Heimkehr auf die Färöer-Inseln "Hier weiß ich, was Sinn ergibt"

Schlechtes Wetter, doppelt so viele Schafe wie Einwohner, so gut wie keine Jobs für Akademiker: Fast alle junge Menschen verlassen die Färöer-Inseln - kein Wunder. Doch warum kehrt die Hälfte nach dem Studium in die raue Heimat zurück?

Ditte Mathilda Joensen

Von André Boße


Ich muss weg hier, sagte sich Jón Aldará. Er war 21 Jahre alt, jobbte in der Dorfschule von Klaksvík als Sprachlehrer und quälte sich gerade durch eine Unterrichtsstunde mit Neun- und Zehnjährigen, als er einen Entschluss fasste: Er würde es nun genauso machen wie die meisten anderen seiner Altersgenossen. Er würde seine Sachen packen, ins Flugzeug steigen und die Färöer erst einmal verlassen: ein anderes Leben probieren, zumindest eine Zeitlang.

Jón zog 2010 von Klaksvík nach Kopenhagen, in die dänische Hauptstadt. Gut drei Jahre lang lebte er in der Metropole, in der sich mehr als 6000 Menschen auf einem Quadratkilometer drängen - auf den Färöern sind es gerade einmal 35. "Kopenhagen war eine neue Welt für mich", sagt Jón. Er studierte Biologie, genoss die Konzerte und Partys, schloss neue Freundschaften. Dann ging er für ein halbes Jahr nach Südafrika, um für seine Bachelorarbeit das "Laufverhalten der Zibetkatzen" zu erforschen.

Im März dieses Jahres hatte er seine Arbeit abgeschlossen und musste nun eine Entscheidung treffen. Sollte er noch einen Master machen? Vielleicht in einer anderen Stadt? Sollte er gar für immer auf dem Festland bleiben? Jón, ein knorriger Kerl mit blondem Kinnbart, überlegte genau. Dann tat er, was viele junge Färinger tun: Er kehrte zurück.

50.000 Einwohner, doppelt so viel Schafe

Zurück auf diese Inselgruppe zwischen Island und Großbritannien, die zu Dänemark gehört, aber weitgehend autonom ist. Zurück auf dieses einsame, isolierte Archipel mitten im Nordatlantik, das knapp 50.000 Einwohner zählt und doppelt so viele Schafe. Im Sommer wird es hier nie richtig dunkel, im Winter kaum hell. Die treuesten Gäste der Färöer sind die Wolken, die auf ihrem langen Weg über den Atlantik zwischen den Hügeln Rast machen und die Inseln in ein tiefes Grau hüllen. Oft ist der Nebel so dicht, dass man draußen ständig das Gefühl hat, durch eine Milchglasscheibe zu schauen.

Die meisten Färinger leben noch immer von der Fischerei. Jobs, für die man einen akademischen Abschluss braucht, gibt es so gut wie keine in den Dörfern, die oft nicht mehr als 200 Einwohner und keine einzige Kneipe haben. Warum also kehrt man zurück, wenn einem doch die Welt offensteht?

Jón wohnt nun auf der nördlichsten der Färöer, genauer gesagt in Norðoyri, das seit seiner Heimkehr 87 Einwohner zählt. Das Dorf liegt mitten in einem Landstrich, der immer dann, wenn die Sonne mal durch die Wolken bricht, zu magischer Schönheit erwacht und an die Kulissen aus "Herr der Ringe" erinnert. Jón lernte Eva kennen und lieben, die an der kleinen Uni in Tórshavn, der Hauptstadt der Färöer, gerade ihren Bachelor in Softwaretechnik macht. Ob er sich vorstellen kann, dass Eva und er auf dem Archipel alt werden? "Vielleicht", sagt Jón.

