Generation Praktikum "Man darf sich nicht unter Wert verkaufen"

Die "Generation Praktikum" ist nur ein Mythos, heißt es in einer neuen Studie. Von wegen, kontert Expertin Bettina König: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview kritisiert sie die alltägliche Ausbeutung, spricht über den perfekten Lebenslauf - und das Abzockerpraktikum des Monats.


SPIEGEL ONLINE: Praktikanten stehen im Weg, kennen die Abläufe in der Firma nicht, müssen eingearbeitet und betreut werden - sind Praktikanten wirklich immer eine Hilfe?

Bettina König, 28, hat den Verein Fairwork mitgegründet. Die Diplomkauffrau fordert Standards für Praktika

Bettina König, 28, hat den Verein Fairwork mitgegründet. Die Diplomkauffrau fordert Standards für Praktika

König: Das kommt drauf an. In einem herkömmlichen Praktikum, bei dem man mitläuft und lernt, sicher nicht. Aber Praktika nach dem Studium sehen meist anders aus. Nach einer kurzen Einarbeitungszeit arbeiten die Leute mit, als seien sie eine ganz normale Arbeitskraft. Gegen diese Scheinpraktika wehren wir uns.

SPIEGEL ONLINE: Das Etikett "Generation Praktikum" sei zwar medienwirksam, aber stark übertrieben, folgern die Forscher des Hochschul-Informations-Systems (HIS) aus einer Befragung von über 10.000 Absolventen (siehe Kasten unten)...

König: Der Begriff der Generation Praktikum wurde nicht von uns geprägt. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass es die Probleme gibt. Dass es eine relevante Zahl von Betroffenen gibt, lässt sich wohl nicht leugnen und wird auch nicht durch die HIS-Studie widerlegt

SPIEGEL ONLINE: Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt spricht gar von einem "Horrorszenario" und von "Panikmache". Was halten Sie von seiner Aussage, es gehe lediglich um wenige "negative Einzelfälle"?

König: Gar nichts. Der Verein Fairwork wurde von uns gegründet, weil wir selbst von dem Problem betroffen waren. Seit drei Jahren bekommen wir kontinuierlich etwa 20 Mails pro Woche, in denen uns Leute um Rat fragen und berichten, wie sie als billige Arbeitskraft ausgenommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nicht verpflichtet zu sagen, dass Kettenpraktika ein Massenphänomen sind - schließlich würde es ihren Verein sonst gar nicht geben?

König: Wir beobachten das Problem seit drei Jahren - und nicht erst seit dem letzten Sommer, wie die Verfasser der HIS-Untersuchung. Die Zahlen, die dabei herausgekommen sind, lassen sich übrigens auch ganz anders interpretieren: Ich finde es erschreckend, dass 34 Prozent der Befragten gar keine und 29 Prozent nur eine schlechte Vergütung bekommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Fairwork auf die Studie reagiert?

König: Ich habe Herrn Minks, einen der beiden Verfasser, gebeten, mir den Fragebogen zuzuschicken. Das hat er bis heute nicht getan. Ich würde gerne wissen, was die 12.000 Absolventen genau gefragt wurden. Vielleicht Dinge wie "fühlen sie sich sehr, mittel oder ein bisschen ausgebeutet" - und die Leute, die "ein bisschen" angekreuzt haben, werden nachher zu der Gruppe gezählt, die ihren Zustand für völlig in Ordnung hält?

SPIEGEL ONLINE: Laut HIS bewerteten zwei Drittel der befragten Absolventen ihre Praktika als "hilfreich für die berufliche Zukunft".

König: Ich halte Praktika im Studium auch für absolut hilfreich. Man findet heraus, wo man hin will, knüpft Kontakte. Aber für Hochschulabsolventen gilt etwas anderes. Sogar die HIS-Studie sagt, dass ein Praktikum nach dem Studium kein guter Weg ist, um einen Job zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie grundsätzlich gegen Praktika nach dem Examen?

König: Ja. Man darf sich nicht unter Wert verkaufen. Viele machen das trotzdem, weil ihnen sonst die Arbeitslosigkeit droht.

SPIEGEL ONLINE: …und weil es gut in ihren Lebenslauf passt.

