Debatte Karriere an der Uni Goodbye Potentials?

Juniorprofessuren sollen frischen Wind in die Unis tragen und die Habilitation ersetzen. Mike Sandbothe von der Initiative wissenschaftlichernachwuchs.de sieht die Dienstrechtsreform als "Mogelpackung". Im Gastbeitrag für UniSPIEGEL ONLINE warnt er vor einem weiteren "Brain Drain".


Frau Bulmahn hat Recht: An deutschen Hochschulen besteht dringender Innovationsbedarf. Gerade für den wissenschaftlichen Nachwuchs mit Auslandserfahrung erscheinen die Verhältnisse an den staatlichen Massenuniversitäten in Deutschland rückständig. Das liegt nicht an der Qualität der Forschung, die sich im internationalen Vergleich durchaus sehen lassen kann. Die Defizite der deutschen Hochschulen treten unter anderem im Bereich der Lehre hervor. In überfüllten Hörsälen und Seminarräumen wird Unterricht zur Massenveranstaltung.

Dr. Mike Sandbothe, 39, Sprecher der Initiative junger Wissenschaftler und Privatdozent für Philosophie in Jena

Dr. Mike Sandbothe, 39, Sprecher der Initiative junger Wissenschaftler und Privatdozent für Philosophie in Jena

Das ist in Stanford oder Harvard anders. Bei Betreuungsrelationen von 1:10 oder 1:12 und einem Lehrdeputat von zwei Lehrveranstaltungen pro Semester können individuelle Arbeitsgemeinschaften zwischen Lehrenden und Studierenden entstehen. So wird der Bildungsstandort USA für den deutschen Nachwuchs attraktiv.

Bulmahns Bildungsreform steht unter dem Verdikt der Kostenneutralität. Die tiefer liegenden Wurzeln der deutschen Uni-Krise ignorieren die ministeriellen Bildungsbeamten daher. Statt dessen haben sie einen anderen der vielfältigen Gründe ins Visier genommen, die 15 Prozent der deutschen Nachwuchswissenschaftler in die USA treiben.

Die von Bulmahn geplante Einführung der Juniorprofessur zielt darauf ab, dass junge Nachwuchswissenschaftler künftig unmittelbar nach der Promotion als Professoren auf Zeit akademische Verantwortung übernehmen können. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Aber durch eine Reihe von gesetzlichen Regelungen wird die Uni-Karriere in Deutschland zur Mogelpackung.

Nach sechs Jahren ausgelehrt und ausgeforscht

Die Gesamtzeit, die ein Nachwuchswissenschaftler als Hilfskraft, Mitarbeiter und/oder Juniorprofessor an der Hochschule verbringen darf, wird per Gesetz auf insgesamt zwölf Jahre begrenzt - sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion. Das bedeutet: Wenn es der Juniorprofessor in den sechs Jahren, die er auf Zeit eingestellt wird, nicht schafft, eine Vollprofessur zu ergattern, hat er an deutschen Hochschulen ausgelehrt und ausgeforscht.

Dieser enorme Zeitdruck wird in der Praxis dazu führen, dass der Juniorprofessor in erheblich stärkere Abhängigkeiten gegenüber den bereits etablierten Kollegen gerät als im alten System. Der habilitierte Wissenschaftler hatte die Möglichkeit, auf einer C2-Stelle als Hochschuldozent oder drittmittelfinanziert in Forschungsprojekten eigenverantwortlich zu lehren und zu forschen, während er sich auf eine Lebenszeitstelle bewarb.

C2-Hochschuldozenturen werden jedoch ab Inkrafttreten des Gesetzesentwurfs im Januar 2002 nicht mehr ausgeschrieben. Forschungsprojekte kann nur beantragen, wer nach dem Studienabschluss nicht mehr als zwölf Jahre im deutschen Unibetrieb tätig war. Verschärfend kommt hinzu, dass die Universitätsleitungen sowohl in Aussicht gestellte C2-Stellen als auch ursprünglich vorgesehene C1-Stellenverlängerungen nun stornieren können.

