Verdacht gegen Entwicklungsminister Müller Angriffsziel Doktortitel

CSU-Mitglied, Minister, Doktortitel: Das scheint für einen Verdacht zu reichen. Jetzt muss sich Gerd Müller mit Vorwürfen auseinandersetzen, er habe in seiner Dissertation unsauber gearbeitet. Die Uni Regensburg prüft, Experten sehen die Anwürfe kritisch.

Von und

Bundesentwicklungsminister Müller (CSU): Promotion über die Junge Union in Bayern
DPA

Bundesentwicklungsminister Müller (CSU): Promotion über die Junge Union in Bayern


Berlin/München - Der Vorsitzende der Jungen Union in Bayern schreibt eine Doktorarbeit über die Junge Union in Bayern. Das wirkt erst mal merkwürdig, ist aber bei Nachwuchspolitikern nicht so ungewöhnlich. Meist kommt dabei keine umwerfende wissenschaftliche Erkenntnis heraus, die die Forschung voranbringt, aber ein neuer Doktortitelträger.

Gerd Müller von der CSU, seit wenigen Monaten Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat vor mehr als einem Vierteljahrhundert eine solche Arbeit über die JU und ihren "Beitrag zur politischen Jugend- und Erwachsenenbildung" geschrieben. Jetzt wird sie von einem Ombudsmann der Uni Regensburg erneut geprüft, denn es gibt den Vorwurf, Müller habe zumindest unsauber zitiert.

CSU, Minister, Doktortitel - da gehen schnell die Alarmglocken an. Vorwürfe zu Dissertationen sind ein heikles Thema für die Christsozialen, spätestens seit dem Sturz ihres damaligen Polit-Stars Karl-Theodor zu Guttenberg. Seitdem sind immer wieder Politiker über ihre abgeschriebenen oder zumindest unsauberen Doktorarbeiten gestolpert.

Doch wie sieht es jetzt bei Müller aus? Die bislang bekannten Vorwürfe sind relativ banal und wiegen nicht besonders schwer. Müller soll auf drei Seiten seiner Arbeit Textteile übernommen haben, ohne sie in Anführungszeichen als Zitat kenntlich gemacht zu haben. Die Quelle hat er allerdings angegeben. Die Arbeit umfasst mit Anhängen fast 400 Seiten.

Die Vorwürfe seien "nicht nachvollziehbar", sagt eine Sprecherin

Natürlich kann noch niemand sagen, ob es mehr verdächtige Stellen gibt oder ob die Arbeit plagiatsfrei ist. Doch der einmal geäußerte Verdacht genügt, um einiges in Gang zu setzen: Redaktionen und Plagiatsjäger werden versuchen, an ein Exemplar heranzukommen, um selbst bei Müller nachzulesen.

Eine Sprecherin des Entwicklungshilfeministeriums sagte lediglich, Müller begrüße es, dass der Ombudsmann in Regensburg die Vorwürfe prüft. Dies werde für Klarheit sorgen. Die erhobenen Vorwürfe aber seien "nicht nachvollziehbar".

Der Fall zeigt, wie sich die Maßstäbe verschoben haben. Erhoben hat die Vorwürfe ein kommerzieller Plagiatsjäger, der dazu eine Pressemitteilung verschickte und auf eine von ihm betriebene Plattform aufmerksam machte. Journalisten haben dann die Uni kontaktiert, die daraufhin mitteilte, der Ombudsmann werde prüfen. So kam die Meldung zustande, und der Vorwurf war in der Welt. Dokumentiert ist aber eben nur eine, wenn auch längere, verdächtige Textstelle. Der Plagiatsjäger sagt aber, es gebe noch mehr "handwerkliche Fehler".

Andere Plagiatsjäger halten das für unseriös. Auf der Plattform Vroniplag Wiki, wo die meisten Aktivisten anonym arbeiten, gilt ein Richtwert von 20 Prozent der Seiten einer Doktorarbeit, die verdächtig sein müssen. Erst dann wird ein Verdacht mit vollem Namen des Autors veröffentlicht. Im Chat dort wird der bislang bekannte Vorwurf gegen Müller als "haltlos" bezeichnet.

Warum die CSU genervt sein dürfte

Auch Stefan Weber, der mit Plagiatsgutachten Geld verdient, sieht das Vorgehen gegen Müller kritisch: "Solche Aktionen schaden dem eigentlichen Anliegen enorm", schreibt er in seinem Blog. Er meint den Kampf gegen Plagiate.

Dennoch dürfte die Diskussion die CSU nerven. Zuletzt war Generalsekretär Andreas Scheuer unter Druck geraten, als im Januar ein kritischer Bericht über Ungereimtheiten mit seinem akademischen Titel erschienen war. Scheuer, der in Prag lediglich einen sogenannten kleinen Doktorgrad erworben hatte, erklärte daraufhin, "vom Führen des Titels künftig völlig abzusehen". Sein Start im neuen Amt als Generalsekretär war damit verpatzt.

