Gehörlose im Job Karriere jenseits der Stille

Er ist Kampfsporttrainer, sie Rechtsanwältin: Benjamin Piwko und Judith Hartmann sind gehörlos. Sie leben in ihrer eigenen Welt mit ihrer eigenen Sprache - und sind dennoch erfolgreich in ihren Jobs. Einblicke in zwei ungewöhnliche Karrieren.

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Das große Kung-Fu-Gebärden-Quiz
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Im SPIEGEL-ONLINE-Videoquiz zeigt Piwko seine eindruckvollsten Gebärden. Wissen Sie, was sie bedeuten?

Der Mann im schwarzen Jogginganzug klatscht in die Hände, lächelt und macht eine energische Handbewegung. Sechs Frauen und sechs Männer betreten eine graugrüne Matte in der Raummitte und verbeugen sich, mit der linken Hand senkrecht vor dem Bauch, die typische Kung-Fu-Begrüßung. Benjamin Piwko spricht leise, kaum hörbar zur Gruppe: "Wer etwas nicht versteht, hebt die Hand." Zwölf Köpfe nicken. Niemand spricht ein Wort.

Draußen, im normalen Leben, ist es meist Benjamin Piwko, der nichts versteht - weil er fast nichts hören kann. Nur, wenn er ein Hörgerät trägt, nimmt er sehr laute Geräusche wahr. Sie dringen wie aus weiter Ferne in seine Welt, die aus Bildern und Gerüchen besteht. Aber in der hellen Kampfsporthalle in Hamburg-Altona versteht er alles. Kung Fu kommt ohne Worte aus. "Kung Fu ist für mich wie eine Unterhaltung", sagt er.

Ein A vibriert anders als ein O

Es war eine Erkältung mit besonders schwerem Verlauf, die ihm im Alter von acht Monaten das Gehör nahm. Als er zwei Jahre alt war, zog er mit seiner Mutter von Hamburg in die Schweiz und bekam Sprechunterricht. Um Vokale zu lernen, legte er eine Hand an den Kehlkopf des Lehrers und die andere auf den eigenen, denn ein A vibriert anders als etwa ein O. Piwko verglich so lange, bis die Aussprache stimmte.

Als Siebenjähriger kehrte er nach Hamburg zurück und konnte nun auf eine Schule für Schwerhörige gehen - der erste große Sieg in seinem Leben, denn oft haben Gehörlose Schwierigkeiten, verständlich zu sprechen. "Man muss sagen: Ich schaffe das", sagt Piwko und reißt die Arme energisch nach oben. "Wenn man Kung Fu kann, dann kann man auch sprechen."

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Gebärden: So kreativ kann Sprache sein

Mit fünf Jahren nahm er seine ersten Kampfsportkurse. Piwko wurde zu einem erfolgreichen Kung-Fu-Kämpfer und machte 2005 seine Schwarzgurtprüfung. Er entwickelte seinen eigenen Kampfkunststil: "Wun Boxing Thai Style", eine Mischung aus Boxen, Selbstverteidigung und Kung Fu.

Im Dezember 2008 machte er sich mit seiner eigenen Kampfsportschule selbständig. Mit seinen Händen deutet Piwko die Zweige eines Tannenbaums an: Das steht in der Gebärdensprache für Dezember.

Bei jedem Anruf blinkt eine kleine Lampe

Ebenfalls in Hamburg-Altona hat Judith Hartmann ihr Büro, Ordner und Gesetzbücher füllen das Regal hinter ihrem Schreibtisch. Sie ist Anwältin für Sozialrecht in der Kanzlei Menschen und Rechte.

Wenn ein Mandant bei Judith Hartmann anruft, blinkt eine kleine Lampe zwischen Bildschirm und Telefon, denn auch sie ist gehörlos. Meldet sich ein gehörloser Mandant, dann kommuniziert sie mit Gebärden über die am Bildschirm befestigte Webcam. Mit Mandanten, die hören können, spricht sie über einen Telefondolmetscher, der ihre Gebärden per Kamera sieht und simultan für den Gesprächspartner übersetzt. Judith Hartmann wiederum sieht auf ihrem Bildschirm den Dolmetscher. Die Kosten für den Dienst übernimmt das Integrationsamt, das die berufliche Einbindung schwerbehinderter Menschen sichern soll.

