Gelebte Integration Als Mohammad bei Heinrich einzog

Ein Hamburger nimmt eine syrische Flüchtlingsfamilie in seiner Doppelhaushälfte auf - und wird auch von sich selbst überrascht. Hier erzählen beide Seiten, wie sie die vier gemeinsamen Monate erlebt haben.

Stanley Kroeger

Von (Text) und Stanley Kroeger (Fotos)


Eine Katze schnurrt über die Terrasse, Heinrich M. blickt auf den ungemähten Rasen, hinüber zur Schaukel. Vor ein paar Wochen noch tobten hier bis zu zehn Kinder.

"Das war am schönsten: Wenn Mohammads Freunde hier waren und das Haus voll war", sagt er. Heinrich wohnt am grünen Rand von Hamburg, es ist eine Familiengegend, ruhig, gepflegt. Er ist schwerkrank und möchte nicht als Person in die Öffentlichkeit treten, aber er will berichten. Von den Gefühlen, die derzeit wohl viele Deutsche erleben, die geflüchteten Menschen helfen.

Vor einem Jahr, im September 2015, hatte er durch einen Artikel auf SPIEGEL ONLINE von Mohammad J. erfahren, einem syrischen Geschäftsmann, der mit seiner schwangeren Frau und der kleinen Tochter nach Istanbul und dann zu Fuß alleine nach Hamburg geflohen war und seine Familie nachholen wollte.

Heinrichs M.s Wohnzimmer im Norden Hamburgs: "Wenn 20 Prozent von dem klappt, was man sich vorstellt, ist es schon gut."
Stanley Kroeger

Heinrichs M.s Wohnzimmer im Norden Hamburgs: "Wenn 20 Prozent von dem klappt, was man sich vorstellt, ist es schon gut."

"Ich habe ein großes Haus, es ist mir peinlich, wenn Familien in Flüchtlingslagern leben müssen", sagt Heinrich. Außerdem liebt er seine Stadt und wünscht sich, dass "alles hier funktioniert". Er möchte keine Parallelgesellschaften.

Am 30. Januar 2016 zog Mohammad bei ihm ein, am 5. Februar kam dessen Frau Nour mit den beiden Kindern nach. Sie blieben, bis sie eine eigene Wohnung gefunden und sich ein wenig an Deutschland gewöhnt hatten - das war der Deal. Es wurden vier Monate.

Wie lief das Zusammenleben? Was haben beide Seiten gelernt über die andere Kultur? Und über sich selbst?

Wenige Wochen nach dem Auszug der Familie erzählt Heinrich davon, dass er alles richtig machen wollte. Auch weil er zu wissen meinte, was richtig ist. Schon lange engagiert er sich in der Flüchtlingshilfe, hat viele iranische Freunde und selbst eine Zeit lang bei arabischen Familien in Marokko gelebt. Er erzählt von seiner Ungeduld, dem Frust, den er hin und wieder verspürt hat. "Meine Tochter schimpft manchmal mit mir, weil ich oft zu schnell zu viel will", sagt Heinrich. An den Wänden hängen Fotos seiner Kinder und Bilder von roten Mohnblumen.

Zehn Autominuten entfernt sitzen Mohammad, 35, und Nour, 31, im Wohnzimmer ihrer Dreizimmerwohnung auf dem roten Sofa, das Heinrich ihnen mitgegeben hat. Während des Gesprächs kuschelt sich die dreijährige Joudi an ihren Vater, schläft ein. Mohammad wirkt aufgeräumt, wie im Jahr zuvor. Aber fröhlicher. "Meine Frau ist bei mir, meine Batterie. Mir geht es gut", sagt er.

Die Geschichte von Mohammad und Heinrich spiegelt im Kleinen die Probleme, die überall in Deutschland im Integrationsprozess auftauchen können. Es ist eine Geschichte, in der vieles sehr gut läuft. Und in der die Beteiligten an Grenzen stoßen.

In seinem Haus im Norden Hamburgs nahm Heinrich M. die Familie aus Syrien auf.
Stanley Kroeger

In seinem Haus im Norden Hamburgs nahm Heinrich M. die Familie aus Syrien auf.

Heinrichs Haus hat eine Wohnfläche von 140 Quadratmetern. Drei Zimmer und ein Bad im ersten Stock hatte er der Familie hergerichtet, den Rest haben sie sich geteilt - außer der Küche, die hat er Nour überlassen.

