ETH Zürich "Viele deutsche Unis brauchen eine Rundumerneuerung"

Die Zürcher ETH gilt als erfolgreichste Hochschule auf Europas Festland. Was können deutsche Wissenschaftler von der Uni lernen? Im Interview spricht Forschungsexperte Peter Chen über weltweite Konkurrenz um Professoren, Freiräume der Forscher und den Exzellenzwettbewerb.


SPIEGEL ONLINE: Herr Chen, was ist für Sie das wichtigste Merkmal, das die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich zu so einer erfolgreichen Hochschule macht?

ETH Zürich: "Man kann doch einem ETH-Professor keine Note geben"
Esther Ramseier

ETH Zürich: "Man kann doch einem ETH-Professor keine Note geben"

Chen: Es ist die Eigenverantwortlichkeit, die hier auf jeder Ebene verwirklicht ist. Wir bekommen vom Bundesrat für vier Jahre ein Globalbudget und müssen uns dafür verantworten. Unsere Departemente bekommen jedes Jahr wiederum ein Globalbudget, das sie zwar aushandeln müssen, aber sie können die Mittel dann weitgehend frei verwenden. So geht das bis zum Professor. Und letztlich stehen die Professoren im Mittelpunkt, sie erhalten vom Departement eine großzügige Grunddotation, worüber sie selber verfügen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie sicherstellen, dass ohne ständige Kontrolle beste Leistung erbracht wird?

Chen: Das Hauptinstrument für Qualitätssicherung ist der Berufungsprozess. Wir suchen Persönlichkeiten, nicht bloß Menschen, die in das Organigramm passen. Wir holen die Besten aus aller Welt, und wenn das gelingt, dann sollten die Damen und Herren auch wissen, was am besten ist.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine Vorgaben, welche Leistungen jemand zu erbringen hat?

Der Chemiker Peter Chen, 49, ist Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen an der ETH Zürich
Gerry Amstutz

Der Chemiker Peter Chen, 49, ist Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen an der ETH Zürich

Chen: Natürlich gibt es Gespräche über Ziele und wir haben regelmäßige Peer-Reviews in jedem Departement. Für die ganze Zusatzfinanzierung, also Projekte und Gerätebeschaffungen, gibt es an der ETH einen ausführlichen Prozess mit externen Gutachtern. Aber wir vertun die Zeit unserer Professoren nicht mit formellen Leistungsmessungen oder Mitarbeitergesprächen. Man kann doch einem ETH-Professor keine Note geben, das funktioniert nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie persönlich an die ETH gezogen?

Chen: Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal hier arbeiten würde, denn ich bin ein Produkt des amerikanischen Systems und war sehr überzeugt davon. Aber als ich mich hier umschauen durfte, stellte ich fest, wie gut man forschen kann, wenn man nicht ständig neues Geld heranschaffen muss, sondern eine gewisse Grundfinanzierung hat. In Amerika muss man binnen zwei Jahre Erfolge vorweisen und dann sofort wieder Schönheitswettbewerbe absolvieren. Das ist nicht nur extrem stressig, sondern schadet der Forschung, denn manches braucht einfach länger.

SPIEGEL ONLINE: Also belebt nicht nur Wettbewerb die Forschung, sondern auch die Chance, in Ruhe zu arbeiten?

Chen: Ruhe ist hier der falsche Begriff! Die Grundfinanzierung ist eigentlich Risikokapital, jedenfalls sollte man es so einsetzen, als ob es das wäre. Man kann an der ETH eine neue Idee sofort verfolgen, ohne Abstimmung mit der Hierarchie. Wenn die Idee dumm ist, kann man sie schnell einstellen, wenn sie gut ist, kann man ein qualifiziertes Gesuch schreiben, ja es muss sogar möglich sein, komplett wahnsinnige Projekte zu verfolgen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie es, Forscher von den großen amerikanischen Eliteuniversitäten abzuwerben?

Chen: Wir berufen von Harvard, vom Caltech, vom MIT, vom Scripps. Die Offerten sind nicht unbedingt finanziell größer als in den USA üblich. Die Möglichkeit zu freier Forschung ist das Lockmittel.

SPIEGEL ONLINE: Wo setzt die ETH inhaltlich neue Schwerpunkte?

Chen: Solche Entscheidungen fallen nicht von oben herab, letztlich entstehen sie aus dem Gespräch der Professoren. Wenn man glaubt, dass wir die besten Köpfe geholt haben, ist es grotesk ihnen vorzuschreiben, was sie zu tun haben. Wir haben derzeit Klima, Energie, Medizintechnik, Nanotechnologie und Synthetische Biologie als Schwerpunkte definiert.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland wird ein großer Teil der Forschungsmittel über Ministerien vergeben, also letztlich über politische Vorgaben.

Chen: Das halte ich für sehr ungesund. Wenn wir hier darauf warten müssten, dass die Politik ein neues wissenschaftliches Thema sieht, dann wäre es schon verbrannt.

SPIEGEL ONLINE: Liegt hier ein Grund, warum die ETH so erfolgreich Nachwuchsforscher und Professoren von deutschen Hochschulen abwirbt?

Chen: Den Deutschen, die zu uns kommen, geht es eindeutig um die Forschungsfreiheit, die an der ETH in der Praxis besser ist. Die Löhne hier sind auch besser, aber das ist nicht entscheidend. Die Leute wollen forschen, sie suchen das beste Umfeld.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die Veränderungen, die der Exzellenzwettbewerb in Deutschland ausgelöst hat?

Chen: Ich war in der Jury des Exzellenzwettbewerbs. Diese Initiative ist wichtig, weil man einen Bruch gemacht und bekundet hat, dass nicht alle Universitäten gleich sind. Denselben Prozess kann ich für eine weitere Runde aber nicht empfehlen. Die Evaluation war extrem schwierig. Und es gab keine Überraschung. Dass der Prozess unsere Erwartungen nur bestätigt hat, war enttäuschend, wenn man den Aufwand mitberücksichtigt.

SPIEGEL ONLINE: Sind denn die Milliarden klug investiert?

Chen: Die Vorbereitung hat ungeheure Kräfte gebunden. Für großflächige Projekte von oben herab geht ein Drittel der Mittel für Organisationskosten verloren. Lohnt es sich, ein Drittel des Geldes wegzuwerfen? Es gibt namhafte deutsche Forscher, die sagen, man sollte das gesamte Geld einfach der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geben, als Investitionszuschlag für die ganz normale Förderung. Dann fließen die Mittel dahin, wo geforscht wird. Das finde ich richtig.

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