Judith Hartmann kann zwar auch von den Lippen des Gesprächspartners ablesen, aber für juristische Fachgespräche reicht das nicht. "Man kann nur 30 Prozent sicher ablesen", sagt sie. Dabei formt ihr Mund das Wort Prozent, denn Substantive werden in der Gebärdensprache lautlos mitgesprochen, ihre Hände wirbeln gleichzeitig durch die Luft.

"Vorlesungen wären Zeitverschwendung gewesen"

Judith Hartmann kennt keine andere gehörlose Rechtsanwältin in Deutschland - denn im Jurastudium gibt es viele Massenvorlesungen, aber kaum Gebärdendolmetscher oder andere Hilfen für Gehörlose. In Vorlesungen ging sie kaum, "das wäre Zeitverschwendung gewesen". Stattdessen las Hartmann den Stoff in Büchern nach. "Man braucht schon ein besonderes Maß an Durchsetzungsvermögen und Selbstdisziplin", sagt sie. "Hörende Studenten können sehr naiv ins Studium gehen und einfach mal gucken. Gehörlose können sich das nicht erlauben."

Früher ging Hartmann sogar gern in Discos. Sie konnte die Musik nicht hören - aber spüren. Besonders tiefe Töne vibrieren stark. "Bässe sind toll", lässt Hartmann ihre Dolmetscherin sagen. "Je mehr, je heftiger, umso besser." Besonders wenn der Fußboden aus Holz ist. "Der vibriert besonders gut", sagt Hartmann und küsst rechten Daumen und Zeigefinger. Klassische Musik hingegen sei für Gehörlose eher uninteressant.

Erfolgsgeschichten wie die von Judith Hartmann und Benjamin Piwko sind Ausnahmen. Nur wenige Gehörlose fangen überhaupt ein Studium an. 30 bis 50 sind es derzeit, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Hörbehinderter Studenten und Absolventen. Nur 30 bis 50 von etwa 80.000 gehörlosen Menschen, die in Deutschland leben.

Gehörlose Studenten kämpfen nicht nur mit dem Stoff, sondern genauso mit der Sprache. Sie ist ihnen fremd, hat nichts zu tun mit ihrer eigenen Sprache, mit ihrer Grammatik. In ihrer Sprache steht etwa das Verb erst am Schluss eines Satzes, Zeitangabe und Subjekt stehen am Anfang. "Deutsch ist für Gehörlose wie eine Fremdsprache", sagt Cornelia von Pappenheim vom Deutschen Gehörlosen-Bund. Auch deshalb schafft weniger als ein Prozent das Abitur.

"Die, die bleiben, meinen es ernst"

Benjamin Piwko ist auch ohne Abitur und Studium erfolgreich. Er hat früh gelernt, Widerstände zu überwinden. Früher, wenn er mit anderen Jungs Fußball spielen wollte, sagten sie wegen seines fremden Akzents: "Was willst du, du Scheißtürke." Doch Piwko war ein guter Stürmer, deshalb durfte er mitspielen. "Ich hatte immer eine große Willenskraft, ich hatte nie Angst", sagt er. Man glaubt ihm das.

Es gibt Momente in seinem Alltag, da reicht auch der Wille nicht mehr. Piwko kann nicht telefonieren, stattdessen schreibt er SMS. In Gesprächen wird er oft ausgeschlossen, unabsichtlich, weil er die Lippen der anderen nicht sehen kann.

Oft wird Piwko von Frauen angesprochen, aber fast genauso oft sind die Frauen irritiert, wenn sie merken, dass eine herkömmliche Unterhaltung nicht möglich ist. Manchmal nimmt er sein Hörgerät raus. Dann flirtet er mit Blicken und genießt die Illusion des Normalen, bis ein Small Talk sie zerstört. Die meisten Frauen gehen sofort, wenige bleiben. Für Benjamin Piwko hat das auch positive Seiten. "Die, die bleiben, sind die Menschen, die es wirklich ernst meinen."

Die Behinderung hat Piwko geprägt. Würde er hören, sagt er, dann wäre er heute ein anderer Mensch: "Ich wäre wahrscheinlich verkrampfter, hektischer und würde viel mehr ans Geschäft denken." Ohne Geräusche könne er sich viel besser konzentrieren. Auf sich, sein Gegenüber, die Körpersprache. Kein Geräusch lenkt ihn ab. Kein Straßenlärm, kein Handy-Klingeln, kein oberflächliches Gequatsche.

