Journalistenschule Der härteste Aufnahmetest - wie viel hätten Sie gewusst?

Wer an die renommierte Henri-Nannen-Journalistenschule will, muss das schwierigste Auswahlverfahren der Branche bestehen. Hier gibt es Tipps vom Altmeister Wolf Schneider - und den kompletten Wissens- und Bildertest aus dem vergangenen Jahr.


Es war keine Absicht, aber der Test aus dem vergangenen Jahr war einer der härtesten, den die Henri-Nannen-Journalistenschule je gestellt hat. Das merkte die Schulleitung unter anderem daran, dass die Bewerber im Durchschnitt schlechter abschnitten als in anderen Jahrgängen.

Selbst ohne erschwerte Bedingungen wie diese ist der Wissenstest gefürchtet. Nicht so sehr wegen einzelner Fragen, sondern wegen der Vielzahl völlig unterschiedlicher Bereiche, die abgefragt werden. "Wir suchen eben keine Experten mit Inselbegabung", sagt Schulleiter Andreas Wolfers, "sondern junge Leute mit fundiertem Halbwissen in ganz vielen Themenwelten."

Die Testteilnehmer seien heutzutage keinesfalls dümmer oder weniger wissbegierig als früher, meint er. Sie hätten aber andere Schwerpunkte: "Junge Menschen kennen sich heute besser in Politik und aktuellen Themen aus und schlechter in Geschichte oder im bürgerlichen Bildungskanon."

Wer will Journalist werden?
Das Auswahlverfahren ist rigoros, die Ausbildung hart und umfassend: Vor allem deshalb steht die Hamburger Henri-Nannen-Schule im Ruf, die renommierteste deutsche Journalistenschule zu sein, getragen von den Verlagen Gruner+Jahr, SPIEGEL und ZEIT. 18 Monate lang werden 16 junge Frauen und Männer intensiv im journalistischen Handwerk für Print- und elektronische Medien geschult. Die Bewerbungsphase für den nächsten Lehrgang (Start Juli 2016) läuft seit dem 21. Dezember 2015, sie endet am 29. Januar 2016.
Weitere Informationen zur Schule und zur Bewerbung gibt es unter: www.journalistenschule.de
Beim Wissenstest, der nur einer von fünf Tests beim Auswahlverfahren ist, werden - je nach Schwierigkeitsgrad - pro Frage unterschiedlich hohe Punktzahlen vergeben. Die Besten beantworten zwischen 70 und 80 Prozent der Fragen richtig, es schaffen aber auch immer wieder Teilnehmer auf die Schule, die nur knapp die Hälfte der möglichen Punktzahl erreicht haben.

Eines ist bisher jedoch noch niemandem gelungen: In 45 Minuten alle Fragen richtig zu beantworten. Sogar der Journalist, Sprachkritiker und jahrzehntelange Henri-Nannen-Schulleiter Wolf Schneider weiß im Interview (siehe unten) mit SPIEGEL-Redakteur Takis Würger nicht auf alle Fragen eine Antwort.

Doch sehen Sie selbst und testen Sie Ihr Wissen - im Original-Aufnahmetest der Henri-Nannen-Schule vom August 2014:

Triathlon des Wissens

SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, die erste Hürde bei der Bewerbung an einer Journalistenschule ist eine Bewerbungsreportage. Wie gelingt sie?

Schneider: Die Bewerbungsreportage möge mich interessieren. Das heißt, sie möge in gutem Deutsch geschrieben sein und keine ausgenudelten Formulierungen enthalten. Vor allem aber: Sie soll mich überlisten, gegen die heutige Gewohnheit, bis zur letzten Zeile zu lesen. Wie man das erreicht, darüber habe ich Bücher geschrieben und Seminare mit eineinhalb Tagen Länge gegeben.

SPIEGEL ONLINE: So viel Zeit haben wir nicht.

Schneider: Damit Sie eine gute Bewerbungsreportage schreiben, ist es nützlich, ein journalistisches Praktikum gemacht zu haben. Es ist nützlich, die deutsche Grammatik perfekt zu beherrschen. Es ist nützlich, sich klarzumachen, dass man um das Interesse der Leser buhlen muss, dass die Sprache anschaulich sein muss. Und dass man am besten gleich mit einem schönen ersten Satz anfängt, der die Leser zum Weiterlesen animiert.

Zur Person
  • DPA
    Wolf Schneider hat als Journalist unter anderem für den "Stern", "Geo" und die "Welt" gearbeitet. Von 1969 bis 1995 leitete er die Henri-Nannen-Schule und wählte auch danach, insgesamt über 40 Jahre lang, als Mitglied der Prüfungskommission Bewerber aus. Sein Anspruch war es, das härteste Auswahlverfahren Europas zu haben. Neben der Henri-Nannen-Schule unterrichtete er an der RTL Journalistenschule, der Electronic Media School, am Kuratorium für Journalistenausbildung in Salzburg und an der Ringier-Journalistenschule in der Schweiz.
SPIEGEL ONLINE: Was ist ein guter erster Satz?

