E-Mail an Studenten US-Unis warnen vor Karrierekiller WikiLeaks

Darf man WikiLeaks-Papiere lesen, wenn man im US-Staatsdienst Karriere machen will? An US-Hochschulen geht die Warnung um, die Enthüllungsseite zu meiden. Empörte Studenten und Dozenten bangen nun um ihre Freiheitsrechte - das Außenministerium bemüht sich um Schadensbegrenzung.

Von

Lena Greiner

Ahmad N. hat Stress. An US-Universitäten ist die Vorweihnachtszeit alles andere als ruhig. In diesen Wochen finden die Prüfungen statt, die Semesterabschlussarbeiten müssen eingereicht werden. Unzählige Studenten mit Augenringen und Kaffeebechern füllen die Bibliotheken von früh bis spät.

Auch Ahmad, eingeschrieben für Nahost-Studien an der George Washington University in Washington, hat in dieser Nacht bis fünf Uhr morgens an einer Hausarbeit mit dem Titel "Die Politik der USA gegenüber Terrorgruppen im Jemen" gesessen.

Viel Material gab es zu dem Thema nicht - bis WikiLeaks vor kurzem begann, geheime US-Botschaftsdokumente zu veröffentlichen. Der 23-jährige Masterstudent wühlte sich stundenlang durch die Depeschen und war begeistert. "Ich habe ganz neue Informationen und Details entdeckt", sagt er.

Doch Ahmad wird diese Recherchen nicht für seine wissenschaftliche Arbeit verwenden. Rund eine Woche nach dem jüngsten WikiLeaks-Coup erreichte alle Masterstudenten der Elliott School of International Affairs der George Washington University eine beunruhigende E-Mail.

Im Schreiben des universitären Karrierezentrums heißt es: "Obwohl die meisten von uns äußerst interessiert an der WikiLeaks-Saga sind, möchten wir euch warnen, direkt auf die Dokumente zuzugreifen." Es bestehe die Gefahr, dass Studenten deswegen den persönlichen Sicherheitscheck nicht bestehen, der für Praktika oder Jobs im öffentlichen Dienst verlangt wird. Wer nachweislich auf WikiLeaks zugegriffen habe, dessen Fähigkeit könne in Zweifel gezogen werden, angemessen mit geheimen Informationen umzugehen.

Absolventenängste um Berufschancen

Losgetreten hat die Welle der Verunsicherung anscheinend ein Absolvent der School of International and Public Affairs der Columbia University in New York. Der Alumnus, der jetzt für das US-Außenministerium arbeitet, informierte offenbar seine frühere Eliteuniversität, eine der Kaderschmieden für Diplomaten. Daraufhin warnte das Karrierezentrum jener Uni die Studenten in einer E-Mail davor, WikiLeaks-Dokumente auf Facebook oder Twitter zu verlinken oder zu kommentieren. Beim Sicherheitscheck werden nämlich auch diese Seiten überprüft.

Andere Universitäten, darunter die School of Law der Boston University, folgten diesem Beispiel und verschickten Warnhinweise. Wie die Elliott School sagen die Bostoner aber, sie hätten keinen Hinweis erhalten, sondern aus eigener Veranlassung gehandelt.

Hintergrund: Die WikiLeaks-Dokumente werden von der US-Regierung trotz ihrer weltweiten Veröffentlichung noch immer als "Geheim- oder Verschlusssache" eingestuft. Hunderttausende Regierungsmitarbeiter, die nicht über die erforderliche Zugriffsberechtigung verfügen, wurden daher ausdrücklich vom Weißen Haus und dem Verteidigungsministerium angewiesen, die Dokumente nicht zu lesen. Laut der E-Mail des Karrierezentrums der George Washington University könnten davon auch potentielle Bewerber betroffen sein, die erst in Zukunft den Sicherheitscheck durchlaufen müssen.

Das US-Außenministerium hat sich inzwischen allerdings von den Warnungen distanziert. "Wir haben keine Anweisungen an Privatleute erteilt, die nicht bei uns angestellt sind", heißt es in einer offiziellen Mitteilung. Ein "übereifriger Mitarbeiter" könnte dem Ministeriumssprecher zufolge die Information gestreut haben.

Depeschen werden als Lehrmaterial benutzt

Die Debatte geht trotzdem weiter. Die School of International and Public Affairs der Columbia University sah sich sogar gezwungen klarzustellen, dass Informations- und Meinungsfreiheit zu den Grundwerten der Universität gehörten und dass die Studenten angstfrei diskutieren dürften. Professor Gary Sick, ehemaliger Mitarbeiter im Nationalen Sicherheitsrat, fände es "total absurd, wenn jemand nicht eingestellt werden würde, weil er auf der WikiLeaks-Seite war", sagt Sick. "Die Dokumente sind für jeden zugänglich. Insbesondere Studenten sollten sich damit auch beschäftigen."