Heinrich sagt:: "Ich dachte mir, dass es komisch für beide wäre, wenn ich da mit rumfuhrwerke. Dafür habe ich immer mitgegessen. Das Essen war sehr lecker, besonders der Hummus und die Schafsleber."

Mohammad lacht:: "Meine Frau war die Königin des Hauses."

Miete wollte Heinrich nicht, Mohammad hat ihm trotzdem Geld gegeben. "Das fand ich gut", sagt Heinrich.

Die ersten Wochen haben Heinrich und Mohammad vor allem mit Papierkram verbracht, waren auf Ämtern und haben Pläne geschmiedet.

Heinrich sagt:: "Ich wollte Struktur reinbringen. Aber das war nicht so leicht."

Mohammad sagt:: "Heinrich hat mich angetrieben, mich an die Pläne zu halten. Ich habe jetzt einen Terminkalender, das habe ich von Heinrich gelernt. Und ich liebe Pünktlichkeit."

Heinrich hat vier Kinder allein großgezogen, die jüngste Tochter ist vor zwei Jahren ausgezogen. Bildung und Erziehung sind ihm wichtig. In Syrien bleiben die meisten Mütter zu Hause, bis die Kinder vier oder fünf Jahre alt sind, sagt Nour. Ihre Tochter Joudi ist drei, der Sohn Qusai ein Jahr alt, er wurde in Istanbul geboren, als Mohammad schon in Hamburg war.

Heinrich sagt:: "Ich habe Regeln aufgestellt, zum Beispiel, dass die Kinder immer eine Beschäftigung haben müssen. Und ich habe einen super Kindergarten für die Tochter gefunden. Die Kleine hat jeden Tag neue Wörter gelernt, hat gesungen und viel gelacht, wenn sie aus der Kita kam. Aber als sie umgezogen sind, haben sie die Tochter aus der tollen Kita rausgenommen. Das hat mich geärgert."

Mohammad sagt:: "Die Kinder lieben Heinrich, er ist wie ein Großvater für sie. Die neue Kita ist näher an unserer Wohnung, zurzeit mache ich dort die Eingewöhnung mit Joudi. Meine Frau ist noch zu Hause mit Qusai, am Anfang brauchen Kinder vor allem ihre Mutter."

Mohammad J. mit seiner Familie in Hamburg
Stanley Kroeger

Mohammad J. mit seiner Familie in Hamburg

Mohammad und Nour sprechen gut Englisch, in Damaskus hat sie als Pharmazeutin gearbeitet und er als IT-Ingenieur für eine der größten Baufirmen Syriens. "Sie ist besser ausgebildet als ich", sagt Mohammad über seine Frau.

Heinrich sagt:: "Ich habe drei Töchter, ich bin Feminist. Die Rolle der Frau fand ich schwierig: Nour ist kaum rausgegangen und hat auch zu Hause ein Kopftuch getragen. Damals, in den Achtzigern in Marokko, war das anders."

Nour sagt:: "Manchmal werde ich auf der Straße komisch angeguckt, aber ich mag meinen Hidschab und trage ihn gern. Ich möchte schnell Deutsch lernen und hier arbeiten. Einen Deutschkurs habe ich noch nicht belegt, aber mir mit YouTube-Videos und einem Buch selbst ein wenig beigebracht. Ich bin noch dabei, mir hier alles neu aufzubauen, ein Netzwerk und so."

Seit mehr als sechs Jahren herrscht Bürgerkrieg in Syrien, die Familie flüchtete im Juli 2014. Mohammad schlug sich allein nach Deutschland durch, lebte mehr als ein Jahr lang in Flüchtlingsunterkünften.

Heinrich sagt:: "Ich glaube nicht, dass die deutsche Sicht die beste der Welt ist. Aber wir haben 1,3 Millionen Menschen aufgenommen, die müssen effektiv integriert werden. Und ich weiß doch, wie es gehen könnte - und dass viele es nicht schaffen. Dann aber sind die Tage oft einfach ins Land gegangen, Mohammad hat viel Zeit im Internet und ein bisschen mit den Kindern verbracht."

Mohammad sagt:: "Es war schwierig, meine Familie hierherzuholen, die ganze Bürokratie, das Warten. Ich war nach all dem sehr erschöpft. Jetzt mache ich einen Schritt nach dem anderen. Ich helfe Freunden und anderen Flüchtlingsfamilien aus Syrien und dem Irak, habe ein Netzwerk aufgebaut. Und ich belege Online-Studienkurse an der Kiron University Berlin."

