Vorwurf der Scheinselbstständigkeit Deutschlehrer protestieren an Goethe-Instituten

Sie wollen ihre Jobs zurück - und rechtskonforme Arbeitsverträge: In Bremen, Düsseldorf und Frankfurt protestieren Sprachlehrer des Goethe-Instituts. Sie sind seit Jahren prekär beschäftigt.

Seminar des Goethe-Instituts (Archivbild)
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Seminar des Goethe-Instituts (Archivbild)


"Heinrich, mir graut vor dir!", steht auf dem Flyer in Frakturschrift. Daneben das Bild einer Barockfrau, die verzweifelt die Arme zum Himmel streckt. Es ist eine Anspielung auf Goethes "Faust" - und ein Aufruf zum Protest. Mitarbeiter der Goethe-Institute in Düsseldorf, Frankfurt am Main und Bremen wollen mit Pfeifen, Plakaten und Flyern an diesem Mittwoch auf die prekären Arbeitsbedingungen der Honorarkräfte aufmerksam machen.

"Der Tragödie erster Teil wurde ohne uns geschrieben - beim zweiten Teil wollen wir dafür umso kräftiger mitmischen", heißt es auf dem Flugblatt der Düsseldorfer. Die Frankfurter werden noch deutlicher: "Man kann nicht nach außen das Modell Bundesrepublik verkörpern und im Innern Sozialdumping betreiben."

Rund 400 Sprachlehrer arbeiten deutschlandweit mit Honorarverträgen für das Goethe-Institut, teilweise seit Jahren Vollzeit, mit zig begrenzten Verträgen hintereinander. Das ist nun der Rentenversicherung aufgefallen. Sie prüft, ob das Institut im großen Stil freie Mitarbeiter als Scheinselbständige beschäftigt hat. Und bis diese Frage geklärt ist, stellt das Goethe-Institut keine neuen Verträge mehr aus. Zwei Drittel der Sprachlehrer stehen damit vor dem Aus. Sie haben kein Einkommen mehr - und in der Regel auch kein Anrecht auf Arbeitslosengeld.

Die Protestaktionen seien von den Mitarbeitern selbst organisiert worden, heißt es von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Zu Unterrichtsausfällen solle es nicht kommen - zumindest nicht wegen der Proteste.

Rund ein Drittel der Kurse und Prüfungen des Goethe-Instituts seien gestrichen, weil das Personal fehle, sagt Gabriele Stiller-Kern, Sprecherin des Goethe-Instituts. Die Zahl der freien Mitarbeiter schwanke zwischen 200 und 400, je nach Saison. Von Oktober bis Mai sei die Nachfrage nach Deutschkursen eher gering. Im Sommer würden zusätzliche Lehrer angeheuert, von denen aber einige nur einzelne Kurse unterrichteten, etwa Deutsch für Mediziner.

"Um flexibel auf wechselnde Anmeldezahlen reagieren zu können, wäre ein Honorarlehrkräfte-Anteil von 20 bis 40 Prozent völlig ausreichend", sagt Andreas Gehrke, für Tarifpolitik verantwortliches Vorstandsmitglied der GEW. "Bisher werden bis zu 80 Prozent der Kurse von Honorarlehrkräften durchgeführt. Und die Rechnung Honorarlehrkräfte gleich Sparmodell ist nicht akzeptabel."

Das Goethe-Institut ist ein Verein, dessen Mitglieder Vertreter von Bundes- und Landesregierungen und dem Bundestag sind. Staatliche Zuschüsse bekommen jedoch nur die Institute im Ausland; die zwölf Goethe-Institute im Inland finanzieren sich über den Verkauf von Sprachkursen.

Die Gewerkschaft trifft sich am 9. März mit dem Vorstand des Goethe-Instituts, um zu beraten, wie es nun weitergeht. Das hänge aber vor allem von der Rentenversicherung ab, so Goethe-Sprecherin Stiller-Kern.

Für die betroffenen Mitarbeiter liegt die Lösung auf der Hand: Sie fordern "eine sofortige Wiedereinstellung mit rechtskonformen Verträgen".

vet



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insgesamt 35 Beiträge
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mobes 15.02.2017
1. Gemein- und eigennützig ...
Jeden privaten Kleinunternehmer würden man dafür hängen. Aber als gemeinnütziger Verein, insbesondere wenn er überwiegend aus dem Bundeshaushalt finanziert wird, hat es das Goethe-Institut nötig, zu tricksen.
and_one 15.02.2017
2. Wann wird der Spiegel endlich über den riesigen Skandal berichten, dass davon weit mehr als die Lehrer des Goethe Instituts betroffen sind?
Dieses Problem betrifft fast alle Bildungsträger, die für Arbeitsagentur, BAMF und JobCenter tätig sind. Da, wo es sich durch die Aufweichung der Gesetze durch die a-Sozialdemokrtische Partei Deutschlands nicht um Scheinselbständigkeit, sondern um legal abhängig beschäftigte Freiberufler handelt, werden diese mit Wissen von Frau Nahles, Herrn Weise und allen Bundestagsfraktionen seit Jahren fortgesetzt um den ihnen zustehenden bezahlten Jahresurlaunb nach Bundesurlaubsgesetz betrogen!
DonCarlos 15.02.2017
3. Liebe Lehrer, wie wäre es mit Streik?
Guckt mal in alten Zeitungen nach, wie das geht. Ihr könnt ja lesen. Hört also auf zu jammern, wenn Ihr Euch ausbeuten lasst.
jmore 15.02.2017
4. Lieber keinen Job?
Ist es wirklich besser, keinen Job zu haben als einen Vertrag als freier Mitarbeiter oder einen Zeitvertrag? So schön das mit der Absicherung ist: Man muss es sich leisten können als Träger. Nun könnte man sagen, dass öffentliche Träger es sich ohne Probleme leisten können. Aber die werden ja auch von irgendjemandem finanziert.
kuchengespenst 15.02.2017
5. Jahresurlaub
Welcher Freiberufler hat denn bitte einen bezahlten Jahresurlaub? Einerseits gehören immer zwei dazu, wenn es um Ausbeutung geht. Andererseits weiß ich aus eigener Erfahrung, daß die Sache mit den Freiberuflern beim Goethe-Institut Methode hat.Und das ist nicht weniger als ein handfester Skandal.
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