Detektivausbildung Schnüffeln lernen bei Honeckers Bodyguard

Einst war Bernd Brückner Leibwächter von Erich Honecker, heute bildet er in Berlin Detektive aus. Die Bücher stammen noch aus DDR-Zeiten. Die Dozenten auch - eine Art A-Team auf Ostdeutsch. Für die Nachwuchs-Spürnasen ist das kein Problem.

Von Christian Fuchs


"Aldo 4 für Aldo 3, kommen." Das kleine schwarze Funkgerät krächzt kaum verständliche Worte. Es gießt seit Stunden, Wind peitscht durch die Straßen von Alt-Marzahn, doch Anne Wölke und Regina Sperber (Namen geändert) stört das nicht. Die beiden blonden Frauen haben einen Spezialauftrag, sie sollen die zweite Telefonnummer von einem Schild mit der Aufschrift "Häusliche Krankenpflege" abschreiben. Den Standort ihres Zielobjektes kennen aber nur zwei Männer, die weit vor ihnen sind, irgendwo im Berliner Stadtteil Marzahn. "An Aldo 3, Standort?" ruft die 20-jährige Anne immer wieder in ihr Funkgerät. "Och, das ist so eine Schnarchtruppe vor uns."

Die beiden jungen Frauen klappen die Kapuzen an ihren grünen Anoraks hoch und zünden sich erst mal eine Kippe an, ihre Hosenbeine sind bereits pitschnass. Detektiv werden, das ist gar nicht so einfach. Selbst schon hundertmal im Fernsehen gesehene Dinge wie eine Observation oder professionelle Wegangaben via Funkgerät wirken in der Praxis plötzlich mühselig. Und jetzt noch der Chef. "Aldo 10 an alle: Achten Sie auf die Funkdisziplin, nicht alle durcheinander."

Die tiefe Stimme aus dem Walkie Talkie gehört Bernd Brückner. Seit fünf Jahren bildet der stämmige Mann im braunen Leinenjackett Schnüffler aus, gibt Kurse in Observation und Rechtskunde. Ab Januar 2007 soll mit einem elfmonatigen Komplettkurs das erste "Detektivstudium" Deutschlands starten.

Die Sache hat allerdings einen Haken: Um eine echte Hochschulausbildung mit staatlich anerkanntem Abschluss handelt es sich nicht. Andreas Heim vom Bund Internationaler Detektive fürchtet deshalb Verwechslungen mit Kriminologie-Studiengängen. Auch in der Berliner Senatsverwaltung hält man den Begriff für "irreführend".

Bezeichnung "Studium" umstritten

Das Problem: Anders als für Sicherheitsleute im Wach- und Personenschutz gibt es in Deutschland keinen staatlich anerkannten Weg zum Detektiv. Die Berufsbezeichnung ist ungeschützt. "Wir kämpfen seit Jahren für eine öffentlich-rechtliche Prüfung, da zur Zeit einfach jeder ein Gewerbe anmelden kann", sagt Josef Riehl, Sprecher des Bundesverbands deutscher Detektive (BDD). "Das hat zur Folge, dass sich auch schwarze Schafe auf dem Markt tummeln, die unqualifizierte Ausbildungen in jedweder Form anbieten können." Lediglich zwei Fernlehrgänge und das Bildungsinstitut Brückner (BIB) hat der Verband anerkannt.

80 Nachwuchs-Matullas hat Brückner seit 2001 ausgebildet - mit Spionage-Know-how made in DDR. Damals war er ganz nah dran am Zentrum der Macht. Er arbeitete als Kommandoleiter im Sicherheitsbereich "Erich Honecker", in der Stasi-Hauptabteilung Personenschutz – kurz: als Honeckers Bodyguard. 13 Jahre lang, immer zuverlässig. Dann kam die Wende. Erst hielt Brückner sich als Verkäufer und Busfahrer über Wasser, dann besann er sich wieder auf das Thema Sicherheit. Heute berät er die Volksrepublik China in Sicherheitsfragen für Olympia 2008 in Peking und führt ein kleines Sicherheitsimperium.

