DGB-Studie Das Märchen vom Azubi-Mangel

Es gibt mehr freie Lehrstellen als Bewerber, der Ausbildungsmarkt ist extrem entspannt - das legen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit nahe. Der DGB hat die Statistik überprüft. Das Ergebnis: alles falsch.

Azubi bei der Arbeit (Symbolbild)
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Azubi bei der Arbeit (Symbolbild)


Händeringend suchten viele Betriebe nach Auszubildenden, aber es werde immer schwerer, welche zu finden. So lautet die gängige Aussage von Firmenchefs zur Lage auf dem Ausbildungsmarkt, unterstützt von Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA). Der DGB hat die Daten analysiert und kritisiert: Die Zahlen verschleiern demnach, wie es wirklich ist.

Ende September gab es der BA-Statistik zufolge 43.500 freie Ausbildungsplätze. Die Zahl der offenen Stellen sei damit nochmals gestiegen, hieß es von der Agentur für Arbeit am Mittwoch. Dem stünden rund 20.000 Bewerber ohne Lehrstelle gegenüber. Die Zahlen suggerieren: Es gibt mehr freie Plätze als Bewerber. Aber stimmt das?

DGB: Viele Bewerber werden in der Statistik gar nicht erfasst

"Die Geschichte vom bundesweiten Azubi-Mangel entpuppt sich bei Licht betrachtet als Märchen", sagt Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes (DGB). Denn zahlreiche Jugendliche ohne Ausbildungsplatz werden der DGB-Analyse zufolge gar nicht in den Daten berücksichtigt.

Unstrittig ist demnach, dass rund 20.000 junge Bewerber in diesem Jahr weder eine Lehrstelle noch eine Ersatzmaßnahme abbekommen hätten. Sie seien nach den BA-Zahlen offiziell "unversorgt". Die Agentur zähle hier aber nur diejenigen mit, die als "ausbildungsreif" gelten. Die anderen fielen unter den Tisch.

Eine weitere Kritik des DGB: Zehntausende Jugendliche, die zwar formal ausbildungsreif sind, aber trotzdem noch keine Lehrstelle haben, gelten nach den BA-Zahlen als "versorgt". Dabei hängen sie in einer Art Warteschleife, weil sie etwa Praktika oder berufsvorbereitende Maßnahmen absolvieren.

"Mehrheit wird in Ersatzmaßnahmen geparkt"

Die Lehrstellenbilanz des DGB sieht damit ganz anders aus: Rund 283.000 Jugendliche, die von der Bundesagentur für Arbeit als ausbildungsreif eingestuft wurden, hätten keinen Ausbildungsplatz bekommen, sagt Hannack.

"Die Mehrheit von ihnen wird in Ersatzmaßnahmen geparkt - und wird in den kommenden Jahren kaum eine Chance auf einen Ausbildungsabschluss haben", kritisiert Hannack. Immerhin noch rund 60.000 dieser Menschen hätten bei der Bundesagentur für Arbeit 2016 angezeigt, dass sie akut noch einen Platz suchen.

Eigentlich müssten dem DGB zufolge zumindest auch diese Jugendlichen als "unversorgt" eingestuft werden. Insgesamt blieben damit allein in diesem Jahr mehr als 80.000 Bewerber ohne Ausbildungsplatz. Das übersteige die Zahl der offenen Ausbildungsplätze von rund 43.500 deutlich.

"Von einem Bewerbermangel kann schon anhand dieser Daten folglich keine Rede mehr sein", heißt es in der DGB-Analyse. Für Hannack erklärt sich so auch, warum in Deutschland insgesamt rund 1,2 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren keinen Berufsabschluss haben.

Sie warnte vor den Folgen: "Auf diese Menschen wartet ein Leben in prekärer Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit. Sie werden kaum ihren Lebensunterhalt eigenständig finanzieren können."



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