Führungszeugnis Jeder zweite Professor ist kein guter Chef

Manche machen auf Kumpel, andere auf General im Talar. Ihre Mitarbeiter schätzen beides nicht. Sie beurteilen mehr als die Hälfte der deutschen Professoren als mittelprächtige bis miserable Führungskräfte. Eine neue Studie ergab verheerende Kopfnoten: Ein ganzer Berufsstand wird abgewatscht.

Stillgestanden! Kommandiert werden wollen Uni-Mitarbeiter nicht - geführt schon
Corbis

Stillgestanden! Kommandiert werden wollen Uni-Mitarbeiter nicht - geführt schon

Von Frank van Bebber


Der deutsche Professor steht im Ansehen der Bevölkerung ziemlich weit oben. Auf der Beliebtheitsskala folgt er gleich nach Ärzten und Pfarrern. Wer aber einen Lehrstuhlinhaber zum Chef hat, kommt offenbar häufig zu einem weit weniger schmeichelhaften Urteil. Als Forscher der Universität Jena Anfang des Jahres 2008 rund 600 Untergebene und Betreute an knapp 100 Hochschulen in Deutschland befragten, sammelten sich auf den Schreibtischen der Forscher bald vernichtende Zeugnisse über das Führungshandeln im akademischen Betrieb.

"Total desinteressiert" und "schwer erreichbar" klang da noch eher mild im Vergleich zu Kommentaren wie "chaotisch", "selbstverliebt" und "wechselnde Launen". Ein Mitarbeiter erkannte "Attacken von Panik und Herrschsucht" beim Chef, ein anderer stellte fest: "Er versucht eine Rolle zu übernehmen, die er nicht erfüllen kann." Als Ausreißer konnten die vielen schlechten Kopfnoten am Ende nicht mehr durchgehen - obwohl es auch Professoren gibt, denen Herzlichkeit, Gesprächsbereitschaft und ausgeprägte Führungskompetenz attestiert wurde.

Das ganze Ausmaß der Führungsmisere wurde sichtbar, als die Psychologen Dr. Boris Schmidt und Astrid Richter alle Antworten gelesen und vor allem den standardisierten Teil des Fragebogens statistisch erfasst hatten: 52,4 Prozent der Professoren haben in den Augen ihrer Mitarbeiter einen mittelmäßigen bis miserablen Stil, mit Mitarbeitern umzugehen. Als nicht ideal, aber immerhin noch "recht gut" dürfen 23,1 Prozent ihre Führungsfertigkeiten einstufen. Nur rund ein Viertel der Professoren gilt in der Chefrolle als vorbildlich.

Gute Führung ist Chefsache, Laisser-faire ein tragischer Irrtum

Schmidt und Richter sind sich allerdings sicher, dass die meisten Chefs von solchen Meinungen ihrer Untergebenen nichts ahnen. "Es gibt fast kein Feedback", sagt Schmidt, der mittlerweile als Berater und Coach für Hochschulangehörige arbeitet. Richter, nun bei der HIS Hochschul-Informations-System GmbH beschäftigt, spricht von fehlender Sensibilität bei den Betroffenen. "Das Thema", so die beiden Autoren der Führungsstilstudie, "ist immer noch ein Tabu."

Die Folgen zeigt die Studie: Viele Professoren sitzen einem tragischen Irrtum auf. Sie vermeiden bewusst die Rolle des autoritären Generals im Talar und lassen Mitarbeitern sowie den von ihnen Betreuten größtmögliche Freiheit. Fast 17 Prozent der Professoren pflegen in den Augen ihrer Mitarbeiter solch einen Stil des Laisser-faire, bei dem die Chefs vor allem eines strikt vermeiden: als Chef aufzutreten.

Doch die Studie enttäuscht alle, die sich als Kumpeltyp inszenieren oder erst gar nicht stören wollen. "Es scheint eine Illusion zu sein, dass man der Freiheit der Wissenschaft am besten gerecht wird, wenn man einen Laisser-faire-Stil pflegt", sagt Schmidt. Mitarbeiter wollen nicht kommandiert werden, geführt werden aber wollen sie schon.

Dass Personalführung an der Hochschule eine Gratwanderung zwischen Diskussion und Dienstanweisung ist, wurde bislang vor allem mit Blick auf Rektoren und Präsidenten betont. "Die richtige Balance zwischen Partizipation und Management zu finden, ist oft nicht leicht", erklärt Dr. Sigrun Nickel vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh mit Blick auf die Hochschulchefs: Wer an der Spitze einer ganzen Hochschule steht, ahnt allerdings zumindest, dass er nun nicht mehr nur Wissenschaftler, sondern Führungskraft mit Verantwortung für Personal von der Hilfskraft bis zum Forscher ist.