"Es ist, als würde er Gedanken lesen"

Piwko sieht mehr als Hörende. In 29 Jahren ohne Gehör ist er zu einem perfekten Beobachter geworden. Manchmal sieht er einfach nur dem Treiben auf der Straße zu - "das ist für mich wie Radiohören". Ihm entgeht nichts. Jeder Wimpernschlag, jede Bewegung, jedes Zucken im Gesicht des Gegenübers: "Wenn jemand schlechte Laune hat, dann sehe ich das", sagt er. "Ich brauche nicht zu fragen."

"Es ist, als würde er Gedanken lesen können", sagt eine seiner Kung-Fu-Schülerinnen. Manchmal erschrecke sie das richtig.

Am Ende der Trainingsstunde bringt Piwko seinen Schülern ein paar Kniffe bei, um sich selbst zu verteidigen. Er drückt einen bestimmten Punkt am Hals eines Schülers, der mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammensackt. Einer Schülerin greift er mit dem Zeigefinger unter die Nase, um zu zeigen, wie hilflos ein Angreifer durch den Schmerz werden kann.

Der Trainer ist ein Gehörloser, der Hörenden die Kunst des Überlebens beibringt. Manchmal, sagt Piwko, fühle er sich, als würde er zwischen zwei Welten leben. Der Welt der Gehörlosen und der Welt der Hörenden. Keiner fühlt er sich richtig zugehörig. Nur beim Kung Fu, da spielt es keine Rolle, ob jemand hört oder nicht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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dandy 30.06.2010
1. Es sollte mal darüber
Zitat von sysopEr ist Kampfsporttrainer, sie Rechtsanwältin: Benjamin Piwko und Judith Hartmann sind gehörlos. Sie leben in ihrer eigenen Welt mit ihrer eigenen Sprache - und sind dennoch erfolgreich in ihren Jobs. Einblicke in zwei ungewöhnliche Karrieren. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,701625,00.html
geredet werden wieviel Behinderte top ausgebildet sind, sich redlich bemühen und trotzdem keine Arbeit bekommen. Die Abschiebestationen geschützte Werkstätten sind doch keine Lösung ! Das ist ein Leben in bitterer Armunt und ohne Hoffnung.
jimi hendrix 30.06.2010
2. hä?
"Karriere jenseits der Stille" ? Also mitten im Lärm ? Ich dachte es geht um Gehörlose...
Greg_the_hack 01.07.2010
3. Die Problematik kann ich sehr gut nachvollziehen
da ich selber auch hörgeschädigt bin. Ich höre auf dem linken Ohr nichts mehr und auf dem rechten Ohr ca. 50%. Ich habe studiert und sogar promoviert, allerdings war das deutlich härter und mühsamer als für einen Normalhörenden. Da ich aber gleichzeitig auch nicht die Gebärdensprache kann, fühle ich mich der Welt der Gehörlosen nicht wirklich zugehörig. Von den Normalhörenden wird man allerdings auch nicht akzeptiert. Ich denke, das es viele gibt, denen es so geht. Sie sind gefangen in der Zwischenwelt von Normalhörenden und Gehörlosen. Ein letzter Punkt: Auch wenn das Integrationsamt Hilfen anbieten kann, so überlegt es sich jeder Arbeitgeber, ob er sich die Mühe mit einem Behinderten wirklich machen will. Da ist es bequemer eine "Strafzahlung" für Nicht-Beschäftigung von Behinderten zu leisten. Das ist besonders traurig, da ich viele Hörbehinderte kenne, die voller Elan und Engagement zeigen wollen, was sie können. Und man gibt ihnen diese Chance nicht....
chaos-kaetzchen 01.07.2010
4. ...
Was ich in dem Bereich schade finde, ist, dass es sehr schwierig ist, die Gebärdensprache überhaupt zu lernen. Würde es gerne, aber hier in der Gegend gibt es absolut überhaupt nichts in der Richtung und nebenbei ist es ja eine Kostenfrage... Das nervt ab und an - dass manche sich beschweren, ausgeschlossen zu werden, aber dabei übersehen, dass es manchmal für die "Normalos" gar keine andere Möglichkeit gibt. Dennoch, ich finde es toll, unter solchen Bedingungen das durchzuziehen. Habe Behinderungen anderer Art, von daher weiß ich, wie schwierig es sein kann..
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