Karrieren in der Wissenschaft "Die Trägheit der Veränderung"

Seit Jahren fordert Giovanni Galizia planbare Karrieren in der Wissenschaft. Im Interview mit dem Hochschulmagazin "duz" spricht der Leiter des Konstanzer Zukunftskolleg über befristete Arbeit an der Uni, versteckte Sparpläne und Perspektiven für junge Forscher.

Professor Giovanni Galizia: "Der Wandel wird kommen"
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Professor Giovanni Galizia: "Der Wandel wird kommen"


Frage: Herr Galizia, vor über zehn Jahren haben Sie als Sprecher der Arbeitsgruppe Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie größere Planungssicherheit für Wissenschaftlerkarrieren gefordert. Heute könnten Sie diese Forderung eigentlich wiederholen.

Galizia: Das kann man so pauschal nicht sagen. In Deutschland gibt es ja dieses fast schon klassische Missverständnis, dass der Tenure Track mit einem Automatismus für den eigenen Lehrstuhl gleichgesetzt wird. Diesen Automatismus haben wir nie gefordert, sondern klare Perspektiven und eine frühe Selbstständigkeit für junge Forscherinnen und Forscher. Natürlich muss es in einem kompetitiven System wie der Wissenschaft auch die Möglichkeit geben, Menschen wieder zu entlassen - aber die Frage, ob jemand Professor wird oder nicht, muss berechenbar und die Kriterien müssen transparent sein.

Frage : Im duz-Interview vom Sommer 2002 klang das so: "Wir bekommen eine Stelle, wenn wir gut sind und zusätzlich Glück haben. Das bedeutet im Umkehrschluss für den Hochschulstandort Deutschland, dass gute Leute aufgrund von Zufällen verloren gehen."

Galizia: Das war tatsächlich eines der größten Probleme. Zum Glück kehren seit zehn Jahren wieder mehr deutsche Forscher aus dem Ausland zurück - eine gute Entwicklung. Allerdings fehlen die grundlegenden strukturellen Voraussetzungen, um diesen Trend abzusichern.

Frage : Welche wären das?

Galizia: Die Möglichkeiten für Nachwuchsforscher haben sich generell verbessert, weil es viele Wege zur Professur gibt: Assistentenstellen, unabhängige Nachwuchsgruppen, gut und weniger gut ausgestattete Stellen. Wir nutzen das in Deutschland, um zu experimentieren: Wie müssen die Forschungsbedingungen sein, unter denen wir ein Höchstmaß an intellektueller Produktivität erreichen können? Und das, wohlgemerkt, in einem System mit festen, um nicht zu sagen: starren Stellenplänen. Der Tenure Track wäre hier ein Ansatz. Ich bin sehr gespannt, welche Erfahrungen die TU München mit ihrem Modell machen wird.

Frage : Sie sind heute Leiter des Konstanzer Zukunftskollegs. Können Sie die Personalpolitik umsetzen, die Sie forderten?

Galizia: Grundsätzlich haben wir in Konstanz durch die Exzellenzinitiative Freiheitsgrade, die andere Hochschulen nicht haben. Das macht es auch etwas leichter, gute Arbeitsbedingungen für den Nachwuchs zu gestalten. Insbesondere können wir im Zukunftskolleg attraktive Stellen bieten: frühe Selbstständigkeit, ohne dass die Leute alleingelassen werden, interdisziplinärer Austausch, starke Unterstützung. Andererseits befreit uns das aber auch nicht von den strukturellen Bremsen wie etwa dem Stellenplan, sodass wir in der Lage sind, die Besten auch in Konstanz zu behalten. Das Problem ist einfach die Trägheit der Veränderung. Der Mentalitätswandel braucht Zeit, und letztlich muss er auch mit zusätzlichen Geldern unterfüttert werden.

Frage : Sie fordern mehr Geld?

Galizia: Grundsätzlich besteht die Gefahr eines versteckten Sparprogramms: Wenn freiwerdende Lehrstühle nur noch an Juniorprofessoren mit Tenure Track gehen, könnte das den Lehrstuhlmarkt mit seinem Wechsel der Professoren zwischen den Unis kaputtmachen. Dann bleiben die Kollegen auf dem Posten, den sie einmal erreicht haben - und das System erstarrt. Hier müssten also zusätzliche Stellen eingerichtet werden.

Frage : Sie halten Ihr damaliges Ziel größerer Freiheit also für weitgehend erreicht - bei den Perspektiven für junge Forscher hapert es aber noch?

Galizia: Da brauchen wir wahrscheinlich noch einmal zehn Jahre. Aber der Wandel wird kommen, und Tenure Track wird das Karrieremodell der Zukunft sein. Nur wie er kommen wird, weiß ich nicht - ob durch Unis, die als Pilothochschulen wirken und vorangehen oder durch eine breite Bewegung der jungen Forscherinnen und Forscher. Im Endeffekt ist das aber egal: In zehn Jahren müssen wir die Perspektivfrage für den wissenschaftlichen Nachwuchs geklärt haben.

Die Fragen stellte Armin Himmelrath

Erschienen in: duz Magazin 04/13 vom 22. März 2013

Zum Artikel: Bericht zum Forschernachwuchs: Hey Prof, ich brauch mehr Geld



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