Freuds Erben Runter von der Couch

Angehende Psychologen entdecken die Wirtschaft - und umgekehrt. Die Experten für Menschliches und Allzumenschliches rekrutieren neue Mitarbeiter, schlichten Bürogezänk, analysieren das Image von Marken. Dass sie in Unternehmen gute Chancen haben, merken Psychologiestudenten allerdings oft erst kurz vor dem Examen.

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Leeres Sofa: Die Nachfrage nach Psychologen in der Wirtschaft steigt
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Leeres Sofa: Die Nachfrage nach Psychologen in der Wirtschaft steigt

"Ich wollte Menschen helfen, in ihrer Tätigkeit erfolgreich zu werden und sich auch wohl zu fühlen", sagt Sylvia de Vries, 38, Diplom-Psychologin. Deshalb sei ihr schon während des Studiums klar gewesen, dass ihr die Welt der Wirtschaft näher stehe als klinische und therapeutische Arbeit. De Vries ist seit neun Jahren in der Personalentwicklung der Finanzdienstleistungsgruppe Signal Iduna angestellt. Sie berät Führungskräfte und sucht für die Mitarbeiter ihres Unternehmens die passende Weiterbildung aus.

Zu ihrem Studienfach hat die Personalmanagerin ein distanziertes, aber wohlwollendes Verhältnis: "Ich psychologisiere ungern. Allerdings hat mir die Psychologie einen Blick auf viele Dinge eröffnet, den ich sonst nicht hätte."

Was de Vries, die vor ihrem Studium eine kaufmännische Ausbildung machte, zielstrebig anging, entdecken andere Psychologinnen - drei Viertel der im Fach Eingeschriebenen sind Frauen - erst in der Examensphase: In der Wirtschaft lauern Berufschancen, die auf das Profil von Psychologen durchaus zugeschnitten sind.

Mediation und Marktanalysen

"Wenn Psychologen ihr Studium aufnehmen, denken sie vor allem an Freud und Jung, an Therapie und Analyse", sagt Mario Schmitz-Buhl, Vorsitzender der Sektion Wirtschaftspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). "Erst nach und nach entdecken sie, dass es noch andere Wirkungsfelder gibt."

Und die sind durchaus vielfältig: Psychologen prüfen in Assessment Center potenziellen Führungsnachwuchs, gewöhnen schwierigen Chefs im Einzelgespräch Kommunikations-Macken ab und schlichten Streit in der Mediation. Psychologen ermitteln, was den Kunden im Supermarkt dazu treibt, zu einem Waschmittel zu greifen und nicht zu dem daneben, Psychologen erheben, wie sich eine teure Werbekampagne auf das Image einer Marke auswirkt. 20 Prozent der jährlich rund 2.800 Psychologie-Absolventen entscheiden sich für eine Arbeit in der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie - kurz ABO-Psychologie -, Tendenz steigend.

"Psychologen haben das breiteste Wissen, um etwa eine Kaufentscheidung richtig zu prognostizieren oder Mitarbeiter zu freiwilliger Leistung anzuspornen", sagt Axel Mattenklott, Professor für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der Universität Mainz. Das merkten die Unternehmen und fragten zunehmend psychologisches Know-How nach.

Mögliche Arbeitsfelder sind Personalabteilungen in Unternehmen, Werbe- und PR-Agenturen, Markforschungsinstitute. Psychologen können es, wie T-Online-Chef Thomas Holtrop, an die Spitze großer Unternehmen bringen oder - zumindest zeitweise - Massen-Behörden führen, wie der ehemalige Leiter der Bundesagentur für Arbeit, Psychologe Florian Gerster.

Seelenklempner im Wartezimmer

Und die Experten für Menschliches und Allzumenschliches haben keine schlechten Karten: Je stärker Mitarbeiter von Unternehmen als entscheidendes wirtschaftliches Gut betrachtet werden, desto eher sind Arbeitgeber bereit, ausgebildetete Fachmänner und Fachfrauen mit dem wertvollen menschlichen Rohstoff hantieren zu lassen.

