Ganz harte Schule Eine Dreijährige erziehen - mit drei Supernannys im Haus

Sie bekommen öfter ungebetene Ratschläge von Schwiegereltern oder Nachbarn zur Erziehung ihrer Kinder? Bleiben Sie gelassen - und stellen Sie sich den Alltag mit drei Supernannys vor.

So alt
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Eine Kolumne von


"Meinen Sie nicht, dass sich das Kind den Magen erkältet?!" Als mich eine ältere Dame so ansprach, war mein erstes Kind zwei Jahre alt, knabberte an einer Birne und wurde im Buggy durch den Berliner Frühling kutschiert. Temperatur: etwa 10 Grad Celsius.

Ich war bis dahin nicht auf die Idee gekommen, dass eine Birne ein besonderes Risiko für ein Kleinkind darstellen könnte, war aber durchaus daran gewöhnt, häufig von fremden Menschen gute Ratschläge zur Pflege und Erziehung meines Nachwuchses zu bekommen.

"Det Kind gehört in den Kinderwagen", wurde mir in bester Berliner Eindringlichkeit von einem Mann im Kaufhaus mitgeteilt, als ich das Baby in einer Bauchtrage hatte. Andere ermahnten mich, das Kind bloß nicht mit im Elternbett schlafen zu lassen. Wieder andere forderten dazu auf, genau das zu tun. Egal wo - selbsternannte Profis in Kindererziehung gaben mir immer wieder oft widersprüchliche Tipps.

Hier schreiben abwechselnd Silke Fokken, Armin Himmelrath und Birte Müller über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

So was macht Eltern irgendwann beratungsresistent. Taub auf dem Erziehungsohr. Vielleicht sind solche Ratschläge deshalb im Laufe der Jahre an mir abgeprallt. Oder ich bekam sie tatsächlich seltener zu hören, weil man mir nicht mehr - wie beim ersten Kind mit Anfang 20 - mangelnde geistige Reife unterstellte, sondern weil mir Leute eher pädagogische Kompetenz zutrauten.

Keine klugen Ratschläge mehr?

Jedenfalls hatte ich gedacht, nun, rund 20 Jahre später, mit dem vierten Kind, würde alles anders werden. Keine klugen Ratschläge mehr. Aber von wegen.

Bei der Erziehung der Dreijährigen stehe ich unter ständiger Beobachtung von drei Supernannys: 11, 19 und 22 Jahre alt. Es handelt sich um meine älteren Kinder. Irgendeins weiß es immer besser.

"Kann ich noch fernsehen?", fragt die Kleine nach dem Abendessen. "Nein", antworte ich und füge unmittelbar danach einen typischen Muttersatz an: "Du musst gleich mal ins Bett gehen." Die Dreijährige macht ein langes Gesicht, dann stimmt sie Protest an.

Die Elfjährige wirft mir missbilligende Blicke zu. "Falsches Timing." Ich gucke fragend. "Erst darf sie nicht fernsehen, das sorgt schon mal für Frust. Und dann kommt gleich noch die zweite schlechte Nachricht: Sie soll ins Bett. Das fühlt sich doch voll blöd an", erklärt mir die Kinderpsychologin unter Verweis auf eigene miese Erfahrungen.

Sie hat auch gleich einen Tipp, wie ich es besser machen könnte: "Erstmal sagst du ihr, 'Wir können jetzt noch zusammen ein Buch lesen'. Wenn ihr das dann gemacht habt, schneidest du mal das Thema Schlafen an."

Was soll ich sagen? Sie hat ja recht.

"Kindern die Lust am Essen vermitteln"

Mein nächster pädagogischer Fehltritt: vor dem Süßigkeitenschrank in der Küche. Ließ sich das erste Kind im Alter von drei Jahren noch bereitwillig mit zuckerfreien Dinkelkeksen abspeisen, konnte schon beim zweiten Kind keine Rede mehr davon sein. Und beide sind sich heute einig: "Du willst ja wohl nicht so eine unentspannte Vollkornmutter sein!"

"Man muss Kindern auch die Lust am Essen vermitteln", findet vor allem die große Schwester und sorgt dafür, dass unser Schrank regelmäßig mit Süßigkeiten befüllt wird.

