Debatte Karriere an der Uni "Der Königsweg wird zur Sackgasse"

Juniorprofessuren sollen nach der Dienstrechtsreform mehr Freiheit für Nachwuchswissenschaftler bringen. Im Gastbeitrag für UniSPIEGEL ONLINE warnt Manfred Erhardt vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft vor unerwünschten Nebenwirkungen.




Prof. Dr. Manfred Erhardt, 62, Generalsekretär des Stifterverbandes

Prof. Dr. Manfred Erhardt, 62, Generalsekretär des Stifterverbandes

Mit der Neugestaltung des Qualifikationsweges zum Hochschullehrer und einem neuen leistungsorientierten Besoldungssystem will die Bundesregierung unsere Hochschulen wieder attraktiver machen. Die Absicht ist gut. Die Randbedingungen sind es nicht. Und so kann der vermeintliche neue Königsweg zum Lehrstuhl, der Weg des Juniorprofessors, schnell zur Sackgasse werden.

Der Entwurf verspricht den Hochschulen und jungen Wissenschaftlern dreierlei: mehr Freiheit, mehr Vielfalt, mehr Wettbewerb. Doch mit deutscher Gründlichkeit werden so viele unnötige Gesetzesvorgaben gemacht, dass sie in Ihrer Wirkung das Gegenteil erreichen:

  • Mit der Einführung der Juniorprofessuren wird unnötigerweise die Abschaffung der Ämter für Wissenschaftliche Assistenten und Oberassistenten verknüpft. Der einzige Grund: die Reform darf kein Geld kosten, daher müssen Stellen umgeschichtet werden. Statt eine Vielzahl von Qualifizierungsmöglichkeiten zu schaffen, wird also in Zukunft alles auf das Monopol der Juniorprofessur reduziert. Ohne Rücksicht auf Fächerkulturen und -besonderheiten.
  • Da keine neue Stellen geschaffen, sondern nur bestehende Stellen allmählich umgewidmet werden, wird die Zahl der Juniorprofessuren auf absehbare Zeit eher gering sein. Das heißt aber: Die Kanalisierung über die Juniorprofessur wirkt wie ein Flaschenhals. Die aufgeladenen Hoffnungen des Nachwuchses, künftig gehe es schneller, gerechter und frauenfreundlicher, werden rasch enttäuscht werden.
  • Die Habilitation wird de facto abgeschafft. Jedenfalls soll sie als Leistungsnachweis bei der Berufung keine Rolle mehr spielen. In einigen Fächern ist sie in der Tat schon heute obsolet - zum Beispiel in den Ingenieur- und Naturwissenschaften. Andere Fächer aber haben gute Gründe, an ihr festzuhalten. Denn nicht die Habilitation an sich ist fragwürdig, sondern nur ihre langdauernden Entartungsformen. Statt also den Fakultäten die Freiheit zu lassen, sich für oder gegen Habilitationen zu entscheiden, versucht der Gesetzgeber, sie als Leistungsnachweis zu untersagen. Das schränkt Vielfalt ein, statt sie zu fördern.
  • Der Juniorprofessor wird als Hochschullehrer selbständig sein. Auch dieser vermeintliche Freiheitsgrad hat seine Kehrseite. Die Unterstützung durch einen arrivierten akademischen Lehrer entfällt. Wer die persönlichen Netzwerke der science community kennt, weiß, was das bedeutet: Der Weg ohne schützendes Geländer wird für wenige leichter und für viele schwerer werden - für alle jedenfalls kaum berechenbarer.
  • Kaum einer nimmt zur Kenntnis, dass mit der Beseitigung der Habilitation auch das Auffangnetz der Privatdozentur zerrissen wird. Diese hat in der Vergangenheit gerade Frauen, die wegen einer Mutterschaft ihre akademischen Aktivitäten eine Zeit lang einschränken wollten, die Mitgliedschaft im Lehrkörper einer Universität gesichert. Die Juniorprofessur ist dafür kein Ersatz: Denn vorher oder nachher muss die Universität gewechselt werden. Gelingt das nicht, endet für den Juniorprofessor nach Ablauf des Zeitvertrages sein Status als Universitätsmitglied und damit in aller Regel auch die akademische Karriere.

Statt also durch die Juniorprofessur einen weiteren Weg zur wissenschaftlichen Qualifizierung zu öffnen, wird er per Gesetz zum Königsweg erkoren. Statt Vielfalt: Einfalt. Statt Zugewinn: Einschränkung.

So lässt sich der "brain drain" an den deutschen Hochschulen nicht umkehren. Zumal dann, wenn die Besoldung zunehmend unattraktiver wird. Auch das neue Besoldungssystem steht unter dem Diktat der Kostenneutralität. Das heißt, wenige werden mehr, viele aber weniger verdienen als bisher. Damit wächst die Kluft zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Zudem ist der Spielraum für wirksame Leistungszulagen sehr beschränkt. Statt den Ländern alle Freiheiten für die Besoldung des wissenschaftlichen Personals zu geben, wird der Gesamtbesoldungsaufwand bundesrechtlich vorgeschrieben. Der Wettbewerb soll also mit einem Gesetzesteil gefördert werden, wird aber im nächsten Schritt schon wieder eingeschränkt.

Fazit: Wer nicht bereit ist, durch Vielfalt Wettbewerb zuzulassen und für die Verbesserung von Wettbewerbsdingungen auch Geld in die Hand zu nehmen, macht die Position des deutschen Wissenschaftsstandort auf dem globalen Bildungsmarkt nicht stärker. Vieles, was die Reform verspricht, wird so nicht gehalten werden.

Von Manfred Erhardt



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