Debatte Karriere an der Uni "Fronarbeit für den Herrn Ordinarius"

Juniorprofessuren sollen künftig die Habilitation ersetzen - ein richtiger Schritt, meint Harald Völker. Der Vorsitzende des Promotionsnetzwerkes THESIS fordert im Gastbeitrag für UniSPIEGEL ONLINE allerdings bessere Übergangsregelungen.


Romanist Harald Völker, 33, derzeit wissenschaftlicher Assistent an der Berliner Humboldt-Universität

Romanist Harald Völker, 33, derzeit wissenschaftlicher Assistent an der Berliner Humboldt-Universität

THESIS begrüßt es, dass sich das Ministerium vorgenommen hat, die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland zu verbessern. Das derzeitige Qualifikationssystem bürdet dem wissenschaftlichen Nachwuchs Lasten auf, die weder etwas mit Leistung noch etwas mit Effizienz zu tun haben. Es schadet dem Wissenschaftsstandort Deutschland. Durch die langjährige Abhängigkeit von einem Lehrstuhl können die Nachwuchswissenschaftler/innen ihr volles kreativ-intellektuelles Potenzial bisher erst sehr spät entfalten. Der Rahmen für die Rechte und Pflichten des wissenschaftlichen Nachwuchses ist unzureichend beschrieben.

Wenn der Deutsche Hochschulverband in seiner unnötig konfrontativ geratenen Protestanzeige von "der bewährten Assistentenkultur" spricht, dann mag das aus professoraler Perspektive Sinn machen. In den Ohren des real existierenden wissenschaftlichen Nachwuchses klingt dieses Bonmot recht zynisch. Es ist heute der Willkür der Lehrstuhlinhaber/innen überlassen, inwieweit sie sich die Qualifizierung des Nachwuchses zur Aufgabe machen oder ob sie den Nachwuchs als Zulieferer für ihre eigenen Arbeiten und als Kompensationsressource für Mängel in der akademischen Arbeitsorganisation betrachten.

"Denken Sie nicht nur an den akademischen Nachwuchs von übermorgen, sondern auch an den von morgen!"

Vor diesem Hintergrund begrüßt THESIS die Überwindung der Habilitation. Die Habilitation in ihrer heutigen Form ist nicht nur ein langwieriges, mit bürokratischen Tücken gewürztes Verfahren, das nach Einreichung der Habilitationsschrift schon mal ein knappes Jahr dauern kann. Gewichtig ist auch der Einwand, dass mit Habilitationsschrift und Habilitationskolloquium einseitig Wissen und wissenschaftliche Arbeit evaluiert werden. Die Leistungen des/r Nachwuchswissenschaftlers/in in der Lehre werden in diesem Verfahren gar nicht zur Kenntnis genommen.

Die Einführung der Juniorprofessur als Regelqualifikation für eine Professur ist dazu geeignet, diese Mängel zu beseitigen. Allerdings erkennt THESIS in den Plänen der Bildungsministerin eine Reihe offener Fragen sowie Ansätze, die in der akademischen Praxis die selbst gesteckten Ziele verfehlen können. Dies ist etwa dann der Fall, wenn weiterhin die Umwandlung einer Juniorprofessur in eine ordentliche Professur am Ende der sechsjährigen Qualifikationszeit nicht vorgesehen ist (�tenure track').

"Das Lehrdeputat ist zu hoch"

THESIS bemängelt darüber hinaus das vorgesehene hohe Lehrdeputat von bis zu acht Semesterwochenstunden. Das Argument, dass Juniorprofessor/innen unter Beweis stellen müssten, sie könnten ein volles professorales Lehrdeputat bewältigen, zieht nicht. Denn wer in Amt und Würden ist, steht unter einem ungleich geringeren publizistischen Profilierungsdruck als der akademische Nachwuchs.

Insbesondere kritisiert THESIS an dem Reformvorhaben jedoch die völlig unzureichenden Übergangsregelungen für diejenigen, die noch das alte Qualifikationssystem durchlaufen müssen. Es ist beispielsweise vorgesehen, nicht nur C1-Stellen, sondern auch C2-Stellen baldmöglichst in Juniorprofessuren umzuwandeln. Bisher gibt es in vielen Universitäten die Möglichkeit, am Ende der Assistentenzeit nach erfolgreicher Habilitation für vier Jahre auf einer C2-Stelle weiterzuarbeiten. Wer erfahren hat, wie sehr sich Berufungsverfahren in die Länge ziehen können, weiß, wie wichtig diese vier Jahre Polster im Normalfall sind.

Unruhe in der "verlorenen Generation"

Doch damit nicht genug. Denn nach sechs Jahren entbehrungsreicher Fronarbeit für den Herrn Ordinarius droht nicht nur die sofortige Entlassung, sondern auch noch die zusätzliche Konkurrenz durch die ersten jüngeren und erfolgshungrigen Juniorprofessor/innen.

Es ist unübersehbar, dass sich in dieser "verlorenen Generation" der 28- bis 40-Jährigen große Unruhe breit macht. Wer verhindern will, dass diese Generation mutig ins Ausland abwandert oder entmutigt den Bettel hinschmeißt, muss jetzt rasch ein positives Zeichen setzen. THESIS fordert einen Bestandschutz für bestehende C2-Stellen, so lange, bis die jetzige Habilitierendengeneration ihre C1-Stellen durchlaufen hat. Es muss außerdem gewährleistet sein, dass allen Habilitierenden der Weg ins neue System (also der Antritt einer Juniorprofessur) alters- und zeitgrenzenunabhängig offen steht.

Bislang verweist das Bundesministerium nach dem Floriansprinzip auf die Zuständigkeit der Länder und der Hochschulen. Richtig jedoch ist: Sowohl in der Novelle des Hochschulrahmengesetzes als auch in deren Begründung gibt es Möglichkeiten, die Übergangsregelungen deutlicher zu formulieren. Wenn die Bundesregierung die Zustimmung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu den Reformplänen gewinnen will, muss sie diese Möglichkeiten nutzen.

Von Harald Völker



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