Gehaltsunterschiede der Geschlechter Warum Frauen weniger verdienen

Frauen verdienen 22 Prozent weniger als Männer - in wenigen europäischen Ländern ist das Einkommensgefälle größer als in Deutschland. Einige Ursachen sind schnell erklärt. Sind die Frauen am Ende selbst am Rückstand schuld?

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Die Ungerechtigkeit hatten sie zufällig während der Mittagspause entdeckt. Sie hatten beide kurz nacheinander in der Werbeagentur als Berater angefangen, in gleicher Position, in ähnlichem Alter, mit ähnlicher Erfahrung. Der Unterschied: ihr Geschlecht. "Es stellte sich in dem Gespräch heraus, dass sie viel weniger verdient als ich", sagt der Werbeberater dem Frauennetzwerk "Business and Professional Women" (BPW). Öffentlich bekennen wollen sich wenige Frauen zu ihrer Benachteiligung. Doch die Schilderung sei typisch für das, was in vielen Unternehmen passiert, sagt BPW-Präsidentin Henrike von Platen.

Die amtlichen Zahlen bestätigen: In Deutschland wird so drastisch wie in wenigen anderen Ländern Europas bei der Bezahlung nach Geschlecht unterschieden. Um 22 Prozent bleiben die durchschnittlichen Stundenlöhne von Frauen hinter denen der Männer zurück, wie das Statistische Bundesamt kürzlich erst meldete. Daran hat sich in den vergangenen 20 Jahren kaum etwas geändert.

Die genauen Ursachen haben Experten des Statistischen Bundesamtes mit Zahlen aus dem Jahr 2010 ermittelt (neuere gibt es noch nicht). Vor allem zwei Punkte sind für einen großen Teil der Einkommensunterschiede ausschlaggebend:

  • Frauen arbeiten häufiger in Berufen und Branchen, in denen die Löhne niedrig sind. So sind 85 Prozent aller Reinigungskräfte Frauen, außerdem arbeiten Frauen häufiger in Dienstleistungsberufen. Männer sind häufiger in besser bezahlten Industrieberufen zu finden.
  • Frauen besetzen seltener Führungspositionen. 13 Prozent der Männer haben eine leitende Funktion, aber nur 7 Prozent der Frauen.

Vergleicht man nur Männer und Frauen in ähnlichen Berufen und Branchen und in ähnlichen Positionen, näheren sich die Verdienste an, aber nicht ganz.

In welchem Maß genau, zeigt diese interaktive Grafik - Klicken Sie auf die Faktoren "Stellung", "Branche", "Stundenzahl" und sehen sie, um wie viel diese Faktoren den Frauen-Stundenlohn dem der Männern näher bringen:


Vor allem, wenn das erste Kind kommt, geht die Verdienstschere auseinander: Er macht Karriere, verdient mit den Jahren immer besser. Sie setzt aus, vielleicht sogar länger, steigt nur in Teilzeit wieder ein, wird vielleicht bei der nächsten Beförderungsrunde übergangen oder sucht sich nur noch einen Mini-Job. Der deutsche Staat begünstigt diese traditionellen Rollen auch noch: zum Beispiel durch das Ehegattensplitting im Steuerrecht, von dem Paare umso mehr profitieren, je stärker die Einkommen der Partner auseinanderliegen.

Doch auch wenn man all diese Faktoren berücksichtigt: Es bleibt eine Lücke, die die Statistiker mit ihren Daten nicht sinnvoll auflösen können. Auf sieben Prozent taxiert das Statistische Bundesamt sie. "Diese sieben Prozent legen den Verdacht nahe, dass es Lohndiskriminierung gibt", sagt Reinhard Bispinck vom WSI-Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Da werden Frauen schlicht schlechter bezahlt, weil sie Frauen sind."

Wie das aussieht, zeigen die Beispiele, die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gesammelt hat. 110-mal wandten sich Ratsuchende in dieser Frage an die Stelle.

  • Eine Geschäftsführerin etwa berichtete, dass sie weniger Bonus als ihr männlicher Kollege bekomme - obwohl sie die bessere Leistungsbeurteilung hat.
  • Auch eine Pastorin eines evangelischen Wohlfahrtsverbandes und eine Mitarbeiterin eines Arbeitgeberverbandes aus der Baubranche beschwerten sich bei der Stelle.
  • Eine Schlosserin klagte, dass sie nur 11,50 Euro in der Stunde verdiene, die männlichen Kollegen aber 19 Euro. Der Chef leugne die Diskriminierung noch nicht einmal: Sie sei nun mal eine Frau, das erkläre doch alles.