Junges akademisches Fach: Psychoanalytiker Sigmund Freud
DPA

Junges akademisches Fach: Psychoanalytiker Sigmund Freud

Akademisches und professionelles Know-How sei in Unternehmen zunehmend gefragt, um geeigneten Nachwuchs auszusuchen und anspruchsvolle Mitarbeiter bei Laune zu halten, sagt Sylvia de Vries. Im Coaching würden Methoden aus verschiedenen Therapierichtungen eingesetzt, beispielsweise die Verhaltenstherapie oder die Transaktionsanalyse.

Der Dienst am Profit wird für Psychologie-Studenten auch mangels Alternativen attraktiv. Wer die klassischen Arbeitsgebiete anstrebt, muss nach nach einem langen Studium - die durchschnittliche Studiendauer liegt laut Statistischem Bundesamt bei rund zwölfeinhalb Fachsemestern, ohne mögliche Wartesemester auf den ZVS-Platz - noch eine Zusatzausbildung zum Therapeuten draufsatteln. Laut Psychotherapeuten-Gesetz müssen Diplom-Psychologen drei Jahre in einem anerkannten Institut mitarbeiten, häufig für einen Praktikantenlohn, zusätzlich fallen Kosten für Kurse und die fällige Selbstanalyse an.

Wer am Ziel angelangt ist, stellt fest, dass eine eigene Praxis nicht automatisch gute Verdienstmöglichkeiten bietet: Psychotherapeuten leiden wie Mediziner unter den Einsparungen im Gesundheitswesen. Nur drei Therapieformen, die Psychoanalyse, die Psychotherapie und die Verhaltenstherapie, lassen sich über die Krankenkassen abrechnen. Bei anderen Behandlungsformen sind die Patienten entsprechend geizig.

Grafik: Lange Studienzeiten in Psychologie
DER SPIEGEL

Grafik: Lange Studienzeiten in Psychologie

Doch manche Seelenklempner in Ausbildung wissen gar nicht, was sie sonst noch alles können - zum Beispiel über den Erfolg eines Unternehmens mit entscheiden. "Mit einer rein betriebswirtschaftlichen Sichtweise kommt man oft nicht weiter", sagt Mario Schmitz-Buhl und führt als Beispiel gescheiterte Fusionen von Großunternehmen an. "Da spielt die menschliche Komponente eine große Rolle, etwa persönliche Rivalitäten oder unterschiedliche Unternehmenskulturen."

Schmitz-Buhl rät Psychologie-Studenten, sich während der von der Psychologie-Prüfungsordnung vorgeschriebenen Praktika in einem Unternehmen umzusehen. Dort erhielten sie häufig Einblicke in zentrale Vorgänge und könnten so erste berufspraktische Erfahrungen sammeln.

"Ich", "wir" oder "man"

Jennifer Meyer, 28, Diplom-Sozialwirtin mit Nebenfach Wirtschaftspsychologie, arbeitet bei einem Telekommunikationsunternehmen im Recruiting. Die im Psychologie-Studium erworbenen Kenntnisse könne sie nur beschränkt anwenden, sagt die Berufseinsteigerin.

"Allerdings fällt es mir leichter, die so genannten Soft Skills zu erkennen. Die Kollegen aus den einzelnen Unternehmensbereichen, die bei Einstellungsgesprächen dabei sind, achten häufig hauptsächlich auf die Fachkenntnisse."

So sei beispielsweise aussagekräftig, ob ein Bewerber im Gespräch nur im "Ich-Modus" von seinen Errungenschaften beim früheren Arbeitgeber erzähle oder auch mal "wir" sage und einen Teamerfolg herausstelle. Hellhörig werde sie auch, wenn jemand ständig "man" sage: "Da frage ich mich dann, wo sein eigenes Engagement, sein eigener Anteil an einer Sache gelegen hat."

Jennifer Meyer glaubt auch an die Aussagekraft psychologisch fundierter Recruiting-Methoden - mit Einschränkungen. Ellenlange Fragebögen zur Persönlichkeit hält sie für fragwürdig. Aber: "Leute, die man zwei Tage lang durch ein Assessment Center schleust und sie mit Szenarien konfrontiert, die ihnen auch in der Berufswelt begegnen, können sich nicht dauerhaft verstellen."

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