Auch der langjährige Miesbacher Landrat Jakob Kreidl war unter anderem wegen seiner Doktorarbeit in die Schlagzeilen geraten. Die Münchner Bundeswehr-Universität hatte dem CSU-Politiker Ende 2013 den Doktorgrad mit der Begründung entzogen, dass dessen Arbeit "keine eigenständige wissenschaftliche Leistung" darstelle. Kreidl stolperte später über eine großzügige Geburtstagssause, die er sich von der örtlichen Sparkasse sponsern ließ.

Die CSU-Parteizentrale wollte die Vorwürfe gegen Müller am Mittwoch nicht kommentieren. Auch wurden keine Angaben darüber gemacht, ob sich Müller wegen der Vorwürfe mit Parteichef Horst Seehofer in Verbindung gesetzt hat. Die beiden kennen sich gut: Müller war parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, als Seehofer dort an der Spitze stand.

Beide müssen nun hoffen, dass sich in Müllers Arbeit nicht noch mehr verdächtige Stellen finden.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nonsens 09.04.2014
1. Die Herrschaften sind selber Schuld.
Hätten sie bei ihrer Dissertation sauber gearbeitet gäbe es keine Diskussion. An die eigene Nase packen. Wenn hier einmal einer zu unrecht in die Mühle gerät, ist das halt pP. Aber mit Sippenhaft kennt die CSU sich ja aus. Wer betrügt der fliegt oder wie war das?
snigger 09.04.2014
2. ja, bitte weiter nerven
es gibt regeln fürs erteilen von doktortitel ... also muss kontrolliert werden, ob die regeln eingehalten werden. passiert ja auch bei steuern ... und welchen bürger nerven die (jährlichen) steuererklärungen nicht? oder schwarzgeld/terrorismus: man(n) nervte (überprüfte) Gurlit wegen 9.000€ ... auf steuerhinterziehung ... was auf kriminalität ... schwarze konten ... terrorismusfinanzierung und was einem sonst noch so einfallen mag (als verschwörungstheorethiker) ... banale vorwürfe? na und? wenn wir in deutschland einer kassiererin wegen einem 1,50€ pfandbon kündigen dürfen, dürfen wir auch wegen EINER kritischen stelle in einer Doktorarbeit einem menschen das leben versauen ...
RioTokio 09.04.2014
3.
Zitat von sysopDPACSU-Mitglied, Minister, Doktortitel: Das scheint für einen Verdacht zu reichen. Jetzt muss sich Gerd Müller mit Vorwürfen auseinandersetzen, er habe in seiner Dissertation unsauber gearbeitet. Die Uni Regensburg prüft, Experten sehen die Anwürfe kritisch. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/gerd-mueller-doktortitel-plagiat-sjaeger-kritisieren-verdacht-a-963426.html
Frau Wagenknecht von den Linken hat auch gerade eine bahnbrechende Dr.-Arbeit fabriziert. Bei einem Parteimitglied. So gewinnt das Wort der Frau Dr. doch richtig Gewicht und es beweist Ihre Kompetenz. Kernerkenntnis ihrer Arbeit war: ".., dass das Vorhandensein eines hinreichenden Einkommens die Voraussetzung für jede Sparbemühung in Privathaushalten darstelle." Wow. Wahrlich ein Quantensprung in der Wissenschaft...
gazettenberg 09.04.2014
4.
Zitat von sniggeres gibt regeln fürs erteilen von doktortitel ... also muss kontrolliert werden, ob die regeln eingehalten werden. passiert ja auch bei steuern ... und welchen bürger nerven die (jährlichen) steuererklärungen nicht? oder schwarzgeld/terrorismus: man(n) nervte (überprüfte) Gurlit wegen 9.000€ ... auf steuerhinterziehung ... was auf kriminalität ... schwarze konten ... terrorismusfinanzierung und was einem sonst noch so einfallen mag (als verschwörungstheorethiker) ... banale vorwürfe? na und? wenn wir in deutschland einer kassiererin wegen einem 1,50€ pfandbon kündigen dürfen, dürfen wir auch wegen EINER kritischen stelle in einer Doktorarbeit einem menschen das leben versauen ...
Man darf nicht. Die Kündigung wurde höchstrichterlich aufgehoben. Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich.
alaunemad 09.04.2014
5.
Zitat von sysopDPACSU-Mitglied, Minister, Doktortitel: Das scheint für einen Verdacht zu reichen. Jetzt muss sich Gerd Müller mit Vorwürfen auseinandersetzen, er habe in seiner Dissertation unsauber gearbeitet. Die Uni Regensburg prüft, Experten sehen die Anwürfe kritisch. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/gerd-mueller-doktortitel-plagiat-sjaeger-kritisieren-verdacht-a-963426.html
Was sind denn Anwürfe? Ist das eine Mischung aus Anschuldigungen und Vorwürfen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.