Frauen als Ingenieure Erst reingezwängt, dann rausgedrängt

Papa ist Maschinenbauer, Mama Bibliothekarin. Und dass die Tochter Gefallen an Elektrotechnik findet, eher unwahrscheinlich. Zwar sollen Girls' Days schon junge Mädchen für Technik begeistern - oft scheitern die Ingenieurinnen aber an den Barrieren der Männerdomäne.

Von Peter Ilg


Tanja Gruber durfte schon als Kind immer mitschrauben. Immerhin ist ihr Vater Automechaniker - und da gab es einiges zu tun. Inzwischen hat sie ihr Hobby zum Beruf gemacht. Nach einer Lehre als Industriemechanikerin studierte sie Maschinenbau an der Fachhochschule in München. Seit ihrem Examen vor zwei Jahren arbeitet sie bei einem großen Autokonzern in der Fertigungsplanung. "Von klein auf interessierten mich technische Zusammenhänge", sagt sie, "ich wollte wissen, wie die Welt funktioniert."

Ingenieurin Gruber: Schon als Kind an Autos herumgeschraubt

Ingenieurin Gruber: Schon als Kind an Autos herumgeschraubt

Heute entwickelt die 26-jährige Roboterstraßen für die Autofertigung. Als Ingenieurin ist sie bei ihrem Arbeitgeber eine wahre Exotin. Von den 8000 Ingenieuren, die es dort gibt, sind gerade mal 300 Frauen - ganze 3,75 Prozent.

Dabei setzen der Staat, Verbände und Unternehmen zurzeit alles daran, die Quote der Ingenieurinnen zu erhöhen. Mit "Girls' Days" wollen sie Schülerinnen gezielt in die Männerdomäne des Ingenieurberufs locken. Mehr als eine halbe Million Mädchen haben mittlerweile schon an dem Programm teilgenommen. Deutlich mehr Interesse am Beruf als Ingenieurin zeigen sie allerdings nicht.

So waren 2001 rund 15.200 Frauen im ersten Fachsemester eines ingenieurwissenschaftlichen Studiengangs immatrikuliert. Vier Jahre später waren es gerade mal 2200 mehr. Beachtlich ist dagegen die Entwicklung bei den männlichen Kommilitonen. Bei ihnen stieg die Zahl im gleichen Zeitraum um rund 13.000 auf insgesamt 67.700.

Männer befördern Männer

Das Ziel, Frauen in Ingenieurberufe zu bringen, wurde in den vergangenen Jahren weit verfehlt. Unter den Ingenieuren ist nur jeder Zehnte eine Frau. "Der Anteil der weiblichen Maschinenbauer und Elektroingenieure liegt sogar nur knapp über fünf Prozent", sagt Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Bonn. Dabei ist die Zahl der weiblichen Absolventen deutlich höher, ungefähr 20 Prozent.

Eine neue Studie der Technischen Universität Darmstadt lässt vermuten, wo die Frauen nach ihrem Studium bleiben. Yvonne Haffner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der TU-Darmstadt, untersuchte die Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen in ingenieurwissenschaftlichen Berufen.

Ihr Ergebnis: "Frauen sind hauptsächlich dort erfolgreich, wo es keine Männer gibt". Das liege vor allem an den strukturellen Barrieren, die es in der Männerdomäne gibt. Die Kalkulation ist simpel: Chefs - meistens Männer - befördern Mitarbeiter, die ihnen ähnlich sind. Also auch Männer. Die, im Optimalfall, eine Frau zur Seite haben, die ihnen den Rücken freihält.

In einer Beziehung, in der beide berufstätig sind, hat eine Frau deshalb nie dieselben Chancen. Ein schwacher Trost: Männer, die Zeit für ihre Familie aufbringen oder ihren Hobbys nachgehen, spielen bei Beförderungen eine ebenso unbedeutende Rolle. "Solange die Frauen spüren, dass sie nicht willkommen sind, lassen Sie sich nicht in Ingenieurberufe locken", meint Haffner. Schließlich hätten Frauen ein feines Gespür dafür, ob sie willkommen seien oder nicht.

Die Programme, mit denen Frauen für technische Berufe begeistert werden sollen, seien zwar ein erster Impuls - mehr aber auch nicht. "Was fehlt, sind die positiven Signale aus der Arbeitswelt." Die Botschaft müsse lauten: "Mädchen, wir nehmen wahr, dass ihr gut und qualifiziert seid, dass ihr euren Beruf ernst nehmen wollt und wir werden euch eine adäquate Position einräumen." Je klarer es den Firmen werde, dass sie einen Bedarf an Ingenieuren haben, umso rascher würden Firmen die entsprechenden Signale senden, ist ihre Vermutung.

Die Wirtschaft allein kann es nicht richten

Ohnehin müsse man schon viel früher anfangen, die Mädchen für Ingenieurberufe zu sensibilisieren: "Lehrer und Eltern spielen bei der Berufsfindung eine herausragende Rolle, bringen aber häufig ihr veraltetes Wissen ein und beeinflussen so die jungen Leute", sagt Bernhard Hohn von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung. Und so landen die Frauen dann doch wieder in den klassischen Frauenberufen, statt Gefallen an Elektrotechnik oder Maschinenbau zu finden.

Einige Frauen immerhin schaffen den Sprung in die Männerwelt. So wie Tanja Gruber. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere hat sie locker geschafft: Ihr Maschinenbau-Studium an der FH München hat sie als beste ihres Jahrgangs abgeschlossen. Noch vor allen Männern.



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