Diskriminierung bei der Wohnungssuche "Manche Vermieter legen beim Wort Geflüchtete auf"

Viele Flüchtlinge wollen sich integrieren und landen trotzdem in Vierteln, in denen fast nur Migranten leben. Was auf dem Wohnungsmarkt falsch läuft - und wie es besser gehen könnte.

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Von und (Video)


Rahima Rabbani würde ihre Landsleute gern meiden. Sie hat zu Hause in Masar-i-Scharif stets gearbeitet, als Kosmetikerin, Schneiderin, Krankenschwester. Sie ist zwölf Jahre zur Schule gegangen, hat sich nicht verschleiert und Radfahren gelernt. "Die Leute haben hinter meinem Rücken über mich geredet", sagt die 36-Jährige. "Viele Afghanen haben andere Ansichten, was die Freiheit für Frauen betrifft."

Rahima Rabbani macht sich Sorgen, dass sie in der neuen Wohnung deswegen wieder Probleme bekommen könnte. In einigen Tagen verlässt sie das Übergangswohnheim im Zentrum von Bremen - und zieht mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen ins Viertel Osterholz-Tenever ganz im Osten der Stadt.

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Geflüchtete auf Wohnungssuche: Familie Rabbani sucht ein Zuhause

Dort stehen mitten in einem sozialen Brennpunkt einige Hochhäuser, in denen sehr viele Afghanen leben, ein Ehepaar und eine Familie im selben Haus kennen die Rabbanis schon.

Wohin man dort schaut: Beton. die Blumenkästen, der Sandkasten, die Bodenplatten auf dem Spielplatz, die Tischtennisplatte. "Sie kaufen den Wagen nicht, die Münze ist nur ein Pfand", steht auf einem Zettel, der im Flur an einem kaputten Aufzug klebt, darüber ein durchgestrichener Einkaufswagen.

Es sagt viel über die Situation, wie froh und dankbar die Rabbanis sind, dass sie hierherziehen dürfen. "Wir hatten nicht mehr damit gerechnet, dass wir noch eine Wohnung finden", sagt Rahimas Mann Abdul Samad.

Bundesweit erleben geflüchtete Menschen ähnliche Schwierigkeiten, sobald sie aus Wohnheimen und Containern ausziehen wollen oder sollen. Das trifft besonders auf große Städte zu, in denen der Wohnungsmarkt ohnehin überlastet ist, aber oft auch auf kleinere Orte und Gemeinden.

Manche Geflüchteten sind so verzweifelt, dass sie Hunderte, manchmal Tausende Euro an illegale Makler zahlen, die ihnen versprechen, eine Wohnung zu besorgen.

Im Video: Ein Team von SPIEGEL TV hat die Abzocke dokumentiert.

Abdul Samad Rabbani und seine Frau hatten monatelang nach einer neuen Bleibe gesucht, auch mit der Hilfe eines afghanischen Bekannten, der seit 36 Jahren in Deutschland lebt - und der auch nichts fand. Erst als sich Romana Bartels einschaltete, klappte es mit der Vermittlung.

Familie Rabbani
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Familie Rabbani

Romana Bartels kann Menschen schnell für sich gewinnen. Die 30-Jährige hat seit August eine Stelle als Wohnraumvermittlerin bei der Inneren Mission, die die kleine Containersiedlung betreibt, in der die Rabbanis bisher lebten.

Bartels tut für geflüchtete Menschen, was alle tun, die Wohnungen suchen: Sie durchforstet Anzeigen im Netz, hört sich bei Bekannten um, telefoniert Makler und Vermieter ab, geht zu Besichtigungen. Doch sie hat zwei Vorteile, die auf dem Wohnungsmarkt überaus wichtig sind: Sie ist gut vernetzt - und sie wirkt hierzulande nicht fremd.

Wohnraumvermittlerin Bartels
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Wohnraumvermittlerin Bartels

Datenjournalisten des SPIEGEL und des Bayerischen Rundfunks haben herausgefunden, dass Menschen mit ausländischen Namen bei der Wohnungssuche diskriminiert werden. Besonders schwer haben es arabische und türkische Männer.

Dem sollen die inzwischen rund 35 Wohnraumvermittler entgegenwirken, die in fast jeder Flüchtlingsunterkunft in Bremen arbeiten, seit der Senat das 2013 beschlossen hat. Ihre Arbeit ist oft mühsam. "Manche Vermieter legen bei dem Wort 'Geflüchtete' auf", sagt Bartels. "Ich versuche dann, mich nicht zu ärgern."

Trotz allem haben die Wohnraumvermittler im vergangenen Jahr geholfen, 1856 Geflüchtete in Wohnungen unterzubringen. Sie haben Schlüsselübergaben organisiert, fehlende Rauchmelder bemängelt, bei der Ummeldung und beim Kauf gebrauchter Möbel geholfen, über Mülltrennung aufgeklärt.

