CSU-General Scheuer und sein Doktortitel Grad noch so

Durfte der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer den Zusatz "Dr." vor seinem Namen führen? Rechtlich wohl schon. Akademisch jedoch hat der Karrieredoktor in Tschechien sehr dünne Bretter gebohrt. Das würde hierzulande kaum ein Prüfer seinen Doktoranden durchgehen lassen.

DPA

Von , und


Als CSU-Generalsekretär prescht er gerne vor, das gehört zu seinen Aufgaben - spontane Attacken, zugespitzte Sätze, schnelle Entscheidungen. Mit seinem jüngsten Entschluss hat sich Andreas Scheuer allerdings sehr viel Zeit gelassen: Gut acht Jahre nach den ersten Diskussionen um seinen akademischen Titel will er sich fortan nicht mehr "Dr." nennen.

Er verzichtet auf das Führen seines Grades, und zwar erst nachdem die "FAZ" jetzt groß über die altbekannten Vorwürfe berichtete und einige neue Details zusammengetragen hatte. Scheuer tritt offenkundig die Flucht nach vorn an, um möglichst schnell das Thema hinter sich zu lassen. Er setzt darauf, dass bald niemand mehr Interesse an den Details hat: Warum durfte er seine Prüfung an einer tschechischen Uni auf Deutsch ablegen? Wie dürftig ist seine Leistung in der Arbeit wirklich?

Rechtlich zwingen können hätte man Scheuer zum Titelverzicht nämlich kaum. Denn erst nach Scheuers Promotion in Tschechien verfügte Bayern, dass die zwei Buchstaben ohne entsprechenden Zusatz nicht mehr geführt werden dürfen, wenn sie nicht der dritten Ebene der Bologna-Klassifikation der Studienabschlüsse entsprechen: Die erste Ebene ist der Bachelor, die zweite Ebene der Master, die dritte die Promotion.

Mal führte Scheuer seinen Titel, mal nicht

Deshalb läuft der Vorwurf, Scheuer dürfe seinen Doktorgrad hierzulande nicht führen, rein rechtlich gesehen wohl ins Leere. Daran ändert auch ein Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts nichts, das sich im Mai 2011 mit einem ähnlichen Fall befassen musste: Unter dem Aktenzeichen 6 U 6/10 untersagte es einem Steuerberater, den slowakischen Grad "doktor filozofie" in Deutschland als "Dr." ohne Zusatz zu führen. Allerdings ging es bei dem Fall um die Verwendung des Titels "im geschäftlichen Verkehr zu Wettbewerbszwecken", geklagt hatte die örtliche Steuerberaterkammer.

Das Gericht hebt in seinem Urteil mehrfach darauf ab, dass die Nutzung des Titels "als geschäftliche Handlung" unzulässig ist, etwa indem der Steuerberater die beiden Buchstaben auf Briefbögen verwendete.

Dass Scheuer im politischen Geschäft auf diese Weise einen Wettbewerbsvorteil erlangte, wäre juristisch wohl kaum zu konstruieren. Die Diskussion um seine Arbeit dauert schon länger an, mal führte Scheuer den Titel ohne Zusatz, mal nicht, ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Passau wurde eingestellt.

Scheuer und seine Schmalspur-Arbeit

In die Kritik war Scheuer schon lange vor dem Fall seines Parteigenossen Karl-Theodor zu Guttenberg geraten. Im Unterschied zu Guttenberg handelt es sich bei der Arbeit aber nicht um ein Plagiat. Online-Rechercheure konnten bislang kaum großflächige Textübernahmen nachweisen. Dokumentiert ist jedoch eine peinliche Stelle, nämlich offensichtlich abgeschriebene Absätze aus einem Heft der Bundeszentrale für politische Bildung, in der CSU-Legende Franz Josef Strauß fälschlicherweise einen Bindestrich im Vornamen bekommt.

Insgesamt ist die Qualität der Arbeit mehr als dürftig. Das erste Kapitel hat Scheuer quasi aus zwei Hauptquellen zusammengeschrieben, angereichert mit vielen Fakten, für die er keinerlei Quellen angibt. Ob Wachstumsrate, Bruttoinlandsprodukt, die Selbständigen- und auch die Arbeitslosenquote, fast drei Seiten lang lobt er den Wirtschaftsstandort Bayern. Woher die ganzen Daten stammen, erfährt der Leser nicht.

Nur zwei von 17 Punkten haben eine Fußnote, wirklich aussagekräftig sind auch diese nicht, Scheuer verweist lediglich auf das Landesarbeitsamt Bayern und das Bayerische Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung. Aus welchem Jahr die Daten stammen, steht nicht dabei. Auch als er über drei Seiten "die gegenwärtigen politischen Ziele der CSU" beschreibt, ist keine Angabe zur Herkunft zu finden.