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
mavoe 26.10.2009
1. Ja was?
Zitat von sysopManche machen auf Kumpel, andere auf General im Talar. Ihre Mitarbeiter schätzen beides nicht. Sie beurteilen über die Hälfte der deutschen Professoren als mittelprächtige bis miserable Führungskräfte. Eine neue Studie ergab verheerende Kopfnoten: Ein ganzer Berufsstand wird abgewatscht. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,656815,00.html
Ist jetzt alles schlechter geworden? Früher wars auch nicht besser. lol
plan- 26.10.2009
2. Na und
Es wäre sicher schön wenn Professoren gute Führungskräfte wären, man sollte aber nicht vergessen dass Professoren in ERSTER Linie forschen und lehren sollten!!! Alle anderen, sicherlich erstrebenswerten, Attribute wie Führungskraft oder die Fähigkeit Drittmittel zu beschaffen sollten eine untergeordnete Rolle spielen. Professoren sind keine Manager.
Herr S 26.10.2009
3. Nunja....
Generell finde ich es auch nicht so wichtig, ob nun der Professor eine gute Führungsperson ist oder nicht. Seine "Angestellten" arbeiten ohnehin zu einem großen Anteil in Eigenverantwortung. Schlimm finde ich es aber, wenn Professoren dazu neigen, ihre persönliche Meinung einem ganzen Lehrstuhl aufzudrücken. Ich habe zum Glück nur humane Professoren erlebt, die auch froh über Kritik an ihrer eigenen Haltung/Führung sind. Ein guter Freund von mir hat das Gegenteil erlebt und hat letztendlich deshalb auch seine Hiwi-Stelle wechseln müssen, weil er zusammen mit einem Kollegen versucht hat, auf offensichtliche Bevorzugungen von bestimmten Studenten in mündlichen Prüfungen aufmerksam zu machen.
blueyes1 26.10.2009
4. Was erwarten Sie? ..
Zitat von sysopManche machen auf Kumpel, andere auf General im Talar. Ihre Mitarbeiter schätzen beides nicht. Sie beurteilen über die Hälfte der deutschen Professoren als mittelprächtige bis miserable Führungskräfte. Eine neue Studie ergab verheerende Kopfnoten: Ein ganzer Berufsstand wird abgewatscht. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,656815,00.html
.. Professoren sind Spezialisten. Sie wissen - überspitzt gesagt - von Nichts alles. Im Gegensatz zu den Generalisten, die von allem Nichts wissen. Als Führungskraft muß man aber Generalist sein und kein Spezialist, um "sein" Spezailthema nicht überzubewerten. Ergo kann ein Professor von Haus aus keine Führungskraft sein. q.e.d.
Michael Giertz, 26.10.2009
5. Zweifel
Zitat von sysopManche machen auf Kumpel, andere auf General im Talar. Ihre Mitarbeiter schätzen beides nicht. Sie beurteilen über die Hälfte der deutschen Professoren als mittelprächtige bis miserable Führungskräfte. Eine neue Studie ergab verheerende Kopfnoten: Ein ganzer Berufsstand wird abgewatscht. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,656815,00.html
Konkret gefragt: ist es bei anderen Führungspersönlichkeiten wirklich so viel anders? Sollte die Feststellung dann nicht lieber lauten: "Jeder zweite Chef ist kein guter Chef" Die drei vorgestellten Führungsstile (Autoritär, Kooperativ Laissez Faire) jedenfalls sind nicht alles. Es kommt auch irgendwo drauf an, in welcher Branche man sucht. Und bei den Professoren bietet sich nur und NUR der kooperative Stil an, da sowohl zielorientiert (also gesteuert) als auch kreativ (wissenschaftlich/frei) gearbeitet werden muss. Lässt der Professor die Zügel zu locker passiert nicht viel, zieht er sie zu fest an, wird jede Kreativität, die auch in der Forschung wichtig ist, abgewürgt. Ein guter Chef weiß, welchen Stil er einsetzen muss. Im Zweifel ist es der kooperative Stil, den er versuchen sollte, und daraus entwickelt sich dann der tatsächliche Stil. Laissez Faire bietet sich ausschließlich bei rein kreativen Branchen an, bei denen nur wenige Kontroll- und Steuermöglichkeiten vorliegen. Und das sind überraschend wenige Branchen! Autoritär wiederum ist schlichtweg dort gefragt, wo Produktion gefahren werden soll und Eigeninitiative keinen Platz hat, also vorwiegend in der Industrie.
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