  • Jörn Kaspuhl / SPIEGEL ONLINE
    Wir müssen draußen bleiben: Wie stark auf dem Wohnungsmarkt in Deutschland diskriminiert wird, zeigt das Experiment von SPIEGEL und Bayerischem Rundfunk. Alle Ergebnisse und Hintergründe finden Sie auf www.hanna-und-ismail.de

Bis zu einem halben Jahr nach dem Einzug betreuen Bartels und ihre Kollegen die Geflüchteten. "So werden viele Probleme vermieden, das meiste Feedback ist sehr positiv", sagt Projektkoordinatorin Andrea Nolte-Buschmann von der Arbeiterwohlfahrt Bremen. Manche Vermieter würden sich immer wieder melden, wenn Wohnungen frei würden.

Nachahmer hat das Projekt trotzdem bisher kaum gefunden. "Soviel ich weiß, sind wir bundesweit immer noch einzigartig", sagt Nolte-Buschmann.

An den Rand gedrängt oder akzeptiert?

Das ist überraschend, weil die Wohnungssuche für die Integration so ungemein wichtig ist. Daran hängt, auf welche Schule die Kinder gehen, welche Vereine und Bildungsangebote gut erreichbar sind, in welcher Sprache die Nachbarn sprechen - und ob sich zugewanderte Menschen in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt oder akzeptiert fühlen.

Wenn Afghanen oder Syrer oder andere Nationalitäten immer wieder in bestimmte Viertel ziehen, kann das zwar auch Vorteile haben. "Viele brauchen das anfangs, um hier anzukommen", sagt Andreas Klee, Leiter des Zentrums für Arbeit und Politik an der Uni Bremen. Die Gemeinschaft gebe Halt und helfe, sich im neuen Land zurechtzufinden.

Wohnraumvermittlerin Bartels erlebt allerdings, dass die Mehrheit der Geflüchteten, wie auch Familie Rabbani, lieber in Viertel ziehen würden, die gemischter sind. "Doch die meisten günstigen Wohnungen liegen in Gebieten, in denen viele Ausländer wohnen", sagt Bartels. "Dieser Wunsch erfüllt sich deshalb nur in Ausnahmefällen."

Eine solche Ausnahme ist Mjid Masri. Acht Monate lang hatte der junge Politikstudent aus Damaskus eine Wohnung in Bremen gesucht, fast jeden Tag, ohne Erfolg. Kein Vermieter wollte ihn haben. "Als ich sagte, dass ich aus Syrien komme, sagten die: 'Ah, okay, dann melden wir uns.' Aber sie haben sich nicht mehr gemeldet."

Mjid Masri
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Mjid Masri

Es war Romana Bartels, die für ihn mit dem Vermieter abmachte, es doch mal mit einem Flüchtling zu probieren.

Bartels castete diesen Flüchtling sorgfältig. Sie überging ausnahmsweise die auf ihrer Liste, die am längsten auf eine Wohnung warten. Und wählte Masri aus, der schon fast fehlerfrei Deutsch spricht, der gut mit Kindern kann und das Grundgesetz auf seinem Schreibtisch liegen hat. Gerade macht er den Bundesfreiwilligendienst in einer nahen Grundschule.

Ähnliches erzählen auch Flüchtlingshelfer in anderen Städten: Wenn Vermieter das erste Mal einen Geflüchteten aufnehmen, soll der so mustergültig wie möglich sein. Denn schlechte Erfahrungen mit einem verbauen Chancen für viele andere, eine Bleibe zu finden.

Masris Wohnung ist eng, recht dunkel, aus dem Fenster schaut man auf Mülltonnen. Aber er hat die Wände neu gestrichen, sich ein Regal gebaut und Lavendel und Kerzen aufs Fensterbrett gestellt. Und er ist froh, dass er nicht länger ein kleines Zimmer mit einem anderen Syrer teilen muss, der tagsüber schlief und nachts Serien guckte.

Fürs gegenseitige Kennenlernen und für die Integration wäre es besser, wenn sich günstige Wohnungen gleichmäßiger über die Stadt verteilen würden, sagt der Kölner Soziologe Jürgen Friedrichs. Stadtplaner müssten dafür in allen Vierteln Baulücken suchen oder marode Gebäude abreißen, um sozial durchmischte Wohnprojekte dort entstehen zu lassen.

"Das ist für die Stadtplaner aber mühsam und kleinteilig und es geschieht noch viel zu selten", sagt Friedrichs. Hochhäuser am Stadtrand seien jedoch auch keine gute Alternative, um die Wohnungsnot in vielen Städten zu lindern. "Eine anständige Mischung wäre besser", sagt er. "Es muss nicht immer viel sein, damit man viel hilft."

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