Debatte Karriere an der Uni Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Die Dienstrechtsreform, das steht nach langem Tauziehen fest, wird kommen. Doch ob junge Wissenschaftler davon wirklich profitieren, hält Jörg Schendel, 35, von der Promovierenden-Initiative für ungewiss. Im Gastbeitrag für UniSPIEGEL ONLINE beleuchtet er die Zukunftsaussichten für Doktoranden.


Jörg Schendel promoviert am Südasien-Institut der Universität Heidelberg

Jörg Schendel promoviert am Südasien-Institut der Universität Heidelberg

Während sich der Kanonendonner um die Dienstrechtsreform langsam legt, sind die Auswirkungen für Doktorandinnen und Doktoranden noch schwer abzuschätzen. Das Hochschulrahmengesetz enthält erstmals eine besondere Vorschrift über die Promotion: Doktoranden sollen zukünftig einen präziser definierten Status erhalten, besser betreut werden, "forschungsorientierte Studien" führen können und "akademische Schlüsselqualifikationen" vermittelt bekommen.

All das sind löbliche Ansätze; wie weit sie die Situation der Doktoranden verbessern, wird man erst in mehreren Jahren sagen können. Der Bundestag ist weit, die beschauliche Alma Mater nah.

Derzeit findet man in der Promotion höchste Freiheit und bisweilen absurdeste Regulierung. Oft sind Doktoranden weitgehend frei in der Wahl und Bearbeitung ihres Themas, müssen aber noch ein Latinum nachliefern oder nach Abschluss der Arbeit umfangreiche Prüfungen in Nebenfächern über sich ergehen lassen.

Mal seltene Audienzen, mal intensive Betreuung

Während viele Doktorväter oder -mütter sich in der Betreuung vornehm zurückhalten, suchen andere tagtäglichen Kontakt im Labor und besuchen gemeinsam mit Doktoranden Konferenzen. Ein anerkannter Standard für die Betreuung existiert nicht einmal innerhalb einzelner Fächer.

Inzwischen setzt sich der Gedanke durch, dass Abhilfe Not tut. Die sparsamen Worte des Hochschulrahmengesetzes, wonach Universitäten auf die Betreuung von Doktoranden "hinwirken", mögen den einen oder anderen Fachbereich zu verstärkten Aktivitäten anspornen. Mehr als einen Rahmen kann das Bundesrecht aber nicht vorgeben, maßgeblich werden landesgesetzliche Regelungen und Anstrengungen auf Universitätsebene sein.

Soll die Promotion besser strukturiert und beschleunigt werden, so müssen die Universitäten Mindestanforderungen an die Betreuung formulieren und ihre Einhaltung überwachen. Überholte Anforderungen in Promotionsordnungen können entfallen. Jeder Promotion sollte eine Zielvereinbarung zugrunde liegen, die zum Beispiel Zeitplan, Betreuungsleistungen und Berichte des Doktoranden festlegt. Dabei muss die Universität jedenfalls angemessene Arbeitsbedingungen, forschungsorientierte Studienangebote sowie Konferenzteilnahmen und andere Einbindung in die scientific community garantieren.

Darüber hinaus muss in einer Promotion künftig mehr vermittelt werden als das Erstellen wissenschaftlicher Texte. Didaktikkurse gehören ebenso zum Standard wie die Möglichkeit, Lehrveranstaltungen abzuhalten. Angebote in Projektmanagement, Forschungs-Supervision und Wissenschaftsmanagement sowie Training in "soft skills" können Doktoranden auf Tätigkeiten innerhalb wie außerhalb der Universität vorbereiten.

Hoffentlich viele "tenure track"-Stellen

Für eine dieser Laufbahnen entscheiden muss man sich mit Abschluss der Promotion. Die Universität ist für Spitzenbegabungen nur dann attraktiv, wenn sie, neben abwechslungsreicher Tätigkeit und angemessener Bezahlung, eine kalkulierbare Perspektive bietet.

Junge Forscher: Nach der Promotion fällt die Entscheidung
DPA

Junge Forscher: Nach der Promotion fällt die Entscheidung

Daran fehlt es heute oft: Auf lange Jahre in befristeten Verträgen folgt entweder die Berufung auf eine Professur - oder man muss sich im vorgerückten Alter beruflich umorientieren. Es hilft nicht, dass die Dienstrechtsreform neue gesetzliche Fristen fixiert hat, die viele Wissenschaftskarrieren in Deutschland nun beenden werden.

Allerdings hat der Gesetzgeber in letzter Minute die Möglichkeit des "tenure track" zugelassen: Juniorprofessoren können nun an derselben Universität ohne weiteres Ausschreibungsverfahren eine Professur erhalten, sofern Land und Universität dies wollen.

Es ist dringend zu hoffen, dass möglichst viele "tenure track"-Stellen eingerichtet werden. Profitieren würden Universitäten wie Nachwuchswissenschaftler gleichermaßen: Die akademische Laufbahn wird attraktiver, weil die mittelfristigen Aussichten berechenbarer sind. Umgekehrt können Promovierte, die keine Juniorprofessur finden, sich frühzeitig ein anderes Tätigkeitsfeld suchen.

Motivationsspritze durch Chance auf Daueranstellung

Die zuweilen geäußerte Befürchtung, eine so frühe (Vor-) Entscheidung verhindere die Berufung der denkbar besten Professoren, ist grundlos, solange Einstellung, Evaluation und Daueranstellung von Juniorprofessoren einzig wissenschaftlichen Maßstäben folgen und nicht verdiente Assistenten einflussreicher Ordinarien belohnt werden.

Nachwuchswissenschaftler werden hohe Leistungsanforderungen akzeptieren, wenn diese zugleich realistisch und transparent sind. Die Aussicht einer Daueranstellung kann die Leistungsbereitschaft nur fördern.

Die Dienstrechtsreform hat Voraussetzungen geschaffen, um in wesentlichen Punkten die Promotion und die anschließende Universitätslaufbahn zu verbessern. Dies erfordert allerdings erhebliche Anstrengungen auf Landes- und Universitätsebene - andernfalls wird die Reform keinen Nutzen bringen.

Von Jörg Schendel

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