Gläserner Professor Zeigt her eure Konten

Wenn Forscher als Experten Akademien oder Politiker beraten, verschweigen sie oft, welche Honorare sie neben dem Uni-Job noch kassieren. Das Hochschulmagazin "duz" stellt einen Medizinprofessor vor, der all seine Extra-Einnahmen zeigt - und schonungslose Offenheit auch von den Kollegen verlangt.

David Klemperer

Ein kostenloses Abendessen, 250 Euro Sitzungsgeld oder ein "Stern"-Abo: Prof. Dr. David Klemperer macht kein Geheimnis daraus, was er nebenbei verdient. Eine Liste auf seiner privaten Webseite (im "Interessenregister") verrät jedem, wie hoch sich der Medizin-Professor von der Hochschule Regensburg wissenschaftliche Beiträge in Fachzeitschriften, Vorträge oder Workshops über die Gesundheitsversorgung vergüten lässt. Jeder kann sehen, wer Klemperers Auftraggeber sind.

Von seinen Kollegen verlangt der Wissenschaftler genausoviel Offenheit und prescht mit einem pikanten Vorschlag vor: Er fordert öffentlich zugängliche Register im Gesundheitswesen, in denen Personen und Organisationen über ihre (Neben-)Einnahmen Auskunft geben. "Wissenschaftler und Mediziner, die forschen oder beraten, sollten alle Sachverhalte, die einen Interessenkonflikt ausmachen, veröffentlichen", fordert der Hochschullehrer.

Doch viele lassen sich ungern in die Karten schauen. Wer verrät schon freiwillig, dass er sich zum Beispiel von der Industrie finanzieren lässt? "Es gilt als unschicklich in Deutschland, den Experten allzu offen aufs Bankkonto zu schauen", sagt Prof. Dr. Ortwin Renn, Sozialwissenschaftler an der Uni Stuttgart. Und trotzdem: Die Forderung nach Transparenz stößt bei denen, die hierzulande in der Wissenschaft was zu sagen haben, auf Zuspruch.

Es gibt keine seriöse Beratung ohne Offenheit

"Wenn wir Arbeitsgruppen bilden, sind die Mitglieder verpflichtet, ihre Interessenskollisionen zu benennen", sagt der Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Prof. Dr. Jörg Hacker. "Wirtschaftliche und organisatorische Zusammenhänge müssen vorher offengelegt werden."

Bei der Expertenauswahl hält sich die Leopoldina an die Leitlinien für die wissenschaftliche Politikberatung, die die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) herausgegeben hat. Auch die Akademie für Technikwissenschaften (Acatech) fühlt sich dem Geiste der Richtlinien verpflichtet, die Unabhängigkeit, Transparenz und Selbstbestimmung der Beratungstätigkeiten hervorheben, und fragt vor Projektbeginn nach Interessenskonflikten.

In den USA sind Sachverständige verpflichtet, klar offenzulegen, für wen sie arbeiten oder gearbeitet haben - zumindest, wenn sie für die Öffentlichkeit wichtige Expertisen erstellen. "Das regelt das Verwaltungsverfahrensgesetz", erläutert Ortwin Renn. Auch für Deutschland hält er eine solche gesetzliche Grundlage - oder zumindest ein freiwilliges Abkommen - für wünschenswert.

"Jedweder Spekulation wird Grund und Boden entzogen"

Ersteres wird hierzulande aber kaum Chancen haben, glaubt Prof. Dr. Max-Emanuel Geis, Rechtswissenschaftler an der Uni Erlangen-Nürnberg: "Eine gesetzliche Grundlage wäre mit großer Wahrscheinlichkeit unverhältnismäßig. Bei einem demokratisch legitimierten Organ wie einem Gemeinderat könnte man die Offenlegung wohl verlangen." Sachverständige seien jedoch keine Organträger. Und ohnehin würden sie ja auch keine eigenen Entscheidungen übernehmen, sondern nur Empfehlungen aussprechen.