Derzeit arbeitet er in einem Holzhandel und macht Musik mit seiner Band Hamferð, die sehr dunklen und langsamen Metal spielt. Jón ist der Sänger, er textet in seiner Heimatsprache, erzählt Geschichten vom harten Fischerleben seiner Vorfahren. "Hier auf den Inseln weiß ich, was Sinn ergibt und was nicht. Ich kenne die Grenzen. Aber ich kenne auch die Möglichkeiten. Und das beruhigt mich", sagt Jón.

"Erst hält man es hier nicht mehr aus. Dann woanders nicht mehr."

Høgni Reistrup weiß, wie sein Bekannter sich fühlt, er hat das Gleiche durchgemacht und sich lange mit dem Thema Heimat beschäftigt. "Ich glaube sogar, du kannst deine Heimat gar nicht richtig verlassen. Du bleibst irgendwie immer hier. Auch wenn du woanders ein paralleles Leben führst", sagt der 30-Jährige.

Auf den Färöern ist der schlanke Typ mit dem Schnurrbart ein Popstar. Vier Alben voller kluger melancholischer Synthiepop-Songs hat er schon aufgenommen, die über das heimische Label Tutl in ganz Europa verkauft werden. Høgni ist nicht nur Musiker, sondern auch Schriftsteller. Mit seinem Buch "Exit Faroese" versucht er zu erklären, warum beinahe alle jungen Färinger weggehen - und die Hälfte davon wiederkommt. Høgnis Fazit: "Erst hält man es hier nicht mehr aus. Dann hält man es woanders nicht mehr aus. Daher das Kommen und Gehen."

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Wer wie Høgni auf den Inseln groß wird, lernt ein Leben im Ausnahmezustand kennen. Ein Symbol dafür ist der Flughafen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Flug wegen Nebel ausfällt, ist so hoch, dass man häufig erst einchecken kann, wenn der Flieger aus Kopenhagen oder Reykjavík tatsächlich gelandet ist.

Die insgesamt 18 Inseln der Färöer lassen sich nicht so einfach globalisieren. Die großen Klamotten- oder Burger-Ketten kommen nicht bis hierhin, Gentrifizierung ist genauso wenig ein Thema wie Kriminalität: Die liegt faktisch bei null.

"Wir leben hier anders", sagt Høgni. "Und diese Andersartigkeit zieht dich wie ein Magnet an, egal wo du bist." Seine These: Je mehr sich die Städte auf der Welt gleichen, desto weniger verspüren die Menschen dort ein Heimatgefühl. "Nach einem Einkaufszentrum, Multiplexkino oder Fast-Food-Restaurant kann ich kein Heimweh haben. Nach den Färöern schon", glaubt Høgni.

Akademiker wollen später keine Kabeljaue ausnehmen

Was man bei aller Sehnsucht nach einem Zuhause gern vergisst: keine Heimat ohne Verantwortung. Bei seinen Recherchen für das Buch stellte Høgni fest, dass viele junge Färinger auf die Inseln zurückkehren, weil sie merken, dass sie gebraucht werden: "Ohne junge Menschen mit hoher Bildung wäre unsere kleine Nation nämlich schnell am Ende."

Er selbst habe diese Verantwortung gespürt, als er in Dänemark und England Medienwissenschaften studierte. "Ich bin zurückgekommen, um Strukturen für neue Medien aufzubauen", sagt Høgni. Das macht ihm hier mehr Spaß als in Kopenhagen, London oder Berlin: "Wer hier bei uns eine gute Idee hat, darf davon ausgehen, dass es noch nicht ein Dutzend andere gibt, die diese Idee auch schon hatten. Es ist recht einfach, hier ein Pionier zu sein. Es ergibt für mich einfach mehr Sinn, das erste coole Café in Tórshavn zu eröffnen als das zehnte in dieser Woche in Prenzlauer Berg."

Mit seinem Buch will Høgni Reistrup dafür werben, dass noch mehr Absolventen zurückkehren. "Wir brauchen dringend Konzepte, damit neue kreative und soziale Jobs entstehen." Eines ist klar: Wer studiert hat, will später nicht sein Geld damit verdienen, in einer Fischfabrik Kabeljaue auszunehmen.