Joudi
Stanley Kroeger

Joudi

Bevor die Familie nach Deutschland kam, hat Mohammad in einer Bäckerei gearbeitet. Den Job hatte Heinrich ihm besorgt.

Heinrich sagt:: "Nachdem Mohammad den Job in der Bäckerei aufgegeben hatte, habe ich ihm weitere angeboten, im Baumarkt, im Supermarkt, in Restaurants. Doch er wollte nicht, warum weiß ich nicht. Ich selbst habe Philosophie und Geschichte studiert, aber weil ich meine Familie ernähren musste, habe ich mich als Taxifahrer selbstständig gemacht. Ich habe alles Mögliche gemacht, sogar Klos geputzt auf Bohrinseln."

Mohammad sagt:: "Ich wollte etwas Geld haben, wenn meine Familie kommt, und als sie kam, wollte ich erst mal Zeit mit meiner Frau und den Kleinen verbringen, ich habe wundervolle Momente mit den Kindern verpasst. Ich habe Berufserfahrung im Baugewerbe und würde hier am liebsten für eine Genossenschaft arbeiten. Auf die Idee hat Heinrich mich gebracht."

In die Heimat zurückzugehen ist für Mohammad und Nour keine Option, das Paar möchte hier bleiben.

Heinrich sagt:: "Die Nachbarn und ich haben häufig Vorschläge gemacht für Ausflüge: Auf den Flohmarkt, zum Kinderturnen, ins Schwimmbad. Selten haben die beiden zugesagt. Aber wenn man Angebote von Nachbarn nicht annimmt, dann fragen die irgendwann nicht mehr."

Mohammad sagt:: "Wir haben wunderschöne Stunden verbracht, im Schwimmbad und im Botanischen Garten. Ich komme gut klar mit den Deutschen. Ob Nachbarn oder Verkäufer im Einkaufszentrum: Alle sind freundlich und hilfsbereit."

Nour sagt:: "Mit einer Nachbarin von Heinrich bin ich jetzt befreundet, sie hat mich schon dreimal in der neuen Wohnung besucht. Dass man sich trifft, auch mit mehreren, gut isst und einfach entspannt Zeit zusammen verbringt, das könnten sich die Deutschen von den Syrern abgucken. Bei uns zu Hause ist der Familienzusammenhalt auch enger als hier: Wir telefonieren mindestens jeden zweiten Tag mit unseren Eltern."

Die Familie hat jetzt eine eigene Wohnung.
Stanley Kroeger

Die Familie hat jetzt eine eigene Wohnung.

Mit Heinrichs Hilfe hat die Familie schließlich über eine Wohnungsbaugenossenschaft eine neue Bleibe gefunden, ganz im Norden von Hamburg, hinter dem Haus fangen schon die Pferdekoppeln von Schleswig-Holstein an. Heinrich ist skeptisch, ob es der richtige Ort für die Familie ist. In dem Block würden mittlerweile zu viele Ausländer wohnen, sagt er, es sei schon fast ein Getto. Regelmäßig besucht er die Familie, oder sie laden ihn ein, wenn sie mit Freunden und Nachbarn grillen.

Mohammad gefällt die Wohngegend: "Wir sind hier die Vereinten Nationen." Er wünscht sich, dass die Deutschen auf das halbvolle Glas schauen. "Einige Flüchtlinge sind keine Engel, und die möchte ich auch nicht verteidigen", sagt er. "Aber viele wollen sich hier ein neues Leben aufbauen, und ich bin stolz auf jeden, der es schafft."

Heinrich sagt, er würde wieder eine Familie aufnehmen. "Einfach machen", lautet sein Rat. "Nicht zu viel darüber nachdenken, das ist wie im Leben mit Kindern: Wenn 20 Prozent von dem klappt, was man sich vorstellt, ist es schon gut."

Heinrich gehöre jetzt zu seiner Familie, sagt Mohammad. Und mit ihren Kindern hätten Nour und er bereits besprochen, dass Joudi Ärztin wird und Qusai Professor, sagt er lachend. Und dann ernst: "Diese Kinder sind die neue Generation der Deutschen."

Mohammad J. mit Joudi auf dem Spielplatz
Stanley Kroeger

Mohammad J. mit Joudi auf dem Spielplatz

*Name von der Redaktion geändert

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