Flüchtlinge gegen Azubi-Mangel Khabat macht auf Sylt fest

Jedes Jahr bleiben Tausende Lehrstellen unbesetzt. Manche dieser Lücken füllen jetzt Flüchtlinge. Zum Beispiel in einem Luxushotel auf Sylt.

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Khabat K. aus Aleppo steht vor einem ungemachten Hotelbett. Die feine Herberge befindet sich auf Sylt, eine Ansammlung weißer Häuschen mit reetgedeckten Dächern, Khabat K. ist hier Praktikant. Heute hilft er dem Zimmerdienst.

Er hat schon Kissen bezogen, aber noch kein Federbett. "Dann mach mal", sagt Ilsegret Saß, 64, die ihn betreut. "Ich? Wow!" Khabat blickt verblüfft. Der 28-Jährige kann sich selbst für solche Tätigkeiten begeistern, seit er erfahren hat, wie es ist, monatelang gar nichts tun zu dürfen. Er stopft die Decke ins weiße Laken hinein, Saß schüttelt beides noch einmal auf, zieht den Bezug zurecht, fertig.

Der Asylbewerber Khabat K. macht mit beim Projekt "Festmachen auf Sylt", das Flüchtlinge als Auszubildende in Hotels und Restaurants auf der Insel vermitteln will. Lokale Unternehmer, die IHK Flensburg, Arbeitsagentur, Jobcenter und weitere Akteure haben sich dafür zusammengeschlossen.

Wenn es darum geht, geeignete Lehrlinge zu finden, tut sich die Gastronomie besonders schwer. Schlechte Bezahlung und Arbeitszeiten - die Branche hat keinen guten Ruf. Auf Sylt kommen die abgeschiedene Lage und die extrem hohen Mietpreise hinzu, die das Azubi-Leben zusätzlich erschweren.

Bettenmachen im Benen-Diken-Hof
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Bettenmachen im Benen-Diken-Hof

Unter den Top Ten der rund 43.000 unbesetzten Ausbildungsplätze, die die Bundesagentur für Arbeit im September 2016 verzeichnete, stand Koch auf Rang drei, Restaurant- und Hotelfachmann auf Rang fünf und sechs. Es blieben zusammen knapp 5500 Stellen offen.

Viele Unternehmer würden die Lücke gern mit Asylbewerbern füllen: Fast jeder vierte ist zwischen 18 und 25 Jahre alt, die meisten streben schon wegen sprachlicher Hürden eher in eine Ausbildung als in ein Studium. Doch kann das gelingen?

Keinesfalls kurz- und mittelfristig, warnte DIHK-Präsident Eric Schweitzer im vergangenen Sommer. Denn Integration brauche Zeit. Hinzu kommen oft bürokratische Hürden: Anerkannte Flüchtlinge können sofort eine Ausbildung beginnen. Doch Asylbewerber und Geduldete müssen vorher bei der Ausländerbehörde eine Genehmigung beantragen. Diese wiederum muss manchmal auch noch die Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit einholen.

Viele regionale Industrie- und Handelskammern haben inzwischen Strategien, um Flüchtlinge und Unternehmen besser aufzuklären und so den Prozess zu erleichtern. Die IHK Schwaben zum Beispiel begann bereits Anfang 2015 damit, für inzwischen fast 700 junge Flüchtlinge Profile zu erstellen. Wie viel Schulbildung hatten sie? Wo liegen ihre Stärken? Welchen Beruf wollen sie lernen?

Verkauf besonders beliebt

Dabei haben Geflüchtete erst mal ähnliche Vorlieben wie junge Deutsche: Laut Bundesagentur für Arbeit bewarben sich die meisten von ihnen - wie auch die meisten Einheimischen - zwischen Oktober 2015 und September 2016 auf Lehrstellen im Verkauf. Bei beiden Gruppen waren außerdem beliebt: Arztpraxen und Autowerkstätten. Auf Hotellerie und Gastronomie kamen vergleichsweise wenige Bewerbungen.

"Trotzdem ist es möglich, Geflüchtete in die Lücken zu schleusen", sagt Josefine Steiger, die bei der IHK Schwaben den Fachbereich Ausbildung leitet. Denn junge Afghanen, Somalier oder Eritreer ließen sich in Gesprächen und Praktika oft leicht für Branchen begeistern, in denen sie später gute Chancen hätten, einen Job zu finden.

Die Erfahrung macht auch Claas-Erik Johanssen, 52, vom Benen-Diken-Hof auf Sylt, der den Praktikanten Khabat K. und einen Lehrling aus Afghanistan eingestellt hat und mit beiden sehr zufrieden ist. "Es passiert schon mal, dass Azubis zu spät kommen, frech sind oder bei der Arbeit auf ihr Handy schauen", sagt Johanssen. Doch mit den zwei Flüchtlingen habe er solche Probleme noch nicht erlebt. Die Behörden hätten deren Beschäftigung zudem sehr schnell genehmigt.

Die 16 Projektteilnehmer absolvieren erst einen dreimonatigen Vorbereitungskurs, dann drei einwöchige Praktika und eine sechsmonatige Einstiegsqualifizierung, bevor im kommenden August die dreijährige Ausbildung beginnt.

Neubeginn nach vier Jahren

Das ist viel Aufwand für einen Ausbildungsplatz, der auf der Beliebtheitsskala so weit unten steht. Doch Khabat K. macht das nichts aus. Er ist dankbar, dass er endlich eine Chance bekommt, egal, in welchem Beruf.

Seine Aussichten sind gut, auch nach der Ausbildung auf Sylt bleiben zu können. "Der Arbeitsmarkt auf Sylt saugt alle auf, die arbeiten wollen", sagt Johanssen, der auch den Hotel- und Gaststättenverband auf Sylt leitet. "Wir beschäftigen sogar Agenturen, die für uns Mitarbeiter suchen."

Khabat K. floh 2012 aus seiner Heimat, um dem Militärdienst zu entgehen, ging nach Bulgarien, dann nach Finnland und Dänemark. Überall versuchte er, einen Job zu finden und sein Jurastudium fortzusetzen. Er scheiterte stets mit beidem.

Khabat will seinen Nachnamen nicht öffentlich machen, weil er sich schämt, dass er vier Jahre verloren hat und es nirgends schaffte anzukommen. "Ich will diese Zeit vergessen", sagt er.

Auf der reichen Urlaubsinsel kann Khabat K. nun endlich neu anfangen. Er wohnt in einem Haus nahe des Benen-Diken-Hofs mit anderen Flüchtlingen aus Afghanistan, Jemen und Syrien. Er kann zu dem Hotel laufen, in dem manche Zimmer im Sommer mehr als 250 Euro pro Person und Nacht kosten.

Mit Hotels hatte Khabat K. bisher nichts am Hut und abends tun ihm die Füße weh, weil er es nicht gewohnt ist, acht Stunden lang auf den Beinen zu sein. Auch der Fachjargon ist schwer - Wörter wie "tranchieren" und "Menage" - und die vielen Regeln zu Etikette und Hygiene.

Doch der fröhliche Syrer freut sich, dass er mit so vielen Menschen zusammenkommt. Neulich servierte er zum ersten Mal einem Gast eine Tasse Kaffee. "Das würde ich gern öfter machen, das war spannend", sagt er mit kindlich-höflicher Begeisterung.

Khabat K. weiß, dass er immer freundlich sein muss, auch zu schwierigen Gästen. Und dass es zur Hauptsaison extrem stressig sein kann. Es schreckt ihn alles nicht. "Das ist mein Job, und ich mag ihn gern", sagt er. "Endlich darf ich etwas lernen."

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