Er selbst nutzt die Depeschen als Lehrmaterial in seinen Kursen. "Hinweis an die US-Regierung: Wir wissen, die Sache ist schlimm für euch", schrieb Sick in seinem persönlichen Blog. "Aber macht es nicht noch schlimmer, indem ihr jeden, der internationale Politik studiert, kriminalisiert."

Klar ist - für jeden Job, der den Umgang mit vertraulichen Informationen beinhaltet, ist die offizielle Sicherheitsüberprüfung obligatorisch. Das weiß auch Matt Guckenberg, 23: "Wenn man sich im Außenministerium um einen Einstiegsjob bewirbt, muss man angeben, ob man schon einmal unerlaubt auf Regierungsdaten zugegriffen hat." Guckenberg möchte nach seinem Studium Diplomat werden. Die WikiLeaks-Dokumente liest er deshalb lieber nicht im Original.

Darf die Informations- und Meinungsfreiheit hier enden?

Die Überprüfung kann bis zu eineinhalb Jahre dauern. Je nach erforderlicher Sicherheitsstufe werden auch das private Umfeld und die Vergangenheit der Bewerber genauestens untersucht. Hat der Kandidat Drogen genommen? Können Nachbarn bestätigen, dass er vor sieben Jahren hier oder dort gewohnt hat? Auch Lügendetektoren dürfen eingesetzt werden. Und vielelicht müssen Studenten, die sich für die Außenpolitik ihres Landes und für Primärquellen interessieren, fortan auch die Frage fürchten: Haben Sie WikiLeaks-Dokumente gelesen?

Nicht wenige stellen nun die Frage, ob ein solcher Umgang mit der Informations- und der akademischen Freiheit zulässig ist. "Übertrieben" findet das alles Judith Yaphe. Sie ist Dozentin an der Elliott School und Wissenschaftlerin in einem Think Tank der National Defense University. "Hier wird Angst geschürt, ungefähr so wie in der Phase nach dem 11. September."

Yaphe hat zwei Jahrzehnte beim Geheimdienst CIA als Beraterin für den Nahen Osten gearbeitet. Sie kritisiert zwar die Veröffentlichung der Dokumente - sagt aber: "Ich weiß nicht, auf welcher rechtlichen Grundlage die Warnung verschickt wurde." Die Informationen seien ja jetzt publik.

Matt Guckenberg hat nach der E-Mail des universitären Karrierezentrums trotzdem Angst - und ist froh, auf die Gefahr hingewiesen worden zu sein. "Es würde mich schon interessieren, die Sachen zu lesen", sagt er.

Aber das Risiko erscheint dem Masterstudenten zu groß.



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insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
sic tacuisses 10.12.2010
1. So viel zur Freiheit des Einzelnen in den USA.....
Zitat von sysopDarf man WikiLeaks-Papiere lesen, wenn man im US-Staatsdienst Karriere machen will? An US-Hochschulen geht die*Warnung um, die Enthüllungsseite zu meiden. Empörte Studenten und Dozenten bangen nun um ihre Freiheitsrechte -*das Außenministerium bemüht sich um Schadensbegrenzung. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,733857,00.html
quod non erat demonstrandum
peterregen 10.12.2010
2. ...
Zitat von sysopDarf man WikiLeaks-Papiere lesen, wenn man im US-Staatsdienst Karriere machen will? An US-Hochschulen geht die*Warnung um, die Enthüllungsseite zu meiden. Empörte Studenten und Dozenten bangen nun um ihre Freiheitsrechte -*das Außenministerium bemüht sich um Schadensbegrenzung. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,733857,00.html
Hui, jetzt geht es aber ab in den USA. Bin mal gespannt wann die ersten Leute wegen des lesens von Feind-Webseiten erschossen oder, noch schlimmer, ohne Gerichtsverhandlung nach Guantanamo verschleppt und gefoltert werden... Nicht vorzustellen wie es in diesem Land zugehen würde, wenn dort kein Friedensnobelpreisträger Präsident wäre...
Eigeier 10.12.2010
3. Meinungsfreiheit in Eierdemokratie
Das ist ja wie in China, ein dickes Ei nach dem anderen und keiner darf es wissen und keiner kommentieren...
flower power 10.12.2010
4. Ade, du freie Welt.
Eigentlich habe ich nie an dich geglaubt. doch trotzdem ist die Enttäuschung groß. Der Mensch ist nur noch Funktion von....
Lobbykratie 10.12.2010
5. Das kennen wir doch alles schon...
Zitat von sysopDarf man WikiLeaks-Papiere lesen, wenn man im US-Staatsdienst Karriere machen will? An US-Hochschulen geht die*Warnung um, die Enthüllungsseite zu meiden. Empörte Studenten und Dozenten bangen nun um ihre Freiheitsrechte -*das Außenministerium bemüht sich um Schadensbegrenzung. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,733857,00.html
Da fehlt jetzt ja bloß noch die Bücherverbrennung.
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