Chemie-Absolventen Nicht ohne meinen Doktor

Chemiker gehören zu den Großverdienern unter den Berufseinsteigern. Dafür müssen die Pipetten-Virtuosen aber länger im Uni-Labor schmoren als ihre Mitstudenten in anderen Fächern - um eine Promotion kommen sie kaum herum.

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Sammlung von Kolben: Handwerkszeug des Chemikers

Sammlung von Kolben: Handwerkszeug des Chemikers

Die Wunschliste des Chemie-Unternehmens BASF an Bewerber ist lang: Neben anderen Schlüsselqualifikationen sollen Hochschulabsolventen "überdurchschnittliche Studienergebnisse" mitbringen, außerdem "Unternehmergeist" und "Auslandserfahrung". Und noch ein Kriterium ist entscheidend: "Naturwissenschaftler sollten als Voraussetzung für den Einstieg als Laborleiter in der Forschung promoviert haben", sagt Gertraud Gallecker, Sprecherin von BASF.

Mit rund 1500 angestellten Chemikern ist das Ludwigshafener Unternehmen einer der Großarbeitgeber für Universitätsabgänger des Faches Chemie. Berufseinsteiger arbeiten bei BASF hauptsächlich in der Wirk- und Effektstoffforschung, in der Polymerforschung und in der Chemikalienforschung - mit jeweils unterschiedlichen Anforderungen. "F&E", die Forschung und Entwicklung, ist das klassische Einsatzgebiet der Pipetten-Virtuosen, bei BASF und anderen Großunternehmen der Chemie-, Pharma- oder Lebensmittelindustrie.

Am liebsten im Labor

Die Hitliste der Wunsch-Arbeitgeber für Chemiker, erstellt vom Trendence-Institut, zeigt eine starke Forschungs-Orientierung: Dort finden sich nach der Max-Planck-Gesellschaft die Chemieunternehmen BASF und Bayer, die Fraunhofer-Gesellschaft und das Umweltbundesamt.

Weltfremd sind die wissenschaftsbegeisterten Weißmäntel allerdings nicht: Im Vergleich zu anderen Berufseinsteigern herrscht auf ihrem Konto ein durchaus positives Fließgleichgewicht.

Die Verdienstmöglichkeiten für Chemie-Absolventen sind gut. Laut aktuellem Manteltarifvertrag der chemischen Industrie verdienen Diplom-Chemiker im zweiten Berufsjahr mindestens 46.550 Euro pro Jahr, mindestens 54.250 Euro, wenn die Berufseinsteiger zusätzlich promoviert haben. "Das sind im Vergleich zu anderen Branchen hohe Einstiegsgehälter", betont Burkhard Jahn, Sprecher des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie. "Wie in kaum einem anderen Berufszweig sind die Arbeitgeber auf speziell ausgebildete Akademiker angewiesen und werben entsprechend um sie."

Steigende Anfängerzahlen

Die Chemieindustrie sei allerdings keine Insel der Seligen in einem schwierigen konjunkturellen Umfeld, betont der Verbandsvertreter. Die Zahl der Beschäftigten in der Chemischen Industrie sei in Deutschland in den letzten zehn Jahren um 200.000 zurückgegangen. Und die hohen Einstiegsgehälter werden nur in Großunternehmen gezahlt, schränkt Karin Schmitz, Leiterin des Karriereservices der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), ein.

Abiturienten beurteilen die Stellenlage für Chemiker aber als gut und schreiben sich verstärkt in Chemie ein. Die Zahl der Studienanfänger erhöhte sich 2002 gegenüber dem Vorjahr um acht Prozent. Mit Recht, meint Burkhard Jahn, denn die Perspektiven blieben weiterhin positiv, vor allem in den Zukunftsbranchen Bio- und Nanotechnologie. "Ich kann nur jedem, der sich ernsthaft für Chemie interessiert, zu einem Studium raten."

Der Weg zum gut dotierten Posten dauert für Chemiker allerdings länger als für manche Kommilitonen in anderen Fächern. Rund zehn Jahre verbringen die Stoff-Experten mit dem Studium; wenn sie die Hochschule verlassen, sind sie durchschnittlich 29 Jahre alt.

Labor-Arbeit: Wissenschaftsbegeisterte Weißmäntel
DDP

Labor-Arbeit: Wissenschaftsbegeisterte Weißmäntel

Das Chemie-Studium ist stark verschult: Im Grundstudium stehen Vorlesungen, Seminare und Übungen in Organischer, Anorganischer, Physikalischer und Technischer Chemie auf dem Lehrplan, außerdem Veranstaltungen in Nachbarfächern wie Mathematik und Experimentalphysik. Im anschließenden Hauptstudium wählen die angehenden Chemiker ein bis zwei Schwerpunkte, so genannte Wahlpflichtfächer. Die vorgeschriebenen Laborpraktika lassen wenig Raum für andere Praxiserfahrungen während der Semesterferien.

Promotion ist Pflicht

Dementsprechend hoch ist die Abbrecherquote: Weniger als ein Drittel der potenziellen Chemiker schließt das Studium erfolgreich ab. Und dann ist die nächste Hürde noch nicht überwunden - die Promotion. 90 Prozent aller Diplom-Chemiker wollen sich mit den beiden Buchstaben vor dem Nachnamen schmücken, die in dem immer noch stark auf eine wissenschaftliche Laufbahn ausgerichteten Fach traditionell dazu gehören.

Chemiker ohne Doktortitel werden in manchen Unternehmen nicht ernst genommen, ein Los, das noch stärker ihren Kommilitonen mit Bachelor-Abschluss droht, die mit der Einrichtung neuer Studiengänge auf den Arbeitsmarkt kommen werden.

"Für Stellen in Forschung und Entwicklung ist die Promotion praktisch Pflicht", sagt Karriere-Beraterin Karin Schmitz. Wer aber eine Stelle im Vertrieb, in einer kaufmännischen Abteilung oder im Wissenschaftsjournalismus anstrebe, benötige nicht unbedingt einen Doktortitel. Schmitz weist auch auf den Beruf des Pharma-Referenten hin, bei Chemie-Absolventen nicht unbedingt beliebt. "Das ist kein Loser-Job, wie viele meinen, sondern ein Einstieg. Allerdings muss man auch der Typ dafür sein."

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