Dilemma für McKinsey und Co. Überflieger in Überzahl

Unternehmensberatungen wie Boston Consulting oder Booz & Company wollen nur die Allerbesten einstellen - doch die Auswahl wird immer schwieriger. Nicht, weil es zu wenige Studenten mit exzellenten Lebensläufen gäbe. Im Gegenteil: Es sind einfach viel zu viele.

Von Katrin Elger


Sebastian Ebert ist ein erklärter Feind der Mittelmäßigkeit. "Ich will jetzt wirklich nicht arrogant klingen", sagt der 25-Jährige und lädt sich am Hotel-Büfett spanische Vorspeisen auf den Teller. "Aber ich habe keine Lust, neben Durchschnitts-BWLern in irgendeinem beliebigen Unternehmen zu arbeiten." Dafür habe er nicht Mathematik und VWL im Doppelpack studiert und stecke nun viel Zeit und Arbeit in seine Promotion.

An der Bonn Graduate School of Economics macht Ebert derzeit seinen Doktor in Finanzwissenschaft und Statistik. Seine akademischen Noten sind exzellent, sein Lebenslauf tadellos. "Ich will nur mit den Besten zusammenarbeiten", sagt er.

"Die Besten" hofft er im spanischen Bilbao zu finden. Dort verbringt er auf Einladung der Unternehmensberatung Booz & Company gemeinsam mit 28 jungen Akademikern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ein Wochenende im Viersternehotel Hesperia. Direkt am Ría del Nervión gelegen, mit Blick auf das Wahrzeichen der Stadt, das Guggenheim Museum.

Unter den kritischen Augen der Unternehmensberater entwickeln die Studenten und Doktoranden während der alljährlichen Strategiekonferenz drei Tage lang Produktideen für Rentner oder machen sich Gedanken über Joint Ventures auf dem Energiemarkt. Unter 750 Bewerbern wurden Ebert und seine Mitstreiter ausgewählt. Wer in den Workshops brilliert, hat gute Chancen, zum Auswahlverfahren eingeladen zu werden. Es winken Gehälter ab 60.000 Euro brutto jährlich. Zum Vergleich: Architekten verdienen beim Berufsstart nicht einmal 30.000 Euro. Booz & Company ist neben McKinsey und der Boston Consulting Group (BCG) eine der weltweit größten und bekanntesten Unternehmensberatungen.

Auslandserfahrung ist inzwischen Standard

Jedes Jahr stellt Booz & Company in Deutschland rund 100 neue Leute ein; 6000 schicken ihre Bewerbungsunterlagen. Bei McKinsey und BCG wollen jährlich 10.000 bis 15.000 einsteigen. Einen Job bekamen im vorigen Jahr zwischen 200 und 300 Anfänger bei den beiden Spitzenfirmen.

Die Auslese ist hart, und die Aufgabe der Personalmanager wird immer schwieriger. Nicht, weil es zu wenige Studenten mit beeindruckenden Lebensläufen gäbe. Das Problem: Es sind zu viele. Hervorragende akademische Leistungen, Auslandsstudium, mehrere Fremdsprachen, Praktika bei namhaften Unternehmen - das gehört zum Standardprogramm.

"Wir bekommen mittlerweile inflationär tolle Unterlagen", sagt Miriam Kraneis, Recruiting Managerin bei Booz & Company. Sie vermutet hinter der Elite-Schwemme die "strafferen Studienzeiten durch den Bachelor", die "Fortschritte der Universitäten in der Lehre" und das zunehmend "pragmatische Karrierekalkül" der Studenten.

Auch Just Schürmann, der für das Recruiting verantwortliche Geschäftsführer bei der Boston Consulting Group, sieht einen Wandel: "Heute ist es für die Studenten völlig normal, dass sie Auslandserfahrung mitbringen", sagt er. "Die Universitäten bieten viel mehr Austauschprogramme als früher." Seit sieben Jahren ist er für die Auswahl der Bewerber zuständig. Wie auch Booz & Company veranstaltet die Boston Consulting Group in regelmäßigen Abständen Workshops, bei denen sich die Studenten ein Bild von der Arbeit der Berater machen und ihr Talent beweisen können.

Gas geben, ein großes Rad drehen

Schwarz an schwarz reihen sich die Jacketts im Konferenzsaal "Benediktenwand" in der Münchner BCG-Niederlassung in der Ludwigstraße aneinander. 20 Bachelor-Studenten und 3 -Studentinnen lauschen Schürmanns Vortrag über die Beratungsfirma, geschäftsmäßig gekleidet und ordentlich frisiert. Ein Projektor wirft die Worte "Bei BCG drehen Sie an einem großen Rad" an die Wand.

"Indien gibt Gas. Steigen Sie ein", lautet der Titel der eintägigen Veranstaltung für Bachelor-Studenten ab dem vierten Semester. In Gruppen sollen die Auserwählten eine Strategie für einen fiktiven europäischen Automobilhersteller entwickeln, der in den indischen Markt eintreten will.

"Sie können stolz sein, dass Sie hier sind", sagt Schürmann und blickt in die Runde. 150 Bewerbungen für die Veranstaltung gab es - fast ausschließlich aus den wirtschaftswissenschaftlichen Zweigen. Diese haben sehr früh auf die neuen Abschlüsse umgestellt. Schürmann rechnet damit, dass sich für die Workshops der kommenden Jahre zunehmend auch Interessenten aus anderen Fachbereichen melden werden.



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