ist die Geiz-ist-geil-Republik. Warum zu Herrn Schäuble gehen, wenn's so doch einfacher ist. Ich bin da auf die Taten der GroKo gespannt.
galbraith-leser 18.12.2013
2. Leistungsgerechte Nicht-Vergütung
Wenn man bedenkt, was (sich) unsere Regierung so alles leistet (Drohnen-Desaster, EU-Rettungspakete, Ehrensold für unfähige Bundespräsidenten...etc.), dann muss man wohl feststellen, dass die Arbeitsleistung in den Ministerien tatsächlich aus viel heißer Luft und wenig Inhalt besteht. Insofern ist die Nicht-Vergütung der dort erbrachten Nicht-Arbeitsleistung von Praktikanten schon wieder angemessen. Aber wie viel mehr könnten wir Steuerzahler sparen, wenn die teuren Minister und ihr Heer an festangestellten Staatssekretären und Mitarbeitern für die Nicht-Arbeitsleistung nicht bezahlt würden?
berndine 18.12.2013
3. ....
Habe beim ZDF auch nur 77 Cent Essensgeld/Tag erhalten. allerdings hat mein Prakt. auch nur knapp 3 Monate gedauert. Aber das war schon frech. Die Mitarbeiter wissen allerdings meist gar nicht, dass man dort nichts bekommt...so war meine Erfahrung.
thomas.b 18.12.2013
4. optional
Schade, dass man Praktikanten heutzutage als kostenlose Helfer definiert. Entweder man bringt ihnen wirklich etwas bei (was man auch erwarten kann) oder man bezahlt sie auch entsprechend als Hilfskräfte. Die Ministerien sollten hier mit gutem Beispiel voran gehen! Viele Unternehmen tun das schließlich auch.
Stephan Goldammer 18.12.2013
5.
Oh, ein neuer Trick: Arbeitsleistung wird einfach wegdefiniert. Klar so geht es natürlich auch. Muss man aber erst mal drauf kommen. Ziemlich ausgefuchste Typen dort in Berlin. Richtig kreative Denker. Sie sind krank? Nein, geht doch gar nicht, ich habe sie doch soeben gesunddefiniert! Sie leben in Armut, von 380 Euro im Monat? Nein, geht doch gar nicht, ich habe sie doch soeben reichdefiniert! Nur ein Bedingungsloses Grundeinkommen kann helfen. Dann kann jeder individuell zu solchen Praktiken Nein sagen. Die Generation Praktikum wird zwar nicht wegfallen, aber mit 800 Euro BGE im Rücken verhandelt es sich angenehmer. Der regelmäßige, lebenslange monatliche Zufluss bringt Menschen auf Augenhöhe mit dem "Arbeit-Nicht-Geber". https://plus.google.com/106110585362718948544/posts/ffWg8Cc9RMK
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