Forschung "Es geht um die Grundlagen des Wohlstands"

Die vor 60 Jahren gegründete Fraunhofer-Gesellschaft ist ein Sensor dafür, wie stark die Wirtschaft in Forschung und Entwicklung investiert. Fraunhofer-Präsident Hans-Jörg Bullinger warnt im Interview davor, wegen der Krise an der Forschung zu sparen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Bullinger, drückt die Wirtschaftskrise schon auf die Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen der Wirtschaft?

Fraunhofer-Forscher (in Jena): "Massive Investitionen sind nötig"
DDP

Fraunhofer-Forscher (in Jena): "Massive Investitionen sind nötig"

Bullinger: Im Moment sehen wir das noch nicht. Zumindest bei den Forschungsaufträgen, die wir von Firmen bekommen, setzen wir den Höhenflug des vergangenen Jahres fort. Nur die Art der Projekte hat sich geändert, die Firmen wollen jetzt noch schneller konkrete Ergebnisse, mit denen sich Geld verdienen lässt. Aber ich rechne auch bei uns mit einem Rückgang im Jahresverlauf.

SPIEGEL ONLINE: Welche Branchen zeigen sich bei den Forschungsanstrengungen besonders krisenresistent?

Bullinger: Die Bereiche Medizintechnik, Life Science, Lebensmitteltechnologie, Laborausstatter, Erneuerbare Energien sind fast unverändert. Da läuft unser Geschäft normal. Bei allem, was mit Autos zu tun hat, sieht es anders aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Forschung und Entwicklung für den Weg durch die Krise?

Fraunhofer-Präsident Bullinger, 65: "Innovation ist die beste Antwort auf Krisen"
DPA

Fraunhofer-Präsident Bullinger, 65: "Innovation ist die beste Antwort auf Krisen"

Bullinger: Man denke nur an die Krise der deutschen Autoindustrie in den achtziger Jahren: Als uns damals die Japaner bedrängt haben, sind die deutschen Hersteller in eine beispiellose Innovationsoffensive gegangen. Hätten sie es nicht gemacht, hätten die Japaner deutsche Autounternehmen damals aufgekauft.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt uns das für heute?

Bullinger: Innovation ist die beste Antwort auf Krisen, nicht das Festhalten am Status quo. Wenn wir einigermaßen gut aus dieser Krise herauskommen wollen, müssen wir schneller und besser etwas Neues entwickeln als Amerika und China.

SPIEGEL ONLINE: Spiegelt sich das im Krisenmanagement der Bundesregierung ausreichend wider?

Bullinger: Mich irritiert, dass man nicht mit dem gleichen Mut und der gleichen Kraft an die Forschungspakte herangeht wie an die Konjunkturpakete. Der Hochschulpakt, der Forschungspakt und die Exzellenzinitiative sind enorm wichtig dafür, wie Deutschland in Zukunft auch wirtschaftlich dasteht. Den Konsum zu fördern ist das eine, aber es muss auch in die Grundlagen des Wohlstands investiert werden, damit Neues nachwächst. Das wird aber von der Politik nicht in der gebotenen Dringlichkeit behandelt. Die aktuelle Kontroverse zwischen den Bundesländern um die Forschungspakte ist da ein echtes Ärgernis.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt es sich aus, dass derzeit unklar ist, ob die geplanten 16 Milliarden Euro für Hochschulen und Forschungsinstitute auch wirklich kommen?

Bullinger: Wenn man in der Wissenschaft gute Leute will, muss man ihnen eine gewisse Sicherheit geben, am besten über fünf Jahre. Sonst kommen die nicht. Wenn ich denen nun sagen muss, dass die Exzellenzinitiative nach zwei Jahren vorbei ist und niemand weiß, was danach kommt, hätte das verheerende Folgen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Fraunhofer-Gesellschaft ist doch gar nicht so sehr vom Staat abhängig, oder?

Bullinger: Wir verdienen zwei Drittel unseres Geldes mit Projekten aus der Wirtschaft, aber wenn es 100 Prozent wären, dann wären wir keine Forschungsinstitution mehr, sondern eine Beratungsfirma - und das wollen wir nicht sein.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich mit den Milliardenentscheidungen bis nach der Bundestagswahl Zeit lassen?

Bullinger: Jedem Bürger ist klar, dass die nächste Regierung bei den Ausgaben massiv auf die Bremse treten wird. Da wird es sehr von der Besetzung des Forschungsministeriums abhängen, ob dieser Bereich ausgenommen wird. Für eine klare Zukunftsperspektive ist daher eine schnelle Entscheidung wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Bundesforschungsministerin Annette Schavan bricht für die steuerliche Förderung von Forschung eine Lanze. Zu Recht?

Bullinger: Absolut, das muss kommen. Bisher können Unternehmen nur staatliche Fördergelder beantragen, wenn ein Beamter oder Gutachter ein Thema vorgedacht hat. Wenn ein Mittelständler aber eine gute Idee hat, auf die noch niemand gekommen ist, gibt es für ihn nichts. Wir haben in Deutschland zwei Jahre lang niemanden gefunden, der unseren MP3-Spieler mit uns vermarktet hätte. Eine steuerliche Förderung für eine Ausgründung hätte da sehr geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Müsste man dann nicht auch die Vielzahl von Fördertöpfen verringern?

Bullinger: Das ist ein ungelöstes Dauerproblem. Es gibt viel zu viele verschiedene Fördertöpfe, von Kommunen, Land, Bundesministerien, EU. Jeder hat seine eigenen Vorschriften, und keiner hat mehr einen Überblick. Als Mittelständler hat man es viel zu schwer, den richtigen Weg zu finden. Die Beantragung ist zu aufwendig. Da gibt es schon Firmen, die das erledigen, aber viel Geld dafür verlangen. Da wird es pervers.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind solche Themen, die für die Innovationskraft wichtig sind, jetzt nicht im Vordergrund?

Bullinger: Forschung war für diese Bundesregierung durchaus ein wichtiges Thema. Diese Regierung hat die Forschung deutlich besser gefördert als vorherige. Nun kommt es darauf an, dass Innovation beim Weg aus der Krise viel stärker bedacht wird.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Bullinger: Die drei Pakte sind erste Probesteine. Nach der Wahl sind massive Investitionen in Bildung und Forschung nötig, zehn Prozent vom Bruttosozialprodukt ist die richtige Marke. Und wir brauchen ein Wissenschaftsfreiheitsgesetz, das die Spielräume der Forscher deutlich vergrößert.

Das Gespräch führte Christian Schwägerl

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