Equal Pay Day Lasst uns übers Geld sprechen

Wie viel verdienst du? Für viele Deutsche ist das eine unangenehme Frage. Doch warum sind wir in Sachen Gehalt so verklemmt? Ein Erklärungsversuch.

"Warum sind wir so verkrampft?"
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"Warum sind wir so verkrampft?"

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Kommt die Sprache aufs Gehalt, wird es oft seltsam stumm an deutschen Stammtischen oder in Kantinen - und selbst unter Eheleuten. Mehr als 40 Prozent der Deutschen wissen nicht, was ihr Partner verdient, wie eine Umfrage 2015 zeigte. Eher würden wir mit Fremden über Sex reden, als mit unserem Lohn zu protzen oder mit einem mickrigen Salär Mitleid zu erheischen.

Doch warum sind wir so verkrampft, wenn es um die Frage geht, wer wie viel am Monatsende auf dem Konto hat? Nicht nur zum Equal Pay Day, der an diesem Sonntag auf die Gehaltsschere zwischen den Geschlechtern aufmerksam machen will, sollten wir über das Thema sprechen.

Laut Wirtschaftspsychologen und Ökonomen gibt es zwei Gründe für das kollektive Unbehagen: Erstens fällt es uns schwer, soziale Hierarchien zu akzeptieren. Zweitens glauben wir zu sehr an Schicksal und zu wenig an Selbstbestimmung.

Vom Tellerwäscher zum Milliardär

Das deutsche Schweigen übers Geld ist fast ein kulturelles Alleinstellungsmerkmal. In den USA zum Beispiel sieht es komplett anders aus. Amerikaner reden oft sehr freizügig über das eigene Gehalt. Der Grund: Amerikaner glauben an die Freiheit, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen. Der amerikanische Traum wurzelt in dem Glauben, dass der Einzelne es vom Tellerwäscher zum Milliardär schaffen kann.

"Hat einer keinen Erfolg, so hat er in dieser Logik eben nicht genug Teller gewaschen, er muss sich mehr anstrengen", sagt der Wirtschaftspsychologe Florian Becker von der FH Rosenheim. Hat eine Führungskraft wiederum eine steile Karriere hingelegt, so frage der Amerikaner: "Wow, was kann ich von dir lernen?"

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Der Deutsche glaube hingegen eher an "Chancen", sagt Becker. "Vereinfacht gesagt sind es immer die Umwelt, das Elternhaus oder die Schule, die einer besuchen durfte, die für den Erfolg verantwortlich gemacht werden." Das ähnele der Logik des Glückspiels. Damit aber, so Becker, werde der Einzelne aus der Verantwortung für seinen Erfolg und damit auch sein Gehalt entlassen.

Erlernte Hilflosigkeit

"Erfolg ist quasi eine Gnade der Gesellschaft", sagt Becker. Jemand, der morgens die Tür seiner S-Klasse öffnet, muss also bessere Chancen gehabt und vielleicht ein Eliteinternat besucht haben - und das verletzt den tiefen deutschen Glauben an Gerechtigkeit.

Ungleichheit löst bei uns demnach soziales Unbehagen aus, anstatt zum Handeln zu motivieren. "Es hat sich einfach nicht als schlau erwiesen, bei uns zu zeigen, dass man mehr hat", sagt Becker. Das wecke nur Gefühle der Ungerechtigkeit und des Neids. Das amerikanische Modell fördere die Selbstwirksamkeit - der deutsche Ansatz hingegen führe zu erlernter Hilflosigkeit.

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Auch asiatische Kulturen sind oft weniger zugeknöpft, wenn es um den Gehaltsscheck geht. Wirtschaftspsychologe Becker argumentiert: "Hierarchien sind dort akzeptiert, darum sorgen sie auch beim Gehalt nicht für größere Aufregung." Bei uns hingegen seien soziale Hierarchien nicht erwünscht und würden stärker als ungerecht erlebt.

Doch auch Franzosen zeigen sich eher als Freigeister: 77 Prozent der Arbeitnehmer in Frankreich finden laut einer Studie des Karriereportals Glassdoor, dass Unternehmen transparent mit Auskünften über Geld umgehen sollten. Bei uns finden das nur 63 Prozent.

Doch wozu führt unser tabuisierter Umgang mit Gehalt? Die deutsche Geheimniskrämerei begünstigt letztendlich den Gender-Pay-Gap. Denn Probleme, über die niemand spricht, lassen sich schwerer angehen.

