Deutsche Forschertalente Einmal Weltreise und zurück

Viele junge Wissenschaftler starten ihre akademische Karriere im Ausland - und bleiben gleich dort. Deutschlands Unis hätten gern die klügsten Köpfe zurück. Auf SPIEGEL ONLINE erzählen Forschertalente, warum sie weggingen - und was sie zur Rückkehr bewegt.

Von Stefan Kesselhut


Markus Giesler arbeitet unabhängig, bekommt viel Geld für Forschung und Lehre, betreut Studenten in Einzelgesprächen. Dazwischen bearbeitet er Anfragen von Unternehmen. Mal tritt er als Experte im Fernsehen auf, mal fährt er zur Konferenz an der amerikanischen Ostküste, er beschäftigt mehrere Assistenten.

Forscher Giesler: "In Europa bewegt sich einiges"
Marc Pieper

Forscher Giesler: "In Europa bewegt sich einiges"

Für die meisten Wissenschaftler an deutschen Universitäten klingt das traumhaft - und viel zu teuer. Für Markus Giesler ist dieser Traum Alltag.

Seit seiner Promotion an der Uni Witten/Herdecke lehrt und forscht Giesler seit 2004 als Assistant Professor im Bereich Marketing in Kanada. An der renommierten "Schulich School of Business" in Toronto untersucht er zum Beispiel, welche Beziehungen iPod-Käufer zu ihrem MP3-Player aufbauen. Giesler ist in der Konsumforschung ein anerkannter und bekannter Fachmann - mit 31 Jahren. Eine so schnelle und erfolgreiche wissenschaftliche Karriere hinzulegen, das wäre in Deutschland kaum möglich gewesen.

Studium in Deutschland, forschen und lehren anderswo: Wie Markus Giesler gehen junge Forscher nach ihrem Abschluss oft ins Ausland. Manche für einige Jahre, andere für immer. Wie viele genau, weiß niemand - zentral erfasst werden die Auswanderer und Rückkehrer nicht. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) schätzt, dass derzeit knapp 6000 promovierte deutsche Wissenschaftler allein in den USA arbeiten, die meisten davon Nachwuchstalente.

Rackern wie Leibeigene

Warum zieht es so viele weg, hinaus in die Welt? In manchen Fächern sind einige Semester Studium und ein Forschungsaufenthalt im Ausland mittlerweile Pflicht, vor allem für Naturwissenschaftler. Physiker oder Chemiker zum Beispiel haben ohne internationale Erfahrung schlechtere Chancen auf Jobs in der deutschen Wissenschaft. Meist sind ihre Auslands-Gastspiele zunächst auf wenige Jahre angelegt. Doch dann wird mehr daraus. Einer US-Studie zufolge arbeitet knapp jeder zweite Deutsche, der im 1996 seinen Doktor in den USA machte, heute noch immer dort.

Es könnte daran liegen, dass junge Forscher in Deutschland kaum selbstständig forschen, zumal die Zukunft der Juniorprofessur als Alternative zum traditionellen System unklar ist. Nach der Doktorarbeit rackern Talente jahrelang als Assistenten an einem Lehrstuhl, oft wie Leibeigene.

"In dieser Position kann man im deutschen System kaum eigene Akzente setzen, arbeitet nur seinem Professor zu. Das schadet der Karriere", sagt Giesler. In England oder in den USA dagegen lege man viel Wert darauf, dass junge Mitarbeiter sich möglichst früh mit eigenen Arbeiten einen Namen machen. Sie veröffentlichen oft mehr Beiträge in Fachzeitschriften als ihre deutschen Kollegen, haben so auch mehr Einfluss auf wissenschaftliche Debatten.

Das große Buhlen um Talente

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fragte 2002 ihre ehemaligen Auslands-Stipendiaten, was sie in ihrem Gastland besser finden als in Deutschland. Gerade Kanada, die USA oder Großbritannien bekamen dabei gute Noten. Die Chancen, in Deutschland innovative Forschung zu betreiben, beurteilten die jungen Wissenschaftler als schlecht. Zwei Drittel bemängelten zudem, dass Nachwuchstalente finanziell zu wenig gefördert würden.

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Auch in höheren Positionen sind die Gehälter für Wissenschaftler in Deutschland mau. Ein großes Problem, sagt Bernd Huber, Präsident der LMU München: "Wissenschaftler sind begehrt, ihre Preise hoch. Die muss man bezahlen, wenn man die besten nach Deutschland holen will."

Wissenschaftsorganisationen wie DFG, Max-Planck-Gesellschaft und DAAD, aber auch die Politik und manche Universitäten versuchen seit einigen Jahren, den umschwärmten Talenten eine Rückkehr schmackhafter zu machen - mit Stipendien als Köder. So können Wissenschaftler mit dem Heisenberg-Stipendium oder dem Emmy-Noether-Programm eigenständige Forschungsgruppen aufbauen und finanzieren.

Nordrhein-Westfalen hat ein "Rückkehrerprogramm" gestartet, um junge Forscher aus dem Ausland an die heimischen Unis holen. In mehreren Runden wählt ein Gremium die besten Kandidaten aus. Wer es schafft, kann sich seine künftige Uni aussuchen und bekommt 1,25 Millionen Euro für eine eigene Nachwuchsgruppe.

"Mein Herz hängt an Europa"

Inzwischen buhlen Minister und Chefs großer Wissenschafts-Organisationen auch vor Ort um Forscher. Im September 2007 etwa wurden über 200 deutsche Nachwuchsforscher nach San Francisco eingeladen und über Job-Perspektiven in der deutschen Wissenschaft informiert. Statt sich in langen, unpersönlichen Anfragen und Bewerbungen zu verlieren, konnten die Forscher dort nachfragen, was ihnen Deutschland momentan bieten kann. Denn: "Viele von ihnen wollen zurück, wenn die Umstände stimmen", sagt Christian Schwalb vom German Academic International Network (GAIN).

Nicht nur maßgeschneiderte Angebote locken Nachwuchsforscher zurück in die Heimat. Durch die Exzellenzinitative schaffen die erfolgreichen Unis viele zusätzliche Stellen in der Forschung. Und übernehmen Teile des US-Systems: Die Uni München etwa nimmt junge Forscher für zunächst sechs Jahre unter Vertrag. Wer gute Leistungen liefert, kann mit einer Anstellung auf Lebenszeit rechnen - das amerikanische Modell des tenure track.

Einige Unis haben zudem erkannt, dass gute Forschungsbedingungen zwar wichtig sind, manche Rückkehr aber schlicht daran scheitert, dass der Lebenspartner keine Stelle vor Ort findet. Für die Frau von Biochemiker Lars Leichtert, der bald mit Hilfe des NRW-Rückkehrerprogramms von Michigan nach Bochum wechselt, hat die Unileitung kurzerhand eine zusätzliche Stelle geschaffen. "In diesem Bereich waren die Amerikaner bisher uneinholbar vorn", sagt Leichert.

Markus Gieslers Zeit in Kanada könnte ebenfalls bald zu Ende gehen, trotz exzellenter Lehr- und Forschungsbedingungen in Toronto. Er will wieder zurück: "Mein Herz hängt an Europa. Und dort bewegt sich mittlerweile einiges."

Was klappt besser im Ausland, was ist reizvoll an Deutschland? Vier Wissenschaftler erzählen.



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