König: Klar, es gehören immer zwei dazu: die einen, die ausbeuten und die anderen, die das zulassen. Aber die größere Schuld liegt bei den Unternehmen. Sie nutzen die Verzweiflung der Leute aus. Darum raten wir den Absolventen zu verhandeln. Wenn man Sätze sagt wie "Von 400 Euro im Monat kann ich leider nicht leben", haben viele Personalchefs ein Einsehen.

SPIEGEL ONLINE: Sollte es eine gesetzlich geregelte Vergütung geben?

König: Ja, auf jeden Fall. Außerdem müsste im Gesetz definiert werden, was ein Praktikum genau ist und was für Aufgaben der Praktikant hat. Es sollte festgesetzt werden, dass er einen Vertrag bekommt, betreut wird und am Ende ein Zeugnis erhält. Außerdem sollte es eine Begrenzung der Praktikumsdauer geben: drei Monate. Ausnahmen davon sollte es nur geben, wenn die Prüfungsordnung der Uni etwas anderes sagt. Die Zeit nach dem Abschluss sollte nicht Praktikum genannt werden, sondern Trainee-Programm oder Volontariat. Man muss einen Unterschied machen, weil die Eigenleistung einfach größer ist.

"Generation Praktikum"
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Na klar, sagen Praktikanten, die lautstark über Ausbeutung klagen. Ja, sagt auch der DGB: 56 Prozent der Hochschulabsolventen gehören dazu. Die entsprechende Studie stützt sich aber auf Angaben von lediglich 89 Teilnehmern. Karl-Heinz Minks vom Hochschul-Informations-System (HIS) dagegen sagt: "Das ist wohl eher das Gefühl einer Generation."
Praktikanten, die sich von einem un- oder unterbezahlten Arbeitsverhältnis zum nächsten hangeln. Absolventen, die qualifizierte Arbeit leisten, aber monatelang für lau arbeiten. Eine Online-Petition an den Bundestag, unbezahlte Langzeitpraktika zu verbieten, unterschrieben etwa 50.000 Menschen.
An einer HIS-Umfrage nahmen 10.000 Hochschulabsolventen des Jahres 2005 aus verschiedenen Fachrichtungen teil. Ihre Antworten fallen weit positiver aus, als es das Getöse um die "Generation Praktikum" vermuten lässt. Demnach arbeitet jeder siebte Uni- und jeder achte FH-Absolvent nach dem Studium als Praktikant. HIS-Experte Kolja Briedis sagt: In technischen Berufen oder den Naturwissenschaften seien Praktika nach Studienende eine Ausnahme, in den Sozialwissenschaften komme es häufiger zu Kettenpraktika.
Laut HIS ist die Praktikumsdauer in den "meisten Fällen auf einen überschaubaren Zeitraum beschränkt": Die Hälfte der Praktikanten absolviert nach dem Studium Praktika von maximal drei Monaten, ein Drittel von maximal sechs Monaten, nur wenige noch mehr. Die Mehrheit zeigte sich zufrieden mit Inhalten und Nutzen des Praktikums. Geld bekamen 66 Prozent der Uni-Absolventen und 83 Prozent der FH-Absolventen (wie viel genau, wurde nicht erfasst). Das HIS-Fazit: Kettenpraktika oder Praktikumskarrieren seien eine Randerscheinung, kein Massenphänomen. In der Zeit danach gelinge vielen der Sprung in die Erwerbstätigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Geld sollte eine Firma zahlen?

König: Den fertig ausgebildeten Leuten mindestens 1200 Euro brutto im Monat. Damit orientieren wir uns am europäischen Mindestlohn.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Praktika haben Sie selbst gemacht?

König: Während des Studiums vier, danach drei. Als Studentin fand ich es toll, weil ich mir so das Arbeitsleben besser vorstellen konnte. Aber die Praktika nach dem Studium habe ich eher aus Verzweiflung gemacht. Ich habe über 120 Bewerbungen geschrieben, aber keinen Job gefunden. Praktikumsplätze gab es dagegen immer. Angenommen habe ich sie, weil ich die Zeit überbrücken wollte. Ich habe mich selbst sehr unter Druck gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie meinen, das geht vielen so?