Kaum eine Frau klagt gegen die Benachteiligung

Was die Schlosserin berichtet, ist verboten. Doch dass eine Mitarbeiterin wie jüngst etwa beim Schuhhersteller Birkenstock ein gleiches Gehalt einklagt, kommt nur vereinzelt vor.

"Oft verhindert die Angst um den Job, dass man den Missstand vor Gericht bringt", sagt Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle. Vor Gericht müssen Frauen außerdem belegen können, dass ihre Tätigkeit wirklich gleichwertig ist. "Dieser Nachweis ist sehr schwer zu erbringen", sagt Lüders.

Bisher ist es vielen Unternehmen selbst nicht bewusst, dass sie gleichwertige Arbeit unterschiedlich entlohnen. Die "Messe Berlin" etwa überprüft derzeit in einem Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle alle Gehälter. Im Prinzip ist es der Testlauf für das, was Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) im großen Stil plant: Betriebe sollen offenlegen, wie sie vergleichbare Mitarbeiter bezahlen.

Derzeit vergibt die Berliner Messe für jede der über hundert Funktionen im Unternehmen Punkte nach einem festen Schema: Welche Qualifikation erfordert die Stelle? Wie stressig ist die Arbeit? Am Ende sollen gleichwertige Posten miteinander verglichen werden. Für drei Gruppen hat die Messe das Verfahren schon durchgespielt. In einer habe sich dabei gezeigt, "dass es durchaus Möglichkeiten einer gerechteren Vergütung von Männern und Frauen geben würde", sagt Personalchefin Julia Borggräfe vorsichtig. Konkreter will sie nicht werden. Zu heikel ist das Thema. Wie soll das Unternehmen den Missstand beheben? Den Frauen mehr bezahlen? Einigen Männern weniger?

Erklärbar, aber auch gerecht?

Bei der Debatte über die Gehaltslücke gebe es "zwei Fraktionen", sagt Reinhard Bispinck von der Hans-Böckler-Stiftung. "Die eine Fraktion sagt: Uns muss nur der Teil des Unterschieds Sorgen machen, der nicht auf Faktoren wie die Berufswahl oder Teilzeit zurückzuführen ist."

Solche Faktoren wollen Akteure wie das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) nicht angehen. Somit wären nicht die ganzen 22 Prozent, die zwischen den Löhnen von Männern und Frauen liegen, das Problem - sondern nur die sieben Prozent, die sich nicht sinnvoll erklären lassen. Das IW rechnete diese Lücke sogar auf zwei Prozent herunter.

Bispinck findet diese Perspektive problematisch. "Sie unterstellt, dass Frauen an ihrem schlechten Einkommen selbst schuld sind, zum Beispiel weil sie aus Dummheit die falschen, weil niedrig bezahlten Berufe wählen oder sich bei Gehaltsverhandlungen über den Tisch ziehen lassen", sagt er.

Henrike von Platen vom Frauennetzwerk BPW sieht es ähnlich: "Nur weil man die Lohnunterschiede erklären kann, sind sie noch lange nicht gerecht."

Gehaltsreport 2015

Und so geht's:

  • Die Umfrage richtet sich an Berufstätige aller Branchen, Fachrichtungen und Positionen. Sie beantworten rund 40 Fragen zu Ihrer Gehaltsentwicklung, eventuellen Kürzungen und Perspektiven. Außerdem bitten wir Sie zu statistischen Zwecken um einige Angaben zur Person.
  • Alle Angaben sind streng vertraulich und werden nicht an Dritte weitergegeben. Persönliche Daten (Name, E-Mail-Adresse) werden SSL-verschlüsselt und streng getrennt von den Antworten auf die Gehälterfragen erfasst. Auch die Redaktion des manager magazins und die Mitarbeiter von XING können keine Verbindung herstellen.
  • Nach Abschluss der Aktion senden wir Ihnen auf Wunsch eine individuelle Auswertung als PDF zu, der Sie Ihre persönliche Position im Gehaltsgefüge entnehmen können und die Ihnen als Benchmark innerhalb Ihrer Branche oder Ihres Aufgabenfeldes dienen kann. Diese E-Mail wird automatisiert erstellt, Ihre Daten bleiben vertraulich. Auch die Mitarbeiter von manager magazin und XING haben keine Einsicht in diese E-Mails.

Unter den Teilnehmern werden fünf XING-Premiummitgliedschaften für ein Jahr sowie 10 Jahresabos des manager magazins verlost.

