Erst Journalist, dann Tierphysiotherapeut Der Hundeflüsterer

Früher verfasste er Texte für das Internet, jetzt schreibt er Rezepte für Vierbeiner: Ronny Zeller ist Hundephysiotherapeut. Er verordnet Massagen, Krafttraining, Stromtherapien - und setzt manchmal sogar Blutegel ein.

Von Lisa Sonnabend


Rocco folgt noch nicht recht. Sanft drückt Ronny Zeller den Mischlingshund auf die Gymnastikmatte, bis das Tier auf der Seite liegen bleibt. Dann nimmt er Rocco das Halsband ab, der Hund soll es bequem haben. Zeller streicht dem Tier langsam über den ganzen Körper, mit der Handkante fährt er die Muskelstränge nach. Rocco schaut noch etwas skeptisch, ziert sich aber nicht mehr. Als Zeller sein Fell durchknetet, schließt er sogar die Augen. "Er soll spüren, dass ihm etwas Gutes geschieht", sagt der 29-Jährige.

Ronny Zeller ist Hundephysiotherapeut, einer von wenigen in Deutschland. Sein Patient Rocco ist elf Jahre alt und leidet an Arthrose an den Hüftgelenken. Während Tierärzte in solchen Fällen meist Schmerzmittel verabreichen, versucht Zeller, an der Ursache anzusetzen - mit Massage, Krafttraining oder Stromtherapie.

Aufgewachsen ist Zeller auf einem Bauernhof in Winkelstedt, einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. Den Hof seiner Eltern wollte er nie übernehmen. Zeller zog als Kind tropische Fische vor, kaufte sich mit 17 Jahren von seinem ersten selbstverdienten Geld eine Schildkröte und träumte von einem Leben in einer großen Stadt. Er machte ein Volontariat bei einer Fachzeitschrift in München, arbeitete als Online-Redakteur in Hamburg, bis die Internet-Blase platzte, und begann, danach wieder in München, Kommunikationswissenschaft zu studieren. Während des Studiums arbeitete Zeller als Journalist und Werbetexter.

Als er eine Verkaufsseite zum Thema Schäferhund betexten sollte, erfuhr er bei der Recherche, dass auch bei Hunden bei manchen Gelenkerkrankungen Physiotherapie helfe. Zeller recherchierte weiter und verliebte sich in die Idee, daraus ein zweites berufliches Standbein zu machen.

Während des Volontariats jobbte Zeller nebenbei in einer Bar, während des Studiums gab er Kieser Training und leitete als stellvetretender Chefredakteur ein Münchner Stadtmagazin.

Doch was sollte nach dem Studium folgen? Zeller war klar: "Ich bin nicht bereit, für zehn Euro in der Stunde als Jungredakteur bei Big Brother zu arbeiten oder bei einer Lifestyle-Zeitschrift statt für die Leser für die Anzeigenabteilung zu schreiben." Ein ansprechender Arbeitsplatz in den Medien war für den 29-Jährigen nach dem Studium nicht in Sicht. Also entschloss er sich, seinem Herzen zu folgen, wie er sagt - auch wenn es sich finanziell möglicherweise ebenso wenig lohnt.

Drei Blutegel im Wasserglas

Nach dem Studienabschluss begann Zeller eine Fernausbildung an der ersten deutschen Ausbildungsstätte für Hundekrankengymnastik in Kirchlengern in Nordrhein-Westfalen. 3000 Euro kostete der einjährige Kurs. Schon bevor er die Abschlussprüfungen geschrieben hatte, mietete er einen Raum und kaufte von seinem Ersparten erste Geräte. Das motivierte ihn - Zeller bestand. Das Zertifikat hängt nun in seiner Praxis an der Wand.

Die Praxis hat er vor vier Monaten im Zentrum von München eröffnet. Laufband und Trampolin sind in einer Ecke des Raumes aufgebaut, eine Infrarotlampe steht auf einer Massagebank, in einem großen Wasserglas schwimmen drei Blutegel. Die Saugtiere hat Zeller vor kurzem bei einem Hund auf die verknöcherten Gelenke gesetzt, sie haben zugebissen und Speichel abgesondert - der soll eine entzündungshemmende Wirkung haben.