König: Ja. Wir versuchen, den Leuten die Panik zu nehmen, indem wir ihnen sagen, dass es normal ist, nicht sofort eine Stelle zu finden. Wenn es ein Jahr dauert, sind sie keine Versager.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Homepage von Fairwork wird das "Abzockerpraktikum des Monats" vorgestellt. Wie prüfen Sie, ob Unternehmen die Praktikanten wirklich schlecht behandeln?

König: Das komplett zu überprüfen, ist schwer. Wir checken, ob das Unternehmen die Praktikums-Ausschreibung tatsächlich aufgegeben hat und was da drin steht. Man kann schnell sehen, ob es sich um ein Scheinpraktikum handelt. Zum Beispiel, wenn man Sätze liest wie: "Wir suchen jemanden, der ein Jahr lang selbstständig unsere Presseabteilung betreut."

Das Interview führte Katrin Schmiedekampf

Forum - Job-Odyssee - Was bringen Praktika wirklich?
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Seite 1
Lewi, 15.11.2005
1. Gute Bedingungen fordern oder gehn!
Die Bedingungen meiner ersten Praktika direkt nach der Schule waren zunächst eher deprimierend. Wenig bis gar kein Geld wurde mir für einige Praktika in der Medienbranche geboten, oftmals waren meine monatlichen Fahrtkosten höher als der Lohn. Vor allem wenn man eine recht magere Auswahl an Praktikumsangeboten hat, neigt man dazu, das zu nehmen was man kriegen kann, in der Hoffnung, wenigstens seinen Lebenslauf etwas aufzupolieren. In einer solchen Lage wird man leider in der Tat oft ausgenutzt. Man "praktiziert" schließlich nicht einfach, man arbeitet unter vollem Einsatz mit. Das liegt sicher auch daran, dass man von heutigen Praktikanten aufgrund gestiegener Computerkenntnisse etc. einfach auch viel mehr fordern kann, als einfach Handgriffe zu machen und viel zuzusehen. Oft wollen die Unternehmer auch keinen Praktikanten, den sie erst noch anlernen müssen und haben von vorherein ganz spezielle Anforderungen an einen Praktikanten. Als "einfacher" Schulabgänger hat man kaum eine Chance, irgendwo angelernt zu werden; entweder man bringt die erfoderlichen Kenntnisse mit, oder es wird eben nichts draus. Daraus ergibt sich einfach, dass man klare Bedingungen (und immer einen offiziellen Vertrag!!!) verlangen sollte. Zeitraum, Aufgaben und Gehalt müssen festgelegt sein. Wenn einem die genannten Bedingungen zusagen, sollte das Praktikum gut verlaufen, ansonsten kann man dem Unternehmer den Vertrag unter die Nase halten. Wenn die Verhältnisse vor Ort denn dennoch nicht zu ertragen sind, muss man auch klar einen Schlussstrich ziehen.
ThomasGerhardt, 15.11.2005
2.
Praktika haben sich extrem gewandelt in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren, gerade im Medienbereich. Vielfach sind heute Praktikanten extrem gut ausgebildet und verrichten den Job eines ansonsten fest angestellten Redakteurs. Da habe ich selbst Ausbeutung auf allerhöchstem Niveau in den vergangenen vier bis fünf Jahren erlebt. Zumeist aber wird darüber gerade in den Medien nicht gesprochen, da der Journalist an sich zwar eine große Klappe gegenüber anderen Industrien hat, in seinem eigenen beruflichen Umwelt sich durch Feigheit und Selbstsucht auszeichnet. Schön, dass der Spiegel wenigstens mal immer wieder drauf aufmerksam macht. Es ist schon lange so, dass sich Praktika nur für die auszahlen (wenn überhaupt), wenn der Praktikant durch sein Elternhaus extrem gefördert wird, anders sind solche Praktika erst gar nicht zu stemmen, zumal diese sehr oft in Großstädten oder sogar europäischen Metropolen angesiedelt sind und erst einmal eine Menge verfügbares Geld von nöten ist. So haben sich die Praktika schon in einigen Punkten beinahe zur modernen Sklaverei gewandelt.
holala, 16.11.2005
3.