Der Bundesverband deutscher Detektive hat mit Brückners DDR-Biographie keine Schwierigkeiten: "Wir haben jedes Neumitglied, das im Osten geboren wurde, bei der Aufnahme zur Stasi-Mitarbeit befragt und bei Bernd Brückner keine verwerflichen Tätigkeiten gefunden", sagt Riehl. Außerdem sei der ehemalige Stasi-Offizier ein "Fachmann, der eine ganze Menge gute Leute um sich gesammelt" habe.

Es sind ehemalige Kollegen vom Zoll, der Polizei oder der Stasi. Sie kennen sich noch vom Studium der Kriminalistik an der Humboldt-Uni in Berlin. Ob Terror- oder Spionageabwehr, Personen- oder Gebäudesicherung - für jedes Spezialgebiet gibt es einen Profi am BIB. Zusammen sind sie so etwas wie die Ossi-Ausgabe vom A-Team kurz vor der Pensionierung.

Ihre Lehr-Bibel sind die drei Bände "Sozialistische Kriminalistik". "Reine Fachbücher", sagt Brückner, "die wissenschaftliche Herangehensweise hat immer noch Gültigkeit." Der Umgang mit Handys und Videokameras fehle natürlich, aber die Grundlagen seien brauchbar. "Die Bücher werden gehandelt wie verrückt – auch im Westen."

Professionelles Lügen lernen

Und so büffeln die Nachwuchsdetektive fleißig im Spionage-ABC des Kalten Krieges. Auch als Brückner seine Ausführungen zum Einsatz von Blaulicht mit Anekdoten aus seiner Zeit beim Staatsschutz illustriert, stört das offenbar keinen. "Brückner hat viel praktische Erfahrung", sagt eine Schülerin um die 40.

Der Detektivkurs bereitet die zukünftigen Ermittler vor allem auf den Einsatz in der Wirtschaft vor. Viele Firmen haben Angst, bei Problemen die Polizei einzuschalten, weil dann auch die Presse vor der Tür stehen könnte. "Ein Lebensmittelkonzern, der mit Gift in seinen Produkten erpresst wird, hat kein Interesse an Öffentlichkeit", sagt Brückner. Oftmals werden Detektive auch von Unternehmensbossen angeheuert, um Mitarbeiter zu kontrollieren, oder von geprellten Gläubigern auf ihre Schuldner angesetzt. "Manchmal behauptet einer, er sei pleite und hat dann noch ein Boot in der Schweiz", beschreibt Brückner den klassischen Detektiv-Einsatz. "Hauptsächlich geht es darum, Argumente für den Klienten zu sammeln."

Neben kriminalistischen Methoden und Selbstverteidigung steht vor allem Jura auf dem Stundenplan: Strafgesetz, BGB und Datenschutzbestimmungen. Für private Spürnasen gilt das so genannte Jedermannsrecht - sie dürfen nicht einfach so in fremde Wohnungen eindringen oder Verdächtige durchsuchen. "Die rechtlichen Grauzonen sollte jeder gute Ermittler kennen", sagt Brückner; dem Ausdruck "professionelles Lügen" widerspricht er nicht. Im Modul "Legendenbildung" lernen die Nachwuchsdetektive, wie man sich durch eine Geschichte Zutritt zu fremden Wohnungen oder Unternehmen verschafft.

"Wenn ich solche Krimisoaps wie Lenßen & Partner im Fernsehen sehe, entdecke ich in jeder Folge zwei Verstöße gegen das Strafgesetzbuch", sagt Brückner. Das soll seinen fertigen Detektiven nicht passieren, denn dann wären ihre mühsam beschafften Informationen vor Gericht nutzlos.

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