Transparenzschock à la Schweden

Anlass zu Hoffnung geben die Millenials, die Generation der zwischen 1980 und 2000 Geborenen. Viele Start-ups und Agenturen sind bekannt dafür, dass sie offener mit Gehältern umgehen. Einige veröffentlichen Gehaltslisten auf ihrer Homepage.

Es muss ja nicht sofort der Transparenzschock à la Schweden sein, wo man leicht Auskünfte über das Gehalt der Kollegen und Nachbarn einholen kann. Doch eine unaufgeregte Veränderung in Richtung Entgelttransparenz auf dem Arbeitsmarkt wäre gut.

Das könnte Mut machen, selbstwirksam und eigenverantwortlich etwas fürs eigene berufliche Fortkommen und für die spätere Rente zu tun. Und: Auch einer ungerechten Welt müssen wir in die Augen sehen, anstatt Probleme zu verschweigen. Fangen wir an zu reden - übers Gehalt! Heute wäre eine gute Chance! Wie viel verdienen Sie?

insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
rieberger_2 18.03.2018
1.
Mein Einkommen geht nur und ausschließlich das Finanzamt etwas an. Und das ist mir im Grunde genommen schon zu viel. Alles Andere ist Privatsache. Und so wenig mich das Einkommen anderer zu interessieren hat, so wenig geht andere mein Einkommen ewas an. Das mag man wo anders anderst betrachten. Es gilt:andere Länder, andere Sitten.
yogi65 18.03.2018
2. Komplex
Es ist zum Teil so wie es die Autorin beschrieben hat. Habe ich ein hohes Gehalt muss ich im Fall der Transparenz Neid und Missgunst fürchten, beim niedrigen Gehalt drohen Mitleid und Geringschätzung. Und es ist ja leider auch nicht so, dass eine direkte Korrelation zwischen gefühlter "Leistung" und Gehaltshöhe besteht. Dass die Kassiererin bei Aldi oder die Altenpflegerin eher wenig verdienen ist ja keine Minderleistung sondern eher ein Marktpreisphänomen. Die jeweils angebotene Leistung ist nicht knapp sondern würde im Fall besserer Bezahlung sofort zu einem starken Angebotsüberhang führen, da die Qualifikationshürde nicht so hoch ist. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland auch innerhalb der Berufe das ausgeprägte Phänomen der Seniorität. Das führt dazu, dass Berufsanfänger selbst bei herausragender Leistung immer deutlich weniger verdienen als die Senioren, selbst wenn die sich schon innerbetrieblich zur Ruhe gesetzt haben. Daher ist die Vertraulichkeit von Gehältern auch ein wenig Garant für sozialen Frieden in den Betrieben.
Nordstadtbewohner 18.03.2018
3. (Sozial)Neid auf Leistungsträger
"Es muss ja nicht sofort der Transparenzschock à la Schweden sein, wo man leicht Auskünfte über das Gehalt der Kollegen und Nachbarn einholen kann." Ich bin gegen eine solche "Transparenz", denn sie öffnet der Neidgesellschaft neue Türen, um sich über Leistungsträger zu echauffieren. Neid und Missgunst lauern leider überall. Ich möchte mich nicht vor anderen rechtfertigen müssen, warum ich mehr verdiene als Kollege (m/w). Dazu kommt, dass die im Artikel geforderte Unaufgeregtheit bei der Lohntransparenz als andere als unaufgeregt ist. Sie führt zum Aufbau eines Erpressungspotentials über die Hintertür. Es kann nicht sein, dass sich Vorgesetzte für alles rechtfertigen müssen.
fördeanwohner 18.03.2018
4. -
Lustig. Gestern habe ich an einer Fortbildung teilgenommen, in der es u.a. um kulturelle Unterschiede zwischen Briten und Deutschen ging. Eine Vortragende war Britin, die uns noch einmal darauf hinwies, dass man in GB nicht übers Gehalt sprechen dürfe. In Deutschland sei das ja tatsächlich eher üblich. Sie lebt seit nun über 25 Jahren in Deutschland, kann es daher wohl auch einschätzen. Und hier lesen wir nun, wir seien so verklemmt diesbezüglich. Es scheint in GB also viel krasser zu sein.
wally76 18.03.2018
5. Brutto weiß ich nicht genau, aber netto
sind es derzeit etwas über 4700 als Professor an einer staatlichen Hochschule. Da sind einige Leistungs- und Familienzulagen drin, sonst wären es knapp unter 4000 netto.
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