Schöne Aussichten: Ausland, Wirtschaft oder Arbeitslosigkeit

Damit steht der gegenwärtige akademische Nachwuchs bereits im nächsten Jahr vor einer ähnlichen Karrierewahl wie der aus den gesparten Geldern kostenneutral eingestellte Juniorprofessor nach sechs Jahren Probezeit: Ausland, Wirtschaft oder Arbeitslosigkeit. Nur ist der heutige akademische Nachwuchs wegen seiner längeren Qualifikationsphase älter als der zukünftige. Das ist schlecht für einen Start in die Wirtschaft, aber es kann (bei entsprechender Qualifikation) gut sein für eine akademische Karriere in den USA, England, Skandinavien oder der Schweiz. Dort wirbt man bereits jetzt kräftig um den mit deutschen Steuergeldern ausgebildeten Nachwuchs, der durch den vorliegenden Gesetzentwurf verunsichert und daher verstärkt auswanderungsbereit ist.

Um diese Verunsicherung zu beheben und den "Brain Drain" zu verringern, bieten sich zwei einfache Korrekturen an. Die erste: Nach amerikanischem Vorbild wird der vom Wissenschaftsrat vorgeschlagene "Tenure Track" doch noch ins Gesetz aufgenommen. Damit hätte der positiv evaluierte Juniorprofessor die Möglichkeit, am gleichen Institut ohne weiteres Berufungsverfahren eine W2-Dauerprofessur zu erhalten.

Die zweite Korrektur betrifft den gegenwärtigen wissenschaftlichen Nachwuchs. Für ihn ist eine Übergangslösung notwendig, da die angestrebte Verjüngung des Professorennachwuchses vorübergehend zu einem sprunghaften Bewerberanstieg führt, bei gleichzeitigem Wegfall freiwerdender Dauerstellen zur Finanzierung der Juniorprofessuren. Die Einrichtung von unbefristeten W2-Förderprofessuren würde gewährleisten, dass der bereits habilitierte oder sich habilitierende Nachwuchs nicht ans Ausland verloren geht und statt dessen die Vermittlung zwischen der alten und der neuen Hochschulkultur in Deutschland aktiv mitgestaltet.

Diese und andere pragmatische Modernisierungsmaßnahmen fordern 3400 deutsche Nachwuchswissenschaftler aus dem In- und Ausland. Sie haben im Internet bei www.wissenschaftlichernachwuchs.de eine entsprechende Resolution unterschrieben.

Die Juniorprofessur als Durchlauferhitzer

Bei der Übergabe der ersten 3000 Unterschriften in Berlin zeigte die Ministerin jedoch wenig Verständnis für die Vorschläge des akademischen Nachwuchses. Statt dessen denkt man derzeit im Ministerium darüber nach, die im Gesetzentwurf zumindest als Möglichkeit noch vorgesehenen W2-Stellen auf Anregung einiger Bundesländer ganz zu streichen.

Dann wird es in Zukunft einerseits den Durchlauferhitzer Juniorprofessur geben und andererseits eine relativ kleine Zahl gut ausgestatteter W3-Stellen. Letztere werden den Kampf um höhere Besoldungszulagen und damit das Karussell weiter ankurbeln, in dem sich die etablierten Seniorprofessoren wechselseitig berufen.

Wenn das geschieht, werden sich die Betreuungsrelationen an den deutschen Unis auf diesem Weg weiter verschlechtern. Und zugleich werden in Zukunft vermutlich nicht nur deutsche Nachwuchswissenschaftler, sondern auch deutsche Studenten verstärkt in die USA gehen.

Aber auch für diesen Fall hat die Bundesbildungsministerin eine unkonventionelle Lösung parat: Mit dem Slogan "Hi Potentials! International Careers made in Germany" werden derzeit Nachwuchswissenschaftler und Studenten aus Mexiko, der Türkei, Indien, Indonesien, Russland und China in einer "Konzertierten Aktion" von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik für deutsche Massenuniversitäten angeworben. Das ist globalökonomisch sinnvoll und multikulturell erwünscht. Aber statt kompensatorisch zu wirken, könnte es zukunftsweisend sein, wenn das BMBF zugleich die deutsche Uni-Misere an ihren Wurzeln anpackte.

Von Mike Sandbothe



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