Fraunhofer-Gesellschaft Forschen in der ersten Liga

Die MP3-Technik kennt jeder, die fettfreie Wurst zählt zu ihren bekanntesten Erfindungen: Die Fraunhofer-Gesellschaft feiert ihr 60-jähriges Bestehen - eine Erfolgsgeschichte vom "Lumpensammler" zu Europas größter Organisation für angewandte Forschung.

Von Frank van Bebber


Herz und Hirn trennt in Kaiserslautern die Fahrt auf einer Straße, an der sich Brachflächen und Discounter abwechseln. Einer, der hier regelmäßig pendelt, ist Dieter Rombach, 55.

Fraunhofer-Institut in Kaiserslautern: Gute Adresse für Spitzenkräfte
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Fraunhofer-Institut in Kaiserslautern: Gute Adresse für Spitzenkräfte

Am einen Ende ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Fußball-Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern. Das Stadion, Herzkammer der Region, thront seit fast 90 Jahren über der Stadt. Am anderen Ende ist Rombach Leiter des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering (IESE). Seit vier Jahren sitzt das 1996 gegründete IESE in einem Neubau aus Stahl und Glas. Die über 200 Forscher denken längst in der ersten Liga.

Kooperation ist selbstverständlich

In einer lichtdurchfluteten Halle stellen die Wissenschaftler aus, was sie im IESE entwickeln: Software für Autos, Medizintechnik und computergesteuerte Ackermaschinen. In einer der Vitrinen liegt Zubehör des weltgrößten Landmaschinenkonzerns John Deere. Es ist Symbol für die Zukunft einer Region, der bisweilen nicht mehr viel blieb außer dem Stolz auf ihren 1. FCK. Nun siedelt Deere dank Fraunhofer-Kontakte seine Forschungsabteilung für Europa hier an.

Zu ihrem 60. Geburtstag packte die Fraunhofer-Gesellschaft Ende März einen 130 Quadratmeter großen Ausstellungstruck. Wer ihn besucht, sieht, was Europas größte Organisation für angewandte Forschung leistet. Man kann aber auch bei Rombach im Büro vorbeischauen, um zu verstehen, wie sich Forschung den Weg in den Alltag bahnt, wie Fraunhofer eine gute Adresse für Spitzenkräfte ist und wie Kooperation mit anderen Institutionen selbstverständlich wurde.

Besuchern drückt Rombach drei Visitenkarten in die Hand: Er ist auch Professor der TU Kaiserslautern und Vorsitzender des Fraunhofer-Verbunds für Informations- und Kommunikationstechnik. Im Büro hängen Uhren mit der Zeit in Frankfurt, Tokio und New York. Ein Foto zeigt ihn mit Ministerpräsident Kurt Beck (SPD). Daneben hängt eine Urkunde mit der Unterschrift des früheren US-Präsidenten George H. W. Bush: 1990 erhielt Rombach den mit 500.000 Dollar verbundenen "Presidential Young Investigator Award" der National Science Foundation (NSF).

Praxiseinsatz muss denkbar sein

Als Professor an der Universität in Maryland und Projektleiter bei der NASA hatte Rombach die wechselseitige Befruchtung von Theorie und Anwendung schätzen gelernt. Bei der Rückkehr nach Deutschland an die TU Kaiserslautern half 1992, dass Rheinland-Pfalz daran lag, Fraunhofer-Standort zu werden. Heute arbeiten am IESE über 200 Mitarbeiter, der Jahresetat beträgt fast zehn Millionen Euro.

Dieter Rombach: Pendeln zwischen Fraunhofer und dem 1. FCK
Fraunhofer IESE

Dieter Rombach: Pendeln zwischen Fraunhofer und dem 1. FCK

Als Uni-Professor hält Rombach Kontakt zum Nachwuchs. Zwei seiner Hauptabteilungsleiter waren Doktoranden bei ihm. "Fraunhofer ohne Anbindung an irgendeine Universität würde nicht funktionieren", sagt er. In der Nähe sitzt das Max-Planck-Institut für Software-Systeme. Forscher der Fraunhofer- und der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) arbeiten zum selben Thema in einer Stadt.

Der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG), Hans-Jörg Bullinger, sagt selbstbewusst, die Forscher beider Gesellschaften unterscheide nur der Zeithorizont. Ein MPG-Wissenschaftler spüre auch Dingen nach, für die sich keine Anwendung abzeichne. Bei der FhG sollte ein Praxiseinsatz denkbar sein. Sonst aber glichen sich Spielregeln und Qualitätskriterien, sagt Bullinger.