Schneider: Eine klassische "Stern"-Reportage begann mit dem Satz: "Wir trafen Jesus in der Mittagspause kurz vor der Kreuzigung." Es wurde dann eine Reportage über ein Passionsspiel in Florida. Wem dieser erste Satz gelingt, der kann sicher sein, sein zweiter Satz wird gelesen.

SPIEGEL ONLINE: Was mache ich, wenn ich keinen Jesus in Florida treffe?

Schneider: Reportage ist das äußerste Gegenteil des Schulaufsatzes. Der Schulaufsatz zielt auf einen einzelnen Leser, und der liest immer bis zum bitteren Ende. Die Reportage zielt auf Hunderttausende oder Millionen Leser, und die denken gar nicht daran, bis zum bitteren Ende zu lesen. Man möge bei jeder Reportage so schreiben, dass möglichst viele Leser möglichst weit lesen, das gilt auch für die Bewerbungsreportage an der Journalistenschule. Denken Sie mal nach, ob Ihre ersten drei Zeilen gut genug wären, dass Sie, wenn Sie sie läsen, die vierte Zeile überhaupt noch zur Kenntnis nehmen wollten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nicht studiert. Ist Studieren hinderlich, wenn man Journalist werden möchte?

Schneider: Niemand sollte Germanistik, Publizistik oder Kommunikationswissenschaften studieren. Man kann das auch positiv ausdrücken: Man studiere etwas, das im Journalismus häufig gebraucht wird, das wären dann die drei königlichen Studien: Volkswirtschaft, Jura und Naturwissenschaften - über Atomkraftwerke mit Verstand schreiben und nicht nur mit Schaum vor dem Mund, das wäre mal was. Und dann vielleicht noch fremde Sprachen, aber Chinesisch lerne man bitte nicht in Tübingen, sondern in Peking. Germanistik ist für die Katz. Walther von der Vogelweide kommt nie zu Besuch nach Berlin, aber vielleicht der spanische Außenminister, und wenn Sie sich mit dem unterhalten können, das ist ja was.

SPIEGEL ONLINE: Die Henri-Nannen-Schule bittet um einen Lebenslauf als Teil der Bewerbung. Wie soll der aussehen?

Schneider: Der Lebenslauf habe eine Seite. Es gibt Lebensläufe, die haben vier Seiten, und damit ist man schon durchgefallen. Ein so langer Lebenslauf heißt, man hält ganz unglaublich viele Dinge für wichtig, die es nicht sein können. Ich habe mit 80 Jahren an den Journalistenschulen einseitige Lebensläufe abgeliefert, um mich vorzustellen, dann sollen die Bewerber mir nicht mit vier Seiten kommen. Zur Verkürzung trägt bei, dass man jede Information auf die Goldwaage legt. Geschwätz ist die Pest.


Liebe Leser: Testen Sie sich selbst - hier finden Sie den Wissenstest mit 63 Fragen aus dem Jahr 2014, hier den Bildertest mit 30 Fotos und hier die Schreibübung.


SPIEGEL ONLINE: Ein Teil des Auswahlverfahrens ist ein Wissenstest. Viele Bewerber fürchten sich davor, weil sie ihn für zu schwer halten.

Schneider: Sie können zwar alles bei Google fragen, aber wenn Sie alles fragen müssen, sind Sie leider langsamer als einer, der die Hälfte nicht fragen muss, und obendrein müssen Sie wissen, ob Sie eigentlich fragen sollten. Weiß ich, dass der Amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 stattfand, oder muss ich das erst noch googeln? Wenn ich erst noch googeln muss, bin ich schlechter als der, der nicht googeln muss, ich habe nämlich kein Tempo. Und Tempo war noch nie so wichtig wie in der Zeit des Online-Journalismus. Das heißt, bürgerliche Allgemeinbildung zählt. Sie entstammen hoffentlich einer bücherfreundlichen Familie und haben unheimlich viel gelesen. Sonst ist das nicht mehr erlernbar.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein Snob, Herr Schneider?

Schneider: Wir reden hier nicht darüber, was ich bin, oder ob man der Schule Vorwürfe machen sollte, wie sie ihre Bewerber aussucht, sondern wie man die Prüfung besteht. Da kann die Antwort nur lauten: Eine nicht mitgebrachte bürgerliche Allgemeinbildung ist ein Handicap.

SPIEGEL ONLINE: Der Wissenstest der Henri-Nannen-Schule stellte den Bewerbern vor Kurzem die Frage, wer in der vergangenen Saison der Fußballbundesliga-Torschützenkönig wurde und wie viele Tore er geschossen hat. Wüssten Sie die Antwort?

Schneider: Nein. Meinen Sie, so was wird gefragt?

SPIEGEL ONLINE: Wurde 2011 gefragt, an der Henri-Nannen-Schule.

Schneider: Der Fragebogen war nicht von mir. Das ist was für einen Sportjournalisten.

SPIEGEL ONLINE: Eine Frage aus dem gleichen Jahr lautete: Treffen sich sechs Journalisten bei einem Empfang. Jeder stößt mit jedem einmal an. Wie oft klirren die Gläser?

