Computerspiele "Deutschland ist ein Entwicklungsland"

Die Leipziger Games Convention verzeichnet gerade einen Rekordansturm. Maic Masuch von der Uni Magdeburg ist Deutschlands erster Professor für Computerspiele. Im Interview erklärt er, warum die Entwicklung ein knochenharter Job sein kann und viel Teamarbeit verlangt.


Games Convention in Leipzig: Riesiger Markt, großes Risiko
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Vor etwas mehr als 30 Jahren bewegte sich ein Punkt auf einem Monitor hin und her - "Pong" war so etwas wie die Geburtsstunde der Computerspiele. Heute sind sie ein gigantischer Wirtschaftszweig. Ist Ihre Stelle ein Traumjob für jemanden, der gern am Computer spielt?

Maic Masuch:

Natürlich glaubt jeder, dass man eigentlich den ganzen Tag Computerspiele spielen könnte. Aber leider ist das auch mit sehr viel Arbeit verbunden. Denn am Computer spielen ist etwas anderes als Computerspiele entwickeln. Es ist inzwischen ein knochenharter Job geworden.

Was heißt das konkret?

Masuch: Wenn wir uns eine typische Computerspielproduktion anschauen, dann ging das vor einigen Jahren noch mit einem einzelnen Programmierer. Heutzutage sitzen da Teams von 20 bis 30 Leuten für eine Produktionszeit von ungefähr zwei bis drei Jahren dran. Das ist einfach ein Budget, das mehrere Millionen Euro umfasst - alles Spezialisten, die fulltime daran arbeiten. Und dennoch ist immer nicht gesichert, ob das Spiel tatsächlich so rauskommt. Es ist also ein sehr großes Risiko dabei, von der unternehmerischen Perspektive her immer ein großes Wagnis, weil man nie weiß, ob sich das Produkt auch tatsächlich so gut verkaufen wird am Markt, wie man sich das wünscht.

Der Magdeburger Studiengang heißt "Computervisualistik". Wie sieht das Studium aus, was lernt man da?

Masuch: Das ist vergleichbar mit einem Informatikstudium. Wir legen einen besonderen Schwerpunkt auf Bilder, die Visualistik steckt mit drin. Im Wesentlichen ist es eigentlich ein Medieninformatikstudium, und man kann bei uns einen Schwerpunkt in der Computerspiel-Entwicklung wählen. Man hat danach also ein abgeschlossenes Informatikstudium danach, bei uns mit einer Vertiefung Computerspiele, wie andere Leute in Datenbanken.

Interesse fürs Daddeln allein dürfte kaum reichen. Was muss man mitbringen, um in diesem Studiengang erfolgreich zu sein?

Leipziger Spielemesse: "Entwickler müssen in erster Linie gut programmieren"
DPA

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Masuch: Dass das Spielen von Computerspielen auch dazu befähigen sollte, gute Spiele zu entwickeln, ist leider ein noch häufig gehörtes Vorurteil. Entwickler müssen auch sehr viel spielen, einfach um die Konkurrenz zu kennen - aber in erster Linie müssen sie sehr gut programmieren können. Und sie müssen sehr gut im Team arbeiten können. Denn gerade Computerspiele sind eine Teamentwicklung, wie man es sonst in anderen Branchen gar nicht hat. Wir haben zum Beispiel mit Produktionsleitern zu tun, mit Designern, mit Musikern und vielen unterschiedlichen Aspekten, die alle in dieses Computerspiel fließen. Deshalb muss man ein guter Teamarbeiter sein und sich nebenbei natürlich auch mit den ganzen Algorithmen auskennen.

Wo kann man sich außer in Magdeburg in diesem Bereich ausbilden lassen?

Masuch: Das ist relativ schwierig. Häufig erreichen mich Anfragen: Ich möchte unbedingt Spieleentwickler werden, wie soll ich das denn machen? Ich muss die Leute zumeist verweisen. Zum einen gibt es einen Ausbildungsstandort, die Games Academy in Berlin. Das ist allerdings kein akademisches Studium, sondern eher eine weiterführende Berufsausbildung. Sie kostet aber auch Geld und ist von daher nicht für jedermann geeignet sind. In Deutschland sind wir im Bereich der Informatik die einzigen. Es gibt in England und in Amerika natürlich noch reihenweise Studiengänge, wo man sich zum Spieleentwickler ausbilden lassen kann.

Also gibt es in Deutschland auch nicht viele Entwickler für digitale Spiele?

Masuch: Deutschland ist nach wie vor ein Entwicklungsland. Es gibt einige Toptitel, die hier gemacht werden, aber das sind im Vergleich zu den USA, zu Großbritannien oder Frankreich sehr wenige. Wir sind dabei immer noch im Aufbau. In Deutschland wird man noch so ein bisschen schief angesehen, wenn man sagt, man ist Spieleentwickler. Ich glaube, die Deutschen haben immer noch ein gewisses gespaltenes Verhältnis zu Freude und Entertainment - oder dazu, Entertainment als Business zu begreifen, wie es die Amerikaner können. Die sind sehr begeisterungsfähig. Wenn ich da sage: Hallo, ich bin Professor für Computergames, dann sagen die: Wow, great! Hier in Deutschland muss ich das meistens erläutern: Ja, das ist aber etwas sehr Seriöses.

Wenn es nur wenige Spielentwickler gibt, bedeutet das dann umgekehrt, dass Leute, die jetzt auf den Markt kommen, gute Berufsaussichten haben?

Masuch: Unterschiedlich. Gute Leute werden immer gesucht. Wenn ich in die Branche rein möchte, dann muss ich schon Projekte im Bereich Spiele gemacht haben. Unsere Studenten haben schon in Teams viele einzelne kleinere Spiele programmiert. Wenn jemand aus einem anderen Bereich das machen möchte, dann muss er schon im Spielebereich aktiv gewesen sein - eigene Mods gebaut, ein eigenes Spiel programmiert, eine eigene Engine gemacht haben. Das ist sozusagen der Eintrittsschlüssel momentan.

Das Interview führte Sandra Pfister,
"Campus & Karriere" / Deutschlandfunk



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