So auf Augenhöhe sah sich die FhG nicht immer. Schon zum 50. Jubiläum 1999 hatte der Münchener Historiker Helmuth Trischler berichtet, angewandte Forschung habe zunächst kaum als echte Wissenschaft gegolten.

Die Länder buhlen um Fraunhofer-Institute

Im Bemühen, als Organisation zu überleben, übernahm die FhG in den fünfziger Jahren zudem recht wahllos Institute - was ihr den Ruf als "Lumpensammler" einbrachte. Später brachte Rüstungsforschung frisches Geld, aber neue Imageprobleme. Ein Sinneswandel setzte erst ein, als Wirtschaftskrisen klarmachten, wie wichtig Entwicklungen aus den Labors sind.

Es entstand das Modell der erfolgsabhängigen Grundfinanzierung der Fraunhofer-Institute. Eine Herausforderung für Forscher, die sich plötzlich vermarkten mussten. Denn 40 Prozent der Gelder kommen aus der öffentlichen Hand, wobei der Bund davon 90 Prozent trägt, die Länder zehn Prozent. Aber 60 Prozent des Etats gilt es mit Projekten selbst zu erwirtschaften.

Mitte der siebziger Jahre hatte das unternehmerische Denken erfolgreich Einzug gehalten. Fraunhofer wuchs bis heute auf mehr als 80 Einrichtungen, davon 57 Institute, mit rund 15.000 Mitarbeitern. Die Suche nach Forschern wird allerdings durch das deutsche Tarifsystem gebremst. Rombach wünschte sich einen Fraunhofer-Tarif. Erfolgreich warb er in Brasilien um Verstärkung - nicht für das Fußballteam, sondern das Institut. Fünf Brasilianer arbeiten derzeit am IESE.

Aus dem "Lumpensammler" von einst ist ein umworbener Partner geworden. Längst buhlen die Bundesländer um Institute. Und unlängst klopfte auch das Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Bullinger an, um Möglichkeiten für ein gemeinsames Institut auszuloten.

"Gegenüber der Industrie als starker Partner auftreten"

Institutsleiter wie Dieter Rombach in Kaiserslautern müssen zwar ihren Haushalt größtenteils mit dem eigenen Haus erwirtschaften. Doch die Zugehörigkeit zu Fraunhofer macht ihnen das erst möglich: Der Name ist bekannt. Durch den Service der Zentrale in München bleibt die Verwaltung vor Ort schlank.

Vorteile, die auch Andreas Tünnermann schätzt, Leiter des Instituts für Angewandte Optik und Feinmechanik in Jena. "Sie müssen gegenüber der Industrie als ein starker Partner auftreten können", sagt er. Den nötigen Apparat für Patent und Vertragsfragen könne ein einzelnes Institut nicht aufbauen. Auch Tünnermann ist nicht nur Institutsleiter, sondern ebenso Uni-Professor mit 60 Mitarbeitern. 1996 war er mit 33 Jahren berufen worden, 2005 erhielt er den renommierten Leibniz-Preis. Eine Zusammenarbeit mit der Universität hält er für wichtig, weil manche Themen langfristiger bearbeitet werden müssen.

Vorlaufforschung auf wichtigen Feldern will auch die Fraunhofer-Gesellschaft mehr als bisher ermöglichen. Als Schwerpunkte hat sie Gesundheit, Umwelt, Sicherheit, Kommunikation, Energie und Mobilität benannt. Im Dezember gründete sie deshalb eine eigene Zukunftsstiftung mit einem Vermögen von fünf Millionen Euro und 95 Millionen Euro zum Ausgeben für Vorlaufforschung.

Gespeist wird die Stiftung übrigens aus Patenterlösen der wohl bekanntesten Fraunhofer-Erfindung: der MP3-Technik. Auf diese Entwicklung wird jeder angesprochen, der für Fraunhofer arbeitet - auch Dieter Rombach, wenn die Menschen im ICE den Fraunhofer-Schriftzug auf seinem Laptop entdecken. Neuerdings kennen viele eine zweite Neuheit, diesmal vom Fraunhofer-Institut in Freising: die fettfreie Wurst, eine Entwicklung für eine Lebensmittelkette.

Rombach arbeitet in Kaiserslautern unterdessen daran, Herz und Hirn der Pfalz miteinander zu verbinden. Die Begrüßung der Erstsemester fand erstmals im Stadion statt, und die Fraunhofer-Informatiker helfen beim Aufbau eines Spielerbeobachtungssystems.



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