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01. November 2011, 09:54 Uhr

Folge der Krise

Griechenlands Elite flieht aufs Land

Sie haben studiert und sich auf eine Karriere vorbereitet, jetzt züchten sie Schnecken, tauchen nach Schwämmen und bauen Wein an: Die Krise treibt Griechenlands junge Elite in die Landwirtschaft - oder gleich ganz außer Landes.

Sie ist Marketingexpertin, doch jetzt züchtet sie Schnecken. "Ich konnte es mir nicht länger leisten, in Athen zu wohnen, und meine Familie hatte dieses lange aufgegebene Stück Land", sagt Evi Papadimitriou, 30. Große Erwartungen hat sie nicht: "Falls ich es schaffe, davon zu leben, bin ich schon glücklich."

Ähnlich geht es dem Computerfachmann Mammas Pashalis, 22. Er taucht im Mittelmeer nach Schwämmen, um irgendwie über die Runden zu kommen. Im gelernten Beruf hat er keine Arbeit gefunden, jetzt hilft er seinem Vater, der am Strand von Rhodos einen kleinen Stand betreibt. Ein Broterwerb ist das bestenfalls, mehr nicht.

Vor Jahrzehnten waren es Hunderttausende Arbeiter und Bauern, die aus Griechenland wegzogen, vor allem in die USA und nach Australien. Jetzt, in der Krise, sind es dagegen vor allem junge, gebildete Griechen, die das Land verlassen. Die stark sinkenden Einkommen und eine Jugendarbeitslosigkeit von geschätzten 28 Prozent für 2011 treiben sie fort. Nicht zuletzt fliehen sie vor der Schuldenlast, die die Elterngeneration angehäuft hat. Viele fliehen aber auch einfach heraus aus den Städten aufs Land.

Vom Börsenmakler zum Weinbauern

Dass er einmal auf einem staubigen, heißen Feld arbeiten würde, hätte auch der Börsenmakler Giannis Pantoulis nicht geglaubt. Er ist jetzt Weinbauer. Vor zwei Jahren packte er seine Familie und sein Hab und Gut in einen Lkw und zog zurück in das Dorf seines Vaters im Norden Griechenlands. Er habe das Platzen der griechischen Schuldenblase kommen sehen und rechtzeitig aussteigen wollen, sagt Pantoulis. Heute schwitzt der 40-Jährige in seinem Weinberg statt über Aktienkursen.

"Anfangs dachten alle, ich sei verrückt", erzählt er. Tatsächlich sei der Neuanfang hart gewesen. Und es brauche Jahre, bis Weinanbau profitabel sei. "Aber jetzt sehen viele, dass es in den großen Städten nichts für uns gibt. Unsere Politiker haben uns hängen lassen." Auch viele andere wollten jetzt weg aus Athen, Thessaloniki oder Patras: "Die Situation ist hoffnungslos."

Die Fakten sind deprimierend: Die Lebenskosten steigen, doch Löhne und Pensionen werden immer weiter gekürzt. Die Arbeitslosigkeit erreicht Höchststände: Laut neuesten Zahlen waren im Juli offiziell 17,6 Prozent der Griechen ohne Job. Besonders hart betroffen sind junge Menschen. Kein Wunder, dass die Anti-Schulden-Maßnahmen der Regierung auf immer größeren Widerstand in der Bevölkerung treffen.

Fast 60 Prozent der Griechen seien gegen das neueste EU-Hilfspaket, heißt es in einer kürzlich von der Tageszeitung "To Vima" veröffentlichten Umfrage. Die EU-Maßnahmen verletzten die Souveränität Griechenlands, das Land gerate immer stärker in den Würgegriff internationaler Geldgeber. Und das Schlimmste: Besserung ist nicht in Sicht.

Wie junge Griechen, das Land ihrer Vorfahren zurückerobern wollen

Eine Rückkehr aufs Land erscheint da vielen als Ausweg. Fast 60.000 Griechen taten diesen Schritt in den vergangenen zwei Jahren. Damit kehren sie einen jahrzehntelangen Trend um. Die Vorfahren der Neu-Bauern hatte es in die Städte gezogen, viele ließen damals Grundbesitz zurück.

Dimitris Michaelidis vom griechischen Verband junger Bauern spricht von steigendem Interesse. Immer mehr Menschen ohne Arbeit suchten eine regelmäßige Beschäftigung und geringere Lebenshaltungskosten - ein Bauernhof biete genau das, meint er. "Wir können kaum den Anfragen nachkommen." Die Leute wollten etwa wissen, "was wo am besten wächst".

Wer doch ins Ausland will, findet im Internet Tipps. Nach Angaben von Europass, einer internationalen Bewerberplattform angeregt von der EU-Kommission, haben im September mehr als 13.000 Griechen ihre Lebensläufe bei Europass eingestellt. Noch im September 2008 waren es lediglich 2200. Fast zwei Drittel der Bewerber seien unter 30.

Die Biologin Evgenia Tsakili ist eine von ihnen. Sie hat so Arbeit in einem Forschungslabor auf Zypern gefunden. "Ich konnte in Griechenland keinen Job finden, und ich glaube, die Situation wird sich in den nächsten Jahren nicht verbessern", sagt sie.

Das Frankfurter Büro des World Council of Hellenes Abroad, einer Organisation für Auslandsgriechen, wird mit Anfragen überhäuft. Die meisten Anrufer seien junge, gebildete, aber arbeitslose Leute zwischen 30 bis 35, erzählt Giorgos Amarantidis. "Sie wollen in Deutschland arbeiten und suchen unseren Rat und Hilfe."

Nach seinen Schätzungen sind etwa 4000 Griechen in den vergangenen drei Monaten nach Deutschland gekommen - viele ohne konkrete Aussicht auf einen Job. "Ich sage ihnen als allererstes, dass sie Deutsch lernen müssen. Sie sind hier im Wettkampf mit hochgebildeten Arbeitern aus der ganzen Welt."

Junge Griechen seien entsetzt vom Zustand des griechischen Staats und hätten das Vertrauen in das System verloren. "Und sie sagen, dass sie nicht nach Griechenland zurückkehren werden."

Von Christine Pirovolakis, dpa/otr

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