Der Gehaltsreport ist eine Aktion von manager magazin und XING.

Vielen Dank für Ihr Interesse!

Die Befragung für den Gehaltsreport 2015 ist beendet.
Die Ergebnisse finden Sie in der Ausgabe 6/2015 des manager magazins.

Melden Sie sich bei Fragen per E-Mail an: gehaltsreport@manager-magazin.de
Antworten auf häufige Fragen finden Sie auch in den FAQ.

Auf KarriereSPIEGEL, dem gemeinsamen Portal von SPIEGEL ONLINE und manager magazin, finden Sie zahlreiche Artikel, die sich dem Thema Gehalt aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Darunter Interviews mit Experten, Tipps für Gehaltsverhandlungen oder wissenschaftliche Analysen zur Psychologie des Geldes.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
teilzeitmutti 25.03.2015
1. Ja toll
Und wie sehen nun die Vorschläge der vermeintlich benachteiligten Damen aus wie man die Situation behebt. Dazu habe ich hier bisher nichts lesen können.
BettyB. 25.03.2015
2. Das Problem...
Ungleicher Lohn für gleiche Arbeit ist das Problem. Der Ausweg: Offenlegung von Gehaltsspreizung in den Unternehmen. Meines Wissens hat Siemens diese schon vor dreißig Jahren schön veröffentlich. Und heute wehren sich hauptsächlich die dagegen, die andauernd von "Leistung muss sich lohnen" schwätzen. Die Bezahlung auf Grund eigene Leistung können Mitarbeiter aber nur im - wenn auch allgemeinem - Vergleich beurteilen. Alle Vergleiche von ungleichen Tätigkeiten dienen nur dazu, die Diskriminierung von Frauen, aber auch Männern zu verschleiern.
regentrude 25.03.2015
3. Ingenieure pflegen Ingenieure!
Prima, Frauen haben also die falschen Berufe -- sie machen sauber, kümmern sich um Kinder und Kranke und pflegen die Alten. So'n überflüssiger Quatsch! Sie müssten alle Ingenieurinnen und Programmiererinnen sein, dann hätten sie viel Geld, das Klo bleibt dreckig, wer krank wird, krepiert, und kein Kind lernt in der Grundschule mehr lesen -- was kein Problem ist, denn es gibt kein Kind mehr, weil keine Frau mehr eins bekommt. Nach 1 Generation ist also der Spaß aus und alle sind tot. Der letzte Programmierer, der, von keiner Krankenschwester betreut und von keiner Altenpflegerin gewindelt, sein verdrecktes Leben aushaucht, wird seufzen: "Hätten wir sie vielleicht einfach besser bezahlen sollen?" Aber es wird zu spät sein.
ClausWunderlich 25.03.2015
4.
Ich meine "JA"! Sicher gibt es Ausnahmen so wie es auch Männer gibt den weniger verdienen als sie sollten. Ich meine das hat etwas mit der Emanzipation zu tuen. Denn diese ist noch lange nicht zu Ende. Ich erlebe aber auch das Frau sich da am ändern (entwickeln) ist. Was ich noch oft bei Frau vermisse ist das sie nicht "Kämpfen" sich also durchsetzen wie eben bei der höhe des Gehalts. Das hat auch nichts mit Frau oder Mann zu tuen das ist einfach so wenn man etwas aushandelt wie das Gehalt. Das muss ich als Mann auch bei Frauen tuen die Personalchef sind! Und es gibt auch viele Frauen der Chef sind und Frauen für weniger beschäftigen!
georg4711 25.03.2015
5. 7 % statt 22 %
Es wäre schon viel gewonnen, wenn man in der öffentlichen Diskussion die unerklärlichen 7 % nenne würde und nicht immer die 22 %, die sich nun einmal unter anderem daraus ergeben, dass Frau öfter in Teilzeit arbeiten als Männer. Viele Frauen in meinem Umfeld arbeiten Teilzeit und wollen das auch. Die Lösung kann ja nicht sein, Teil- und Vollzeit gleich zu bezahlen. Es wird auch nicht möglich sein, Erzieherinnen und Ingenieure gleich zu bezahlen, zumal der Erzieher wohl auch nicht mehr verdient als die Erzieherin. Mit der Nennung der 22 % schadet man dem Anliegen mehr als man ihm nützt, da dann immer zwangläufig eine Diskussion beginnt, warum dieser Wert im Endeffekt nichts über Lohndiskriminierung aussagt.
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