Filmstudium Kamera läuft!

Vom Hilfsbeleuchter zum Oscar-Preisträger - wer nach Hollywood will, kann seinen Weg an einer Filmhochschule beginnen. Das ist kein schlechter Anfang. Neben Talent und Ausdauer brauchen künftige Regisseure Egoismus. Im Studium lernen sie aber, dass Filme drehen Teamarbeit bedeutet.

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Star-Regisseur Spielberg: "Gut geschriebene, umfangreiche" Examensarbeit
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Star-Regisseur Spielberg: "Gut geschriebene, umfangreiche" Examensarbeit

Das Jahr 1968 war unter anderem eine aufregende Zeit für die Filmgeschichte: Sergio Leone drehte den Western "Spiel mir das Lied vom Tod", Stanley Kubricks Utopie-Thriller "2001: Odyssee im Weltraum" verstörte weltweit die Zuschauer. Und, vielleicht noch wichtiger: An der California State University in Long Beach brach ein 20-jähriger Bengel sein Filmstudium ab.

Es war, wie man heute weiß, die richtige Entscheidung. Denn der Abbrecher hieß Steven Spielberg und sollte mit Filmen wie "Der weiße Hai" und "Schindlers Liste" der erfolgreichste Regisseur der Welt werden.

An dieser Stelle könnte also die Geschichte zu Ende sein; Fazit: Wer in die Filmbranche will, kann sich ein Studium sparen.

Stimmt nicht, sagt Thomas Schadt: "Jeder, der Filme machen will, sollte versuchen, auf eine Filmhochschule zu gehen." Schadt, 47, spricht aus Erfahrung: Er hat selbst eine besucht, nämlich die Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin; er dreht und produziert mit großem Erfolg Filme, vor allem Dokumentationen wie die Schröder-Langzeitbeobachtung "Der Kandidat"; er unterrichtet seit Jahren. Am 1. April übernimmt Schadt die Leitung der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, mit 500 Studenten eine der größten Ausbildungsstätten für angehende Filmemacher in Deutschland.

Das Kino als wichtigste Filmschule

Insgesamt sechs deutsche Hochschulen bilden das Gros der Nachwuchsfilmer aus. Dazu kommen spezielle Klassen der Kunsthochschulen, einige private Lehrstätten (wie die Internationale Filmschule Köln) sowie, an vielen Fakultäten, Angebote in Filmtheorie und -geschichte.

Programmkino als Ausbildung: Regisseur Tykwer
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Programmkino als Ausbildung: Regisseur Tykwer

Die wohl wichtigste Filmschule existiert jedoch in fast jeder Stadt, und wer sie besuchen will, braucht nur eine Eintrittskarte: das Kino. Jeder Filmemacher beginnt seine Karriere als Zuschauer, und manch einer lernt dabei mehr als in Seminaren. Tom Tykwer beispielsweise, der Regisseur von "Lola rennt" und "Heaven", hat nie eine Filmhochschule besucht. Tykwer leitete mehrere Jahre in Berlin ein Programmkino; nach der letzten Vorstellung saß er mitunter die ganze Nacht vor der Leinwand und studierte seine Lieblingsfilme. "Geduld und Ausdauer", sagt Thomas Schadt, seien überhaupt "sehr wichtige Eigenschaften eines Filmemachers". Sprinter, so Schadt, blieben meistens auf der Strecke: "Das Ganze ist ein Langstreckenjob."

Und sonst? Welche Fähigkeiten, Herr Schadt, müssen Ihre Studenten mitbringen?

Der Professor lacht. Über dieses Thema, sagt er, könne er stundenlang reden. Handwerkliches Talent sei natürlich Voraussetzung. Und "ein gesunder Egoismus ist enorm wichtig", glaubt Schadt: "Man muss im Mittelpunkt stehen wollen" - einerseits. Andererseits, glaubt Schadt, "kann man Einzelkämpfer in dieser Branche nicht gebrauchen. Filme zu drehen ist Teamarbeit."

So ähnlich begründete vor ein paar Jahren auch die Universität Hamburg die Absage an einen Regiestudenten in spe - denn der junge Mann wollte unbedingt seine eigenen Drehbücher verfilmen. Doch damit passte er nicht ins Lehrkonzept, das strikte Arbeitsteilung zwischen Regisseuren und Drehbuchautoren vorsieht.