So muss sich in der Praxis zeigen, ob zumindest die freiwillige Offenheit eine erfolgreiche Strategie ist. Wie wichtig Transparenz für eine Arbeitsgruppe sein kann, verdeutlicht Ortwin Renn, der selbst im Präsidium der BBAW sitzt und an der Ausarbeitung von deren Leitlinien mitgewirkt hat. "Wenn die Sachverständigen in einem Gremium wissen, mit wem sie es zu tun haben und welche Erfahrungen der oder diejenige mitbringt, herrscht Offenheit, und jedweder Spekulation wird Grund und Boden entzogen", sagt Renn. Die drei Akademien sprechen sich für eine unabhängige Beratung aus.

Doch wie kann eine unabhängige Beratung stattfinden, wenn die Experten Aufträge für Wirtschaftskonzerne übernehmen oder für Organisationen wie Greenpeace arbeiten? "Die Kenntnisse können die Diskussion in einer Arbeitsgruppe befruchten", erklärt Leopoldina-Chef Hacker die Vorteile der beruflichen Verflechtungen der Sachverständigen.

Die Einblicke und Erfahrungen müssten auch nicht zwingend zur Ablehnung eines Experten führen. Wissenschaftlichen Pluralismus nennt es Max-Emanuel Geis, wenn mehrere Fachkundige in einem Gremium zusammentreffen. "Dieser Pluralismus ist gut", erklärt er. Er schaffe eine größere Möglichkeit, dass ein Ergebnis objektiv ausfällt.

Von Mandy Kunstmann, Hochschulmagazin "duz"



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spiegel-hai 03.01.2011
1. .
Zitat von sysopWenn Forscher als Experten Akademien oder Politiker beraten, verschweigen sie oft verschämt, welche Honorare sie neben dem Uni-Job noch kassieren. Ein Regensburger Medizinprofessor zeigt all seine Extra-Einnahmen - und verlangt schonungslose Offenheit auch von den Kollegen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,736217,00.html
Dabei käme vermutlich Ernüchterndes zutage. Nämlich, daß nur Professoren bestimmter weniger Fachrichtungen und auch von denen nur die "bekanntesten" dadurch einen nennenswerten Mehrverdienst erzielen.
Schwede2 03.01.2011
2. Hut ab vor seiner Offenheit, ...
Zitat von sysopWenn Forscher als Experten Akademien oder Politiker beraten, verschweigen sie oft verschämt, welche Honorare sie neben dem Uni-Job noch kassieren. Ein Regensburger Medizinprofessor zeigt all seine Extra-Einnahmen - und verlangt schonungslose Offenheit auch von den Kollegen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,736217,00.html
...aber es ist vollkommen unangebracht, diese Offenheit von allen Kollegen zu fordern. Entweder alle Einkünfte in diesem Land von jedermann werden offen gelegt, oder keine. Mit "alle" meine ich auch diejenigen, die zwar unter ausländischem Steuerrecht aber unter deutschem Melderecht stehen.
mitbestimmender wähler 03.01.2011
3. Wir wollen ja keine Professoren Auswanderung noch dazu
Nun auch an den Unis muss man sich dem Globalen Markt anpassen sonst sprechen wir bald auch von Professoren Auswanderung.
sprechweise, 03.01.2011
4. Glaubwürdig
Zitat von sysopWenn Forscher als Experten Akademien oder Politiker beraten, verschweigen sie oft verschämt, welche Honorare sie neben dem Uni-Job noch kassieren. Ein Regensburger Medizinprofessor zeigt all seine Extra-Einnahmen - und verlangt schonungslose Offenheit auch von den Kollegen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,736217,00.html
Ich finde schon, dass die Ausgaben ALLER ÖFFENTLICHEN Gelder ÖFFENTLICH DOKUMENTIERT sein muss. Wobei ich die Aufstellung des Profs nicht glaubwürdig finde. Laut Aufstellung erbringt er etwa 80 Tage Arbeit im Jahr ohne nennenswertes Einkommen.
manni-two 03.01.2011
5. zuerst sollten mal Politiker
ihre Neben- ,besser gesagt, Haupt-Einkünfte offenlegen da sie direkt an Entscheidungen über die Bürger beteiligt sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.