Deutsche in türkischer Haft "83 Tage und wir hören nichts von ihm"

Seit dem Putschversuch hat die Türkei sechs deutsche Staatsangehörige inhaftiert. Einer davon ist ein Unternehmer aus Siegen. Nicht einmal Mitarbeiter des deutschen Konsulats in Antalya durften sich sofort um ihn kümmern.

Der türkischstämmige Unternehmer Özel Sögüt
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Der türkischstämmige Unternehmer Özel Sögüt

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"Es ist ein Albtraum", sagt Ayse Sögüt. Sie klingt aufgewühlt, während sie erzählt. Ihr Mann sitzt in der Türkei in Haft und sie weiß nicht, wann sie endlich mit ihm telefonieren darf. Wenigstens das. Auch für ihre drei Kinder sei das traumatisch. "Es sind heute 83 Tage und wir hören nichts von ihm."

Deutsche Politiker, Journalisten und Organisationen setzen sich gerade massiv dafür ein, dass der Türkei-Korrespondent der "Welt", Deniz Yücel, freikommt - auch DER SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE haben sich der Forderung angeschlossen. Die Staatsanwaltschaft wirft Yücel "Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung" vor.

Doch er ist nicht der einzige deutsche Staatsbürger, der in einem türkischen Gefängnis sitzt. Seit dem Putschversuch im vergangenen Juli sind nach Angaben des Auswärtigen Amts insgesamt sechs Menschen mit deutschem Pass in der Türkei inhaftiert worden und weiterhin in Haft.

Video: Korrespondent Deniz Yücel muss in Haft

Einer davon ist Özel Sögüt, ein türkischstämmiger Unternehmer, dessen Familie in Siegen lebt. Der 51-Jährige sei Anfang Dezember in Antalya festgenommen worden, wo er seit 2013 Solar- und Bioenergieanlagen vertreibt, sagte seine Frau Ayse Sögüt zu SPIEGEL ONLINE. Einmal im Monat sei er zu seiner Familie nach Deutschland geflogen.

Ihm werde vorgeworfen, dem Prediger Fethullah Gülen nahezustehen, den der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan für den Putschversuch verantwortlich macht. Er habe vor einigen Jahren eine Anlage zur alternativen Energiegewinnung aufgebaut und an jemanden verkauft, der in der Gülen-Bewegung aktiv sei, erzählt Ayse Sögüt.

Drei Monate bis zum ersten Besuch durch Konsularbeamte

Diese Anlage sei Ende des Jahres beschlagnahmt worden. Ihr Mann habe dagegen bei der Staatsanwaltschaft in Antalya protestieren wollen, sagt Sögüt. Daraufhin sei er festgenommen worden.

Es hat fast drei Monate gedauert, bis Mitarbeiter des deutschen Konsulats in Antalya die Erlaubnis bekamen, Özel Sögüt besuchen zu dürfen. In den vergangenen Tagen hat ein erstes Treffen stattgefunden.

Özel Sögüt sitze in einer Zelle mit mehreren Professoren und Lehrern, sagt der Siegener SPD-Bundestagsabgeordnete Willi Brase, der die Familie unterstützt. Das Konsulat habe bereits einen Antrag auf einen weiteren Besuch gestellt. "Das ist ein Anfang, aber bei Weitem noch nicht zufriedenstellend", sagt Brase.

Das Pikante an dem Fall Sögüt: Er stammt aus der Türkei, besitzt seit mehr als 15 Jahren aber nach Angaben seiner Familie nur noch die deutsche Staatsbürgerschaft. Das heißt, für ihn dürfte das Argument nicht greifen, das die türkischen Behörden auf den Fall Yücel anwenden: Weil er beide Staatsangehörigkeiten habe, gelte er als einheimischer und nicht als ausländischer Journalist. Özel Sögüt ist ein deutscher Unternehmer mit türkischen Wurzeln.

Wer die anderen vier deutschen Staatsangehörigen in türkischen Gefängnissen sind, ist nicht bekannt. Gegen mehrere Deutsch-Türken haben die türkischen Behörden außerdem eine Ausreisesperre verhängt.

Medienberichten zufolge durften der Soziologe Sharo Garip, der prokurdische Politiker Ziya Pir, eine vierköpfige Familie aus Niedersachsen und eine Mutter und Tochter aus Baden-Württemberg - alle mit deutschem Pass - mindestens bis vor einigen Monaten das Land nicht verlassen.

Nach Angaben der türkischen Regierung sitzen im Zusammenhang mit dem Putschversuch mehr als 40.000 Menschen in Untersuchungshaft, fast 100.000 Staatsbedienstete wurden bislang entlassen.

Mitarbeit: Claudia Niesen

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