Forscher Ulrich Teichler Workaholic im halben Ruhestand

Zwei Jahre brauchen Unis oft für eine Berufung - muss das so lange dauern? Manchmal ja: Ulrich Teichler zum Beispiel wollte zum Jahresende gehen, war aber einfach nicht zu ersetzen. Der Kasseler Hochschulforscher muss nun nachsitzen. Und alle freuen sich.

Von Frank van Bebber


Es war im Juni. Da reisten 300 Menschen aus 40 Ländern nach Kassel, um den Hochschulforscher Prof. Dr. Ulrich Teichler in den Ruhestand zu verabschieden. Auf dem Programm stand das Ende einer Ära nach 40 Berufsjahren. Kollegen drückten Teichler zum Ausscheiden aus dem aktiven Dienst eine 490 Seiten lange Festschrift in die Hand. Redner lobten den 66-Jährigen abwechselnd als ehrlichen Empiriker, guten Boss, Querdenker, Netzwerker oder rasenden Experten. Sogar ein Zauberer trat auf. Die Feier dauerte drei Tage.

Ulrich Teichler (Mitte): Wer schreibt, der bleibt
Frank van Bebber

Ulrich Teichler (Mitte): Wer schreibt, der bleibt

Am letzten Tag fuhr die internationale Festgesellschaft mit einem historischen Eisenbahnzug. Vor der Dampflokomotive mit Nummer 524544 stellten sich alle Mitreisenden rund um Teichler zum Gruppenfoto auf. Es war eine der größten Abschiedspartys in der Geschichte der Universität Kassel.

Anschließend ging Ulrich Teichler in sein Büro und machte weiter wie die drei Jahrzehnte in Kassel zuvor. Auch an diesem Tag sitzt er wieder in seinem hellen Zimmer, in dem sich Bücher und Manuskripte stapeln. Nichts deutet auf das Ende einer Ära hin. Er schreibt Anträge, plant Reisen, spricht mit Studenten, bietet seinem Besuch Kaffee und Kekse an.

Fast jeden Tag findet er in der Post ein Buch oder ein Journal mit einem Aufsatz von ihm. Der Gründer und Leiter des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung in Kassel (Incher) hat sich selbst einmal als Workaholic beschrieben. Er arbeitet jährlich mehr als 3000 Stunden, ein gewöhnlicher Arbeitnehmer bringt es auf 1800. In drei Jahrzehnten als Professor in Kassel hat er 1600 Dienstreisen gemacht, 1600 Vorträge gehalten und 1000 Publikationen veröffentlicht.

Der für ihn zuständige Finanzbeamte bestellte Teichler einmal ein, weil er sich über die vielen Buch- und Taxiquittungen wunderte. Was er nicht verstehe, fragte der Beamte Teichler, wann er denn da Zeit zum Schreiben habe. Seine Mitarbeiter wissen es: Per Mail, Handy und Fax übermittelt er Aufsätze, Ideen und Kontaktadressen ins Büro – von unterwegs ebenso wie vom heimischen Krankenbett.

Teichler ist ein Workaholic, aber einer, der sich die Zeit nimmt. Seine Tür steht offen. Trifft er in der Bibliothek eine Studentin mit interessanten Fragen, plaudert er mit ihr ohne Blick auf die Uhr. Mittags fährt er seinen Besuch schon mal im eigenen Mercedes zum nahen thailändischen Restaurant. Zum Nachtisch nimmt er ein großes Eis. Die Stunden hängt er abends dran.

Die Zukunft: "Weniger Pflicht, mehr Kür"

Mitarbeiter erzählen von Teichlers Kalender: Es sei so ein kleiner mit einem ganzen Monat auf einer Seite, für jeden Tag eine schmale Spalte. In den nächsten Monaten sind schon viele Spalten voll.

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"Ich will keineswegs länger machen", sagt er. Was er meint: Er will weiter arbeiten, aber als Emeritus. "Weniger Pflicht, mehr Kür", sagt er. Und dass er bei bürokratischen Anträgen mittlerweile denke: "Abschied ist doch schön."

Im Sommer hatte er seine Gäste bereits als Kür-Professor begrüßen wollen. Doch die Universität hatte noch keinen Nachfolger für ihn. Dreimal hat er nun für je ein Semester verlängert, doch das Berufungsverfahren zieht sich. Es gibt eine Zweier-Liste. Kandidat eins sagte ab. Mit Kandidat zwei wird verhandelt.

International renommierte Hochschulforscher, die ihre Karriere in Kassel fortsetzen wollen, sind rar und teuer. Die Menschen im von Teichler aufgebauten Incher bemühen sich, den Ärger über den Ablauf des Verfahrens zu verbergen. Den Gästen seiner Abschiedsfeier aber schrieb Teichler zum Dank – und ging dabei auf die geplatzten Verhandlungen mit Kandidat eins ein: "Ich hatte mir von der Universität Kassel etwas mehr für die Sicherung der exzellenten Zukunft von Incher erhofft."



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