Na gut, müssen wir ja nicht dogmatisch handhaben. "Aber nicht so viele", sage ich deshalb nur, als die Kleine ein paar Gummibärchen möchte. Die erste Ration ist verputzt, da fragt sie ganz lieb: "Kann ich bitte noch eins haben?" Sogar mit "bitte". Ich schmelze dahin. "Na gut", sage ich. "Ein letztes noch." Aber auch das ist schnell weg. "Eins noch?" Sie guckt so süß. "Ein allerletztes noch."

Kaum ausgesprochen, tönt es hinter mir: "Ist ja nicht sehr konsequent." Kopfschütteln von der Supernanny (die möglicherweise auch aus Egoismus fürchtet, die Menge in der Tüte könnte allzu schnell schrumpfen). Sie hat jedenfalls einen weiteren nicht ganz uneigennützigen Rat für mich: "Du musst dem Kind auch mal beibringen zu teilen."

Zwischen Tüllrock und Glitzerbarbie

Mit meiner pädagogischen Kompetenz ist es wohl doch nicht so weit her. Dass ich zum Beispiel von genderneutraler Erziehung keine Ahnung habe, ist mir klar, seit ich mich damals gesträubt habe, meine inzwischen große Tochter über Tage im rosa Prinzessinnenkleid in die Kita gehen zu lassen. Ich gebe zu: dass sie sich doch öfter durchsetzte, hat sich nicht nachteilig auf ihr weibliches Selbstverständnis ausgewirkt. Offenbar kommt es auf andere Dinge an.

Wenn meine Supernannys die Dreijährige nun mit Glitzerbarbie zum Geburtstag glücklich machen oder sie beim Klamottenkauf gezielt auf den pinken Tüllrock hinweisen (was für Jubelschreie sorgt), leiste ich deshalb kaum noch Widerstand. Sie haben mich in feministischer Hinsicht ohnehin längst abhängt.

Als ich im Kinderzimmer mit der Dreijährigen noch einmal die Geschenke bewundere, die "der Weihnachtsmann gebracht hat", wie ich behaupte, kommt prompt wieder Kritik: "Hast du ihn denn gesehen, Mama?", will die Elfjährige wissen. "Äh, nein." "Na eben, es kann also auch eine Weihnachtsfrau gewesen sein. Wir wollen ja nicht, dass meine Schwester denkt, Frauen könnten nicht alles machen, was Männer machen."

Natürlich nicht.

Zur Person
  • Silke Fokken, Jahrgang 1972, ist Journalistin und lebt mit Mann und vier Kindern (3,11,19 und 22 Jahre) in Hamburg. So sammelte sie einschlägige Erfahrungen an diversen Schulen: von der Einschulung bis zur Abifeier. Ihr Lebensmotto: Zuhören und Verständnis haben - aber nicht vor dem ersten Kaffee.


insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Phi-Kappa 13.01.2019
1.
Sehr lieb geschrieben! Tatsächlich ist ja so, dass man bei der Kindererziehung zwar Fehler, aber niemals etwas richtig machen kann. Eigentlich seltsam, dass bei der wichtigsten Sache der Welt absolute Laien das absolute Sagen haben. Für jeden sonstigen Furz braucht man Diplome, Meisterprüfungen, Abi-Zeugnisse oder zumindest den Lappen, ohne den fast jeder nicht existieren kann, ausgerechnet die Kindererziehung aber überlässt man sogar solchen Leuten, denen man das besser nicht überlassen sollte.
karatekid 13.01.2019
2. Schöne Kolumne.
Sehr lustig und sehr einleuchtend.
intercooler61 13.01.2019
3. Ganz große Klasse
Amüsante, authentische und aus Erfahrung sprechende Weisheit. Danke!
quengelliese 14.01.2019
4. Allerliebst...
... aber richtig unschlagbar ist das anscheinend natürliche Zwei-Fronten- Bündnis zwischen Großeltern und Enkeln gegen die armen Eltern in Sandwich-Position, da haste dann wirklich nix mehr zu lachen...
jujo 14.01.2019
5. ...
Zitat von quengelliese... aber richtig unschlagbar ist das anscheinend natürliche Zwei-Fronten- Bündnis zwischen Großeltern und Enkeln gegen die armen Eltern in Sandwich-Position, da haste dann wirklich nix mehr zu lachen...
Da gibt es kein Vertun. Ist ein Elternteil oder beide anwesend haben selbstredend die das sagen! Das "easy going" und das verwöhnen der Enkel findet statt und wird genossen wenn die Eltern abwesend sind. Das Verwöhnen wird ausdrücklich von den Eltern gebilligt, "dazu seid ihr da!"
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