Schneider: 6 mal 5 mal 4 mal 3 mal 2 mal 1. Richtig? Das muss man nur noch ausrechnen.

SPIEGEL ONLINE: Falsch. Die richtige Antwort ist: 15 Mal klirren die Gläser. Der Test ist zu schwer für Sie.

Schneider: Ob der Test von mir als schwer oder leicht empfunden wird, ist völlig egal. Ein Prüfling kann bei einem schweren Test immer noch besser sein als die anderen Bewerber. Ich mache in diesem Bewerbungsverfahren ja kein Diplom, sondern es wird einfach eine Reihenfolge hergestellt. Wenn nun alle 100 Bewerber ihn schwer fanden, dann macht es nichts mehr, dass ich ihn auch schwer fand. Es geht nicht darum, ob ich gut bin, sondern darum, ob ich vielleicht bescheuert bin, aber immer noch ein bisschen besser als die anderen Bewerber. Nur darum geht es. Es geht nicht um absolutes Wissen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich auf den Wissenstest vorbereiten?

Schneider: Man lese bitte vier Wochen davor jeden Tag gründlich die "Süddeutsche Zeitung" und jede Woche den SPIEGEL. Dann wissen Sie das Aktuelle. Was das Allgemeinwissen betrifft - das ist nicht in wenigen Wochen zu machen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
Ossifriese 27.12.2015
1. Hämburger
"...Eine nicht mitgebrachte bürgerliche Allgemeinbildung ist ein Handicap. ..." Das scheint mir eher ein Handicap des Interviewten zu sein. Aber es macht deutlich, warum so sehr viele Journalisten "bürgerlich "schreiben - im Interesse der "Bürger"... die muss man sich allerdings vorstellen mit Zipfelmütze und Spieß: eben sehr "deutsch"-bürgerlich. Kein Wunder, dass die Medien immer wieder auf die heile Merkel-Welt hereinfallen. Ist ja eben eine Grundvoraussetzung für die Karriere, um anschließend "bürgerlich" gut situiert da zu stehen.
eagle2014 27.12.2015
2. Ausbildung!
Das Aufnahmeverfahren mag streng sein, die Ausbildung ist aber maximal zweitklassig. Nicht vergleichbar mit den Top J-schools in USA und UK.
hmutt 27.12.2015
3. Schneider
Schneider ist einer, der glaubt, zu jedem Thema seinen Senf dazu geben zu müssen. Und noch schlimmer, er glaubt auch noch er könnte! Einen größeren Selbstbeweihräucherer habe ich noch nie erlebt. Dabei war nicht viel mit ihm los, seine Auftritte bei der NDR-Talskshow waren schlecht vorbereitet und seine Texte flach und gestelzt. Wenn das guter Journalismus sein soll, nein danke. Nein, Herr Schneider, Journalismus besteht nicht nur aus gedrechseltem Geschwätz. Die Leute merken recht schnell, wenn nichts dahinter steckt. Ein Journalist, der keine ordentliche Recherche hinbekommt, ist nichts wert und nur ein Blender. Wer mal ein besonders schlechtes seiner Machwerke lesen möchte, sollte sich mal seinen Schinken zum Titanic-Desaster aus der örtlichen Stadtbibliothek holen, bloß nicht kaufen, das ist keinen Cent wert. Jede zweite Zeile offenbart seine Überheblichkeit und Ignoranz gegenüber dem Thema. Zum Thema Seefahrt hatte er nicht das geringste Wissen, verkaufte Gerüchte und immer wieder angeführte und längst widerlegte Behauptungen (z.B. blaues Band) als Tatsachen. Aber das ist eben genau, was er immer war, ein überschätzter Klatschreporter. Aber den Boom nach dem Titanic-Film von '97 konnte er sich ja nicht entgehen lassen und wollte mit einem billig und eilig dahin geklatschten Büchlein noch schnell Kasse machen.
1berliner_ 27.12.2015
4. harte Auswahl oft umsonst
In der Berufswelt zählt dann oft weniger die Qualifikation als die Kontakte. Beispiel Zdf Moderator und ehem. Chefredakteur der heute Sendung. Er hat bekanntlich nie das journalistische Handwerk an einer Hochschule gelernt..
rmny 27.12.2015
5. Antiquiert
Es ist geradezu erschrecken, dass der Spiegel im Jahre 2015 immer noch auf so antiquierte Verfahren zur Auswahl seiner Mitarbeiter baut. Wir sind in einem Zeitalter das Eigeninitiative, Intelligenz und grosse Flexibilitaet verlangt, auch im Journalismus. Dieser Strebertest kann diese Qualitaeten hoechstens ansatzweise in einem Bewerber identifizieren. Und leider sieht man an der Qualitaet der Berichterstattung auf SPON, dass die ganze Muehe wohl oft fuer die Katz war, weil sich der Inhalt nur selten mit der NY Times, Pro Publica oder anderen grossen Publikationen alter Schule die neue Werte fuer sich entdeckt haben messen kann.
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