Während sich die junge Generation in Deutschland darüber beklagt, dass ihre Sorgen und Bedürfnisse zu wenig ernst genommen werden und die Politik über ihre Köpfe hinweg entscheidet, nehmen Färinger wie Høgni die Sache selbst in die Hand. "Ich möchte mitbestimmen, wie wir hier in fünf bis zehn Jahren leben."

"Die Heimat tut mir gut"

Høgnis Studien zeigen, dass die jungen Färinger entweder nach drei bis vier Jahren Studium im Ausland auf die Inseln zurückkehren - oder gar nicht mehr. Nach einiger Zeit, so scheint es, nimmt die magnetische Kraft der Heimat bei den meisten ab.

Dánjal á Neystabø, 35, ist eine Ausnahme. 14 Jahre lang war er in der Welt unterwegs. Er lebte in Schweden, Russland, den USA und in Afrika, genoss alles Neue. Doch jetzt ist er mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern wieder auf die Inseln zurückgekehrt. Er lehrt an der kleinen Uni in Tórshavn und macht ebenfalls Musik: Die Färöer haben eine der lebendigsten Szenen Europas.

Ein kulturbeflissener Globetrotter auf einem Archipel, das wegen des Nebels manchmal tagelang von der großen, weiten Welt abgeschnitten ist? Bekommt so einer keine Beklemmungen? Dánjal ist ein smarter Typ, sein Englisch ist perfekt. Er lächelt und sagt: "Weg von zu Hause zu sein, heißt, ständig lernen zu müssen. Nirgendwo werden einem die eigenen Schwächen so deutlich gemacht wie in der Fremde. Da hatte ich irgendwann keine Lust mehr drauf. Ich wollte zurück in die Heimat, und jetzt merke ich, wie gut sie mir tut."


Hörproben und Infos zu den ungewöhnlichen färingischen Musikern gibt es unter www.tutl.com.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-10000181798 01.12.2014
1.
was für eine trostlose Insel, auf der jemand möglicherweise keine Arbeit findet, obwohl er sich mit dem "Laufverhalten der Zibetkatzen" auskennt. Ehrlich mal, wer sowas studiert, sollte froh sein sich überhaupt irgendwie über Wasser halten zu können. Und sei es Kabeljau auszuweiden.
fridagold 01.12.2014
2.
Die Färöer sind schon besondere Inseln. Jede Insel hat ihren eigenen Charakter, bewohnt sind sie alle von sehr nordisch-netten Menschen. Tórshaven ist sicher eine der niedlichsten Hauptstädte der Welt. Und es ist längst nicht immer schlechtes Wetter. Ich habe im Sommer auch schon bei 25 Grad und Sonnenschein dort gezeltet. Tipp: Gjógv!
bonngoldbaer 01.12.2014
3. Wie schön
"was Sinn ergibt". Es gibt also tatsächlich noch Leute, denen bewusst ist, dass man Sinn nicht machen kann.
SPONU 01.12.2014
4. Beitrag zum Thema
traditionelles, sinnloses Wale abschlachten wird zensiert. Passt wohl nicht ganz in die Farö(er)mantik :)
vrdeutschland 01.12.2014
5.
Die ersten 25 Jahre sind meines Wissens nach ausschlaggebend. Das sind die Jahre, die am meisten prägen. Ich bin in einer der dreckigsten Städte des Ruhrgebiets aufgewachsen, würde auch nicht mehr dorthin gehen wollen, kenne aber dort noch jede Buslinie, mehr Straßennamen, jedes Eck. Das mit den "Schwächen in der Ferne" passt also recht gut. Und Hauptstädte sind beliebig austauschbar, Oslo ist nicht Norwegen, sowie Kopenhagen nicht Dänemark darstellt.
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