Zum Glück (und dank Geduld und Ausdauer) wurde jener junge Mann - er heißt Fatih Akin - trotzdem Regisseur. Im letzten Jahr gewann er für sein Melodram "Gegen die Wand" den Goldenen Bären und den Europäischen Filmpreis. Mittlerweile ist Akin regelmäßig zu Besuch bei den Hamburger Filmstudenten - als Dozent.

Studienabbrecher - Regisseure und Schauspieler ohne Examen

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Studienabbrecher: Schauspieler und Regisseure ohne Diplom

Seit 2004 residiert der Filmstudiengang unter dem Dach der Hamburg Media School, einem wuchtigen Rotklinkerbau mit breiten Fluren und Waschbecken in jedem Zimmer - Relikte aus der Zeit, als das Gebäude als "Institut für Geburtshilfe" diente.

Jetzt werden hier, manchmal ebenfalls unter Schmerzen, Ideen geboren. 24 Studenten, jeweils sechs in einem der vier Fächer (Regie, Kamera, Drehbuch und Produktion), lernen das Film-Handwerk in einem zweijährigen Aufbaustudiengang. Im Auswahlverfahren kommt es auf Praxiserfahrung an. Die meisten Mitglieder dieses elitären

Zirkels haben vorher in der Filmbranche gejobbt sowie ein Studium oder eine Berufsausbildung hinter sich.

"Mach mal die Sonne an"

Miriam Thiel, 34, die seit Oktober die Drehbuchklasse besucht, hat etwa zwölf Jahre bei British Airways gearbeitet, unter anderem als Stewardess. Nun schreibt sie ein Buch für einen Übungsfilm: eine Komödie über "eine Frau, die unbedingt schwanger werden will". Den Studiengang lobt Thiel als "ein Filminternat", das mit traditionellem Hochschultrott nichts gemeinsam habe.

Passte nicht ins Hamburger Lehrkonzept: Regisseur Akin
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Passte nicht ins Hamburger Lehrkonzept: Regisseur Akin

Theorie um ihrer selbst Willen wird tatsächlich kaum gelehrt. Stattdessen stehen "Einführung in Filmarchitektur und Produktionsdesign", "Serienformate" sowie, für die Produktionsstudenten, "Krisen- und Konfliktmanagement am Set" in den ersten Monaten auf dem Stundenplan. Den Unterricht leiten nur erfahrene Praktiker.

Viele dieser Lehrer gehören zu den Besten ihres Fachs. Und so kann es - wie in diesem Winter - schon mal passieren, dass der Kameramann Michael Ballhaus kurzfristig absagen muss, weil Hollywood ruft: Der Regisseur Martin Scorsese ("The Aviator") brauchte Ballhaus für seinen nächsten Spielfilm plötzlich früher als geplant. Schade, aber halb so schlimm: Statt Ballhaus kommt nun dessen Kollege Slawomir Idziak, der beispielsweise für Ridley Scotts Kriegsfilm "Black Hawk Down" die Kamera geführt hat.

Doch aller Anfang ist schwer. "Mach mal die Sonne an", sagt Kamerastudent Thomas Vollmar zu einem Kommilitonen. Zu sechst (zwei Frauen, vier Männer) basteln sie an einer Lichtstimmung, die Vollmar für ein Porträtfoto vorschwebt. Ein weißes Tuch, so groß wie sechs Bettlaken, hängt unter der Decke. Angestrahlt von mehreren Scheinwerfern - darunter "die Sonne" - taucht es das fensterlose ehemalige Klinikkesselhaus, das jetzt als Studio dient, in weiches Licht. Sperrholzkulissen und ein paar Möbel erzeugen die Illusion, man sei in einer Wohnung. Mittendrin sitzt stoisch das Fotomodell: Dietrich Garbrecht, im Hauptberuf Theaterschauspieler, arbeitet hier "für ein Lächeln".

Studenten-Oscar für "Die rote Jacke"

Vollmar ist noch nicht zufrieden. Scheinwerfer und Reflektoren werden verschoben, Sessel verrückt, und immer wieder kontrolliert er Licht und Schatten. Ein echter Luxus; später, bei richtigen Dreharbeiten, bleibt für solche Experimente oft keine Zeit, denn jeder Drehtag verschlingt ein Vermögen.

