Flaute in der Baubranche "Ingenieur ist Ingenieur"

Zehn Jahre Krise am Bau haben starke Spuren in der Branche hinterlassen. Die Zahl der Beschäftigten wurde halbiert, Stellenangebote für Ingenieure sind extrem rar. Es gibt Alternativen: Vor allem im Maschinen- und Fahrzeugbau sind junge Bauingenieure willkommen.

Von Peter Ilg


Am St. Gotthard prallen zwei äußerst harte Welten aufeinander. Die eine ist natürlicher Art, die andere höchste Ingenieurkunst: Vier Tunnelbohrmaschinen, je zwei von Norden und Süden, bohren sich mit Durchmessern von neun Metern durch den über Jahrmillionen gehärteten Granit des Gebirgsmassivs. Im Herbst 2002 erfolgte der Anstich, 2014 soll mit zwei Tunnelröhren von 57 km der längste Verkehrstunnel der Welt fertig sein. Dann werden Züge mit 250 Stundenkilometern durch die Röhren rauschen und die Strecke Zürich-Mailand um über eine Stunde verkürzen.

Ingenieurin Bäppler: Tunnel statt Brücken

Ingenieurin Bäppler: Tunnel statt Brücken

"Wir wussten, dass wir uns am Gotthard-Massive die Zähne ausbeißen können, wenn wir nicht richtig vorbereitet sind", sagt Karin Bäppler. Deshalb ist beispielsweise der komplette Bohrkopf der Tunnelvortriebsmaschinen mit Verschleißplatten geschützt, die Schneiderollen wurden durch besonders harte Legierungen auf Extremsituationen ausgelegt.

Bäppler ist Bauingenieurin bei Herrenknecht in Schwanau am Oberrhein, dem Hersteller der Maschinen. Die 33-Jährige hat sowohl die Geologie am Gotthard untersucht als auch am Bohrkopf mitgewirkt. Auch in ihrem Job prallen zwei Welten aufeinander - die der Geologie und die des Maschinenbaus. Dabei war ihr großer Traum, Brücken zu bauen. Doch die schlechte Baukonjunktur trieb sie unter Tage und in den Maschinenbau.

Nach zehn Jahren Krise im deutschen Baugewerbe ist noch immer kein gutes Ende in Sicht. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie erwartet einen Umsatzrückgang um 4,5 Prozent in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr und den Abbau von fast 50.000 Arbeitsplätzen auf 720.000 Beschäftigte. Vor zehn Jahren waren es noch doppelt so viele.

Das hat sich offensichtlich unter den Abiturienten herumgesprochen: 1994 gab es noch 53.000 Studenten des Fachs Bauingenieurwesen, zehn Jahre später waren es nur noch 40.000. Das sind momentan immer noch zu viele, die Chancen der Absolventen mau. "Die Arbeitslosigkeit unter den Bauingenieuren ist im Vergleich zu anderen Ingenieuren recht hoch", klagt Beate Raabe, Arbeitsmarktexpertin in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Bonn. Dennoch: "Ingenieur ist Ingenieur", meint sie, zumindest was die Grundqualifikationen betreffe.

Breites Wissen zahlt sich aus

So sieht es auch Christiane Morgner, 25. Schon als sie ihr Bauingenieur-Studium an der TU Dresden begann, wählte sie den konstruktiven Ingenieurbau als Vertiefungsrichtung, um in der Luft- und Raumfahrt oder im Automobilbau unterzukommen. Falls es am Bau nichts werden sollte, baute sie vor. Vor einem knappen Jahr hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen und auch einige Angebote von Baufirmen erhalten, die sie aber nicht überzeugten. Darum ist Morgner in den Automobilbau ausgewichen und arbeitet nun seit Oktober 2004 bei TWT in Stuttgart, einem Ingenieurdienstleister, der für die Fahrzeugindustrie Komponenten entwickelt.

Christiane Morgners Job ist die Berechnung von Abgasanlagen. Am Computer simuliert sie das Verhalten der Anlagen in Folge von Wärme und Schwingungen. Die Zauberformel dafür lautet Finite Elemente Methode (FEM). Dazu wird die Abgasanlage in endlich viele winzige Elemente zerlegt. Für jedes dieser Elemente können Spannungen und Dehnungen berechnet werden, die unter bestimmten Belastungen auftreten. "Diese Größen können am Bildschirm grafisch dargestellt werden und erlauben eine Beurteilung der Gesamtanlage", erklärt die Ingenieurin.

Expertin für Simulationen: Christiane Morgner

Expertin für Simulationen: Christiane Morgner

"Wenn man die Methode verstanden hat und die Berechnungsprogramme bedienen kann, spielt es fast keine Rolle, ob es um Abgasanlagen, eine Straße oder ein Hochhaus geht", so Morgner. Ihr Chef Joachim Laicher, zudem verantwortlich für den Bereich Personal bei TWT, scheint regelrecht begeistert von der Spezies Bauingenieur: "Das sind Spezialisten statischer Berechnungsmethoden und besondere Kenner von Simulationsverfahren wie FEM." Neben Morgner arbeiten gleich zwei weitere Bauingenieure in der Fahrzeugentwicklung des 100-Mann-Unternehmens.

Auch beim Nutzfahrzeughersteller MAN in München bekommen Bauingenieure ihre Chance. Unter ihnen sucht Marc Appelt, Leiter der Personalbetreuung, zwar nicht den reinen Fahrzeugentwickler. Aber Bauingenieure kommen mit in die Auswahl, wenn es in einem Job auf interdisziplinäre Kenntnisse und Fertigkeiten ankommt. Und das ist zunehmend der Fall.

Die Arbeit der Bauingenieure beim MAN ist stark projektorientiert oder im Bereich von Schnittstellen angesiedelt. Gute Erfahrungen hat Appelt mit Bauingenieuren gemacht, wenn er Mitarbeiter mit Führungserfahrung suchte - das sei bei anderen jungen Akademikern nicht so häufig anzutreffen. "Teilweise übernehmen Bauingenieure schon kurz nach ihrem Eintritt in das Berufsleben als Bauleiter Verantwortung für Projekte und Menschen", so Appelt.

Bauleiterin zu werden, das war auch einmal der große Traum der Tunnelbohrerin Karin Bäppler. Doch dem unerfüllten Wunsch weint sie heute keine Träne nach. "Mein berufliches Spektrum ist viel breiter", sagt sie überzeugt - "und mein Arbeitsplatz viel sicherer." Das gelte auch für andere Bauingenieure, die bei der Firma Herrenknecht Projektingenieure für die Montage und Demontage der Maschinen arbeiten.



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