Scheuer widerspricht sich auch häufiger selbst. Auf Seite 19 berichtet er von 2853 Ortsverbänden der CSU, acht Seiten weiter sind es plötzlich nur noch "ca. 2840". Erneut fehlt jede Quelle. Auch Rechtschreibfehler wie "Grundgesetzt der Bundesrepublik Deutschland" und falsch geschriebene Namen findet man zuhauf, sie zeugen von der Schlampigkeit, mit der Scheuer die Arbeit offensichtlich verfasste.

Scheuer lässt seine Arbeit anspruchsvoller aussehen, als sie ist

Doch es ist nicht nur Schlampigkeit. Scheuer hat, darauf deutet alles hin, versucht, seine mauen Quellenangaben auszuweiten. Teils lässt er offenkundig seine Arbeit sogar wissenschaftlicher aussehen, als sie ist. Im Literaturverzeichnis gibt er mehrmals Autoren an, die er weder im Text noch in den Fußnoten verwendet hat. Bei anderen Wissenschaftlern zitiert er deren Studie nicht nur auf Deutsch, sondern auch noch auf Englisch, so bläht er das Literaturverzeichnis künstlich auf.

Es bleibt also mindestens der Vorwurf der Dünnbrettbohrerei. Die in einen weiß-blauen Einband gefassten 294 Seiten über die "politische Kommunikation der CSU im System Bayerns" entsprechen erkennbar nicht dem Niveau einer sozialwissenschaftlichen Doktorarbeit in Deutschland. Allerdings hat das sogenannte kleine Doktorat an der Karls-Universität auch nicht diesen Zweck.

Scheuer wählte also den leichten Weg - und einen eher ungewöhnlichen. Der damalige Bundestagsabgeordnete sei "der erste von den ausländischen Studenten, der an unserer Fakultät erfolgreich die Staatsprüfung und das Rigorosum im Fach politische Wissenschaften abgelegt hat", schreibt Scheuers Betreuer Rudolf Kucera im Geleitwort.

insgesamt 92 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nemesis_01 17.01.2014
1. Sowas ist doch
alles nur im kleingeistigen Rest der Republik ein Thema. Im schönen Bayernland ist man längst einen Schritt weiter. Und wenn man sieht, wie trotz der Skandälchen und Skandale der letzten Jahre die CSU die absolute Mehrheit abgeräumt hat, da wird einem doch eins zur Gewissheit. Sie könnten in Bayern einen Melkschemel zur Wahl stellen, wenn der in der CSU wäre, er bekäme die meisten Stimmen.
Ronni555 17.01.2014
2. Berichtet doch bitte auch mal .....
was positives zum Thema Politiker und Studium. Mann könnte sonst meinen unsere Volksvertreter sind zu 99% Trickser und Hochstapler. Wie wär's z. B. mit einem Bericht über Politiker mit Handwerklicher Ausbildung? Keine Sensation, aber interessant!
gantenbein3 17.01.2014
3. Wer einen Titel
Zitat von sysopDPADurfte der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer den Zusatz "Dr." vor seinem Namen führen? Rechtlich wohl schon. Akademisch jedoch hat der Karrieredoktor in Tschechien sehr dünne Bretter gebohrt. Das würde hierzulande kaum ein Prüfer seinen Doktoranden durchgehen lassen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/doktortitel-affaere-von-csu-generalsekretaer-andreas-scheuer-a-944071.html
...auf solche Art erwirbt, hat erstens gründlich darüber nachgedacht, wie er möglichst anstrengungslos zu einem Dr. kommen kann und zweitens grob falsch eingeschätzt, dass man es ihm durchgehen lassen würde.
Seifert 17.01.2014
4.
Zitat von sysopDPADurfte der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer den Zusatz "Dr." vor seinem Namen führen? Rechtlich wohl schon. Akademisch jedoch hat der Karrieredoktor in Tschechien sehr dünne Bretter gebohrt. Das würde hierzulande kaum ein Prüfer seinen Doktoranden durchgehen lassen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/doktortitel-affaere-von-csu-generalsekretaer-andreas-scheuer-a-944071.html
Wenn dieser (und andere) Politiker nicht durch Leistung beeindruckt,dann muß wenigstens ein repräsentativer Titel her -koste es,was es wolle. Und solche Leute arbeiten an Deutschlands Zukunft mit.........
njamba 17.01.2014
5. Einfach das Bayerische Motto anwenden
Zitat von sysopDPADurfte der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer den Zusatz "Dr." vor seinem Namen führen? Rechtlich wohl schon. Akademisch jedoch hat der Karrieredoktor in Tschechien sehr dünne Bretter gebohrt. Das würde hierzulande kaum ein Prüfer seinen Doktoranden durchgehen lassen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/doktortitel-affaere-von-csu-generalsekretaer-andreas-scheuer-a-944071.html
" wer betrügt, der fliegt". Jawohl Herr Seehofer oder gibt´s es Ausnahme?.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.