Durchbruch mit der "Roten Jacke": Florian Baxmeyer
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Durchbruch mit der "Roten Jacke": Florian Baxmeyer

Maximal 6000 Euro darf jeder der fünfminütigen Übungsfilme kosten, den jedes Team am Ende des ersten Semesters produzieren wird. Zurzeit laufen die Vorbereitungen, immer neue Teamsitzungen stehen auf dem Lehrplan: Wo drehen wir? Mit wem drehen wir? Was wird das kosten? Haben wir genug Scheinwerfer? Gibt es Wohnwagen für die Schauspieler? Was, wenn es regnet?

Vor drei Jahren trieben einige Hamburger Studenten ganz besonderen Aufwand für ihren 20-minütigen Abschlussfilm "Die rote Jacke", die Geschichte eines Jungen, der im bosnischen Bürgerkrieg zum Waisen wird und schließlich in einem deutschen Krankenhaus landet. Bis nach Sarajevo reiste das Team. Die Bundeswehr stellte gratis Komparsen und Material, inklusive eines Transall-Transportflugzeugs.

Es lohnte sich: "Die Rote Jacke"-Macher wurden 2003 in Los Angeles mit dem Studenten-Oscar für den besten ausländischen Hochschulfilm ausgezeichnet und sind heute gut im Geschäft: Regisseur Florian Baxmeyer, 30, etwa drehte zuletzt für ProSieben den Fantasy-Zweiteiler "Das Blut der Templer". Drehbuchautorin Elke Schuch, 30, schreibt für die ARD-Vorabendserie "Großstadtrevier", vergangenen November lief sogar eine "Tatort"-Folge, für die sie und ein anderer Absolvent das Drehbuch geliefert hatten.

"Ich habe sehr viel Glück gehabt", sagt Schuch bescheiden, schließlich habe sie vor Studienbeginn "überhaupt nicht gewusst, was mich erwartet. Ich hatte nicht mal einen Fernseher." Während des Filmstudiums habe sie gelernt, auch "die eine oder andere Sinnkrise zu überstehen". Das Wichtigste seien jedoch die Kontakte zu potentiellen Auftraggebern, die sie während des Studiums geknüpft habe.

Schwimmen lernen mit den großen Haien

Tatsächlich garantiert nämlich auch die beste Ausbildung keinen Job für die Zeit danach. "Wer eine Filmhochschule verlässt, ist noch kein fertiger Regisseur", analysiert der künftige Ludwigsburg-Leiter Schadt. Viele Filmschaffende scheiterten, weil ihr "Überlebenskonzept" (Schadt) nicht trage und sie dann "vom Markt überrollt werden" - ein Markt, der infolge der Medienkrise in den letzten Jahren ziemlich geschrumpft ist. Schadt: "Die Studenten müssen sich während der Ausbildung nicht nur handwerklich, sondern auch charakterlich weiterentwickeln."

Neue Ideen können auch nicht schaden. So gründeten die vier Ludwigsburger Produktionsstudenten Karoline von Roques, Julia Kaczmarek, Nico Grein und Alexander Dieckmann einen eigenen Verleih namens Goldfisch, um studentische Werke in die Kinos zu bringen - eine Klippe, an der selbst preisgekrönte Hochschulfilme oft scheitern. Erster Erfolg: Eine Kopie mit neun Kurzfilmen, "den Goldfischen aus dem Akademieteich" (Roques), wandert seit Dezember durch süddeutsche Kinos. Die Konkurrenz schätzt Student Dieckmann realistisch ein: "Wir werfen uns mit großen Haien ins Becken."

Apropos Hai: Anno 2002 - 27 Jahre nach seinem ersten Welterfolg mit dem "Weißen Hai" - holte Steven Spielberg sein Examen im Fach "Film and Electronic Arts" nach. Der 54-Jährige habe "eine gut geschriebene, umfangreiche Arbeit ohne grammatikalische Fehler eingereicht", so ein Professor. Spielberg juxte, das Ganze sei "meine längste Post-Produktion" gewesen.

Auch die Universitätsband konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen: Als bei der Verleihzeremonie Spielbergs Name aufgerufen wurde, spielte sie die Titelmelodie seiner "Indiana Jones"-Filme. Dr. Jones, der große Schatzsucher, war bekanntlich Akademiker.


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