Der Hundekrankengymnast hilft Hunden, die einen Bandscheibenvorfall, Kniescheibenprobleme oder Lähmungserscheinungen haben. Mit Wärmetherapie, Massagen, Gerätetraining oder Lymphdrainagen versucht er, die Vierbeiner wieder auf Vordermann zu bringen. Doch auch Hunde, denen gar nichts fehlt, können zu Zeller kommen. Viele Besitzer buchen eine Wellness-Stunde.

Pferde sind ihm zu groß, Mäuse zu klein

Zeller trägt bei der Arbeit ein Poloshirt. Er ist ein fröhlicher und offener Mensch. Selbst hat er keinen Hund, weil es für ihn nicht möglich sei, ihn artgerecht zu halten, wie er sagt. Später hätte er gern einmal einen Curly-Coated Retriever, einen britischen Jagdhund mit kurzen, festen Locken. Zeller mag Tiere - besonders Hunde. Pferde sind ihm zu groß, Mäuse zu klein, Katzen zu unberechenbar. "Ein verstiegener Hundenarr bin ich aber nicht", sagt der Hundephysiotherapeut. "Da bin ich auch froh darüber, denn eine professionelle Distanz zum Patienten schadet sicherlich nicht."

Zum Start der Praxis hatte Zeller auf Hundewiesen Gutscheine verteilt, mit denen die Hunde und Herrchen zu einer kostenlosen Probesprechstunde kommen konnten. Doch kaum ein Patient erschien ein zweites Mal. "Die kranken Hunde lagen wohl alle daheim auf dem Sofa", sagt Zeller. Seine nächste Marketingstrategie lautet nun: Tierärzte kontaktieren.

Noch kann Zeller nicht von den Einnahmen leben. Er verkauft deswegen in einer Zoohandlung Zierfische - und kann sich auch vorstellen, wieder einen Medienjob anzunehmen.

Hausaufgaben für Hunde-Halter

In den USA, England und Holland haben Hundephysiotherapeuten bereits recht großen Erfolg. Ob der Trend auch nach Deutschland überschwappt, ist ungewiss. Zeller will sich mindestens noch ein Jahr lang Anlaufzeit geben. Dann sollen wenigstens die laufenden Kosten durch die Praxis gedeckt werden.

Das Problem sei bislang vor allem die geringe Kooperationsbereitschaft der Tierärzte. "Im Idealfall verweisen Tierärzte kranke Hunde an mich weiter, wenn Krankengymnastik als Reha-Maßnahme mehr Sinn macht als eine Spritze", sagt Zeller. "Bei den Tierärzten und Hundebesitzern muss noch ankommen, dass ich eine Ergänzung und keine Alternative zum Tierarzt bin."

Im Gegensatz zu Ärzten hat Ronny Zeller immer zwei Patienten gleichzeitig zu betreuen. "Ich muss mit dem Hund zurechtkommen und gleichzeitig auch mit dem Herrchen", sagt er. Wenn der Hundebesitzer nicht mitmache, sei es schwieriger, das Therapieziel zu erreichen. Der Besitzer muss in der Therapiestunde den Hund leiten, ihn am Laufband festhalten oder daheim die Hausaufgaben machen, die Zeller sich überlegt. Ohne die Mitarbeit des Hundes selbst geht natürlich sowieso gar nichts. Es kam schon vor, dass der Hundephysiotherapeut eine Behandlung abbrechen musste, weil sein Patient nach ihm schnappte. Das ist das Berufsrisiko.

Mischlingshund Rocco hat den Sinn der Massage dagegen scheinbar begriffen. Seit zehn Minuten liegt er regungslos auf der Matte, während Zeller Haut, Gewebe und Muskeln durchknetet. Die Verspannungen sind gelockert. Als nächstes macht Zeller mit ihm auf dem Trampolin muskelstabilisierende Übungen. Rocco bekommt Leckerlis. Zeller hofft, dass er bald wieder kommt.



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