Für die Schüler ist ein solches Praktikum eine hervorragende Möglichkeiten einen Blick auf die Arbeitswelt zu werfen und einen Vorgeschmack zu bekommen.. Andererseits lernt man auch - egal in welchem Beruf- was es heißt, täglich mehrere Stunden am Stück zu arbeiten. Diese Erfahrung finde ich für jeden Schüler wichtig, denn in der Schule kriegt man vom alltäglichen Streß nur wenig mit, auch wenn die meisten Schüler da anderer Meinung sind...
Lewi, 16.11.2005
4. Einheitlicher Status
Es muss für Praktikanten einfach einen einheitlichen Status geben, an dem auch kein Unternehmen mehr nach Lust und Laune herumdoktern kann. Ein Praktikant sollte sich einreihen in den vorberuflichen Zustand, genau wie Schüler, Azubi oder Student. Vor allem deshalb, weil Praktika heute nicht mehr nur Beschäftigungen von einigen Wochen sind, oft praktiziert man Monate, gar ein oder zwei Jahre. Und das noch nicht mal aus Spaß an der Sache, sondern aus purer Notwendigkeit. Wie der Spiegel so schön schreibt, sind Praktika heute kein Plus mehr, sondern ein Muss. Da werden unerfahrene Berufsanfänger damit konfrontiert, ihre Arbeitszeit und ihr Gehalt selber zu verhandeln und durchzusetzen. Wer bringt schon leichtfertig so viel Selbstbewusstsein auf, dass er bei seinem ersten Gespräch mit einem Personalchef ein paar Hunderter mehr verlangt, auch wenn es ihm zustünde? Praktika sind heute mehr wert, als das Geld, das man dafür bekommt. Soll man sich also damit zufrieden geben, dass man zumindest seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen konnte? Dankbar dafür sein, dass man endlich arbeiten darf? @ThomasGerhardt: Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. Niemand möchte sich eingestehen, dass er jahrelang den Illusionen über die eigene Berufswahl auf den Leim gegangen ist. Es gibt sie noch, die guten und die besten Adressen, aber vielerorts fehlt einfach die Fairness. Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann?
ThomasGerhardt, 16.11.2005
5.
---Zitat von Lewi--- Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. ... Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann? ---Zitatende--- Nun kann man trefflich darüber debattieren, ob ein Studium an unseren heutigen Hochschulen, mit teilweise unqualifizierten Professoren, überhaupt für ein Überleben auf dem Arbeitsmarkt sorgen kann, aber im Bereich Medien läßt sich festhalten, dass schon Anfang der 90er Jahre (als ich mein Volontariat machte) diese ursprünglich als Ausbildungszeit erschaffene Phase sich mehr und mehr zu einem Pool von Billigst-Redakteuren entwickelte, die vorher schon die anderen Stationen durchlaufen hatten (abgeschlossenes Studium zumeist, mehrjährige Mitarbeit...) Das Volontariat wurde dazu genutzt, diesen ohnehin schon hoch qualifizierten Bewerben einzureden, dass das Volo ihnen die Tür zum Redakteur öffnete. Vier von fünf der Volontäre wurden aber jeweils turnusmäßig durch Frischfleisch ersetzt. Nun kann man sogar noch einen Level tiefer ansetzen, beim Praktikanten. Aus rein betriebswirtschaftlichem Blickwinkel macht das sogar Sinn. Und, wie mein Ex-Geschäftsführer aus der Zeit beim Future Verlag mal offen in die Runde uns aller Chefredakteure gesagt hat, bevor er das gesamte Unternehmen gegen die Wand fuhr: "Schreiben? Schreiben ist doch Scheiße. Ich schreibe jeden Tag. Briefe. Emails. Das kann doch nun wirklich jeder." Meine damalige, zu meiner allerersten schriftlichen Abmahnung (bin ich auch heute, fünf Jahre später stolz drauf, jawoll) Antwort war: "Ja, schreiben kann jeder. Aber für das, was Du in deinen Briefen schreibst, können wir schlecht von den Leuten draußen Geld verlangen." In diesem Sinne :)
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