Guttenbergs Zweitgutachter "Ich habe zu sehr vertraut"

Wie konnte die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg mit der Bestnote bewertet werden? Die Gutachter der Dissertation sind in Erklärungsnot. Der Zweitprüfer Rudolf Streinz verteidigt sich nun im Interview: Er sei zu gutgläubig gewesen, Mauschelei streitet er aber ab.

Umstrittene Doktorarbeit: "Guttenberg konnte die Arbeit überzeugend verteidigen"
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Umstrittene Doktorarbeit: "Guttenberg konnte die Arbeit überzeugend verteidigen"


Rudolf Streinz schwieg lange zu den Plagiatsvorwürfen gegen Karl-Theodor zu Guttenberg. Dabei spielte er eine nicht unwesentliche Rolle bei der Dissertation des Ex-Ministers: Streinz, Professor für Öffentliches Recht und Europarecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München, war Zweitgutachter der Arbeit.

Peter Häberle, Erstgutachter und emeritierter Jura-Professor der Universität Bayreuth, hatte am Montag Stellung bezogen zu den Vorwürfen. Nun gibt auch Streinz Antworten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Streinz, Akademiker aus ganz Deutschland stellen öffentlich die Frage, wie die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg mit Bestnote bewertet werden konnte. Sie waren Zweitgutachter. Was müssen Sie sich selbst vorwerfen?

Rudolf Streinz: Im Nachhinein ist man schlauer: Ich habe zu sehr darauf vertraut, dass Arbeiten korrekt angefertigt werden. Nun weiß ich, dass man sich darauf offenbar nicht verlassen kann. Herr zu Guttenberg, 2006 "einfacher" Bundestagsabgeordneter, wurde von mir als Seminarteilnehmer und Doktorand von Herrn Kollegen Häberle wie jeder andere Doktorand behandelt. Prominent war er damals noch nicht, für einen Prominentenmalus sah ich damals keinen Anlass.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich die Arbeit nun ein zweites Mal durchgelesen?

Streinz: Das muss ich für meine Stellungnahme vor der Bayreuther Prüfungskommission tun, und nicht nur das: Neben der Arbeit, wie sie 2006 eingereicht wurde, der Arbeit, wie sie 2009 publiziert wurde, werde ich auch die Gegenüberstellungen im Internet vergleichen, um sachgerecht das Ausmaß der vorgeworfenen Plagiate zu bewerten.

SPIEGEL ONLINE: Da werden Sie einiges zu tun haben: Die Liste der nachgewiesen abgeschriebenen Passagen ist lang. Wieso ist das einem angesehenen Fachmann wie Ihnen nicht aufgefallen, wieso wurde die Arbeit als herausragend bewertet?

Streinz: Meine Bewertung ging - leider unzutreffend - von einer einwandfreien Arbeitsweise aus. In meiner Gesamtbewertung auf der Basis der Arbeit und dem Erstgutachten des Betreuers, Professor Häberle, konnte ich mich ungeachtet einiger - auch bei sehr guten Arbeiten durchaus üblicher - Kritik und Anregungen dem Erstvotum anschließen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie haben dem Erstgutachten zu sehr vertraut und sich zu wenig ein eigenes Urteil gebildet?

Streinz: Das ist falsch. Ich bekam das Erstgutachten zwar mit der Arbeit und habe es auch zuerst gelesen. Aber ich wiederhole ja nicht einfach, was darin steht. Es gibt mir einen Eindruck, auf was der Erstgutachter Wert legt. Ich fand den Aufbau und die Durchführung der Arbeit von Herrn zu Guttenberg überzeugend. Das Kapitel über den Gottesbezug etwa griff eine damals aktuelle Diskussion des Verfassungsvertrags der EU auf. Da die Ansätze dem Stil von Arbeiten, die bei Professor Häberle geschrieben werden, entsprachen, fand ich keine Auffälligkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem waren Sie von der Bewertung des Erstgutachters beeinflusst. Sollten Zweitgutachter die Arbeit nicht grundsätzlich unabhängig bewerten?

Streinz: Wenn das eine allgemeingültige Anforderung würde, könnten Sie kaum mehr Zweitgutachter finden. Sie müssten sich immer voll in den Stoff einarbeiten, das kostet immens viel Zeit, die kaum jemand hat. Aber es ist ein Problem, klar.

SPIEGEL ONLINE: Ein Problem wird für Sie in diesem Fall auch Ihre Nähe zur CSU. Sie sind selbst Parteimitglied und arbeiten als Vertrauensdozent der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung. Haben Sie einen Parteifreund begünstigt?

Streinz: Wenn ich das täte, hätte ich meinen Beruf verfehlt. Entsprechende Unterstellungen sind absurd und mehr als ehrenrührig. Herr zu Guttenberg wurde wie jeder andere Doktorand behandelt, nicht besser, aber auch nicht schlechter.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Engagement für die CSU beschränkte sich jedoch nicht auf die Stiftungsarbeit. Sie waren auch schon selbst für die Christsozialen politisch aktiv: Als CSU-Stadtrat in Landshut.

Streinz: Zwölf Jahre war ich ehrenamtlich als Stadtrat tätig, und das liegt mehr als 20 Jahre zurück. Ich habe mich damals bewusst gegen Parteipolitik und für die wissenschaftliche Karriere entschieden. Die nun öffentlich vorgetragenen Unterstellungen sind ungeheuerlich, ich habe deswegen erwogen, meine ehrenamtliche Tätigkeit als Betreuungsreferent aufzugeben. Allein, dass dadurch viele, vor allem auch ausländische begabte Studierende nicht mehr gefördert würden, hält mich davon ab. Im Übrigen schreibe ich für begabte Studierende Empfehlungsschreiben an jede Fördereinrichtung, zum Beispiel auch an die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung.

SPIEGEL ONLINE: Überprüfen Sie Arbeiten routinemäßig auf Plagiate?

Streinz: Dissertationen wurden bislang nicht routinemäßig auf Plagiate geprüft. Sie werden auch alleine in schriftlicher Form eingereicht. Damals stand meines Wissens in Bayreuth auch keine entsprechende Software zur Verfügung. Auf Plagiate wird geprüft, wenn sich ein konkreter Anhaltspunkt ergibt.

SPIEGEL ONLINE: Die technischen Möglichkeiten sind da, um Arbeiten ohne großen Aufwand auf Plagiate zu überprüfen. Warum wird keine Software eingesetzt?

Streinz: Bei meinem Lehrstuhl in München müssen Seminararbeiten, die für die Erste Juristische Prüfung zählen, und Magisterarbeiten seit einiger Zeit in elektronischer Form abgegeben werden. Bei diesen Arbeiten besteht eine höhere Plagiatgefahr, weil sie in der Regel nicht publiziert werden und damit eine nachträgliche Kontrolle entfällt. Diese Arbeiten werden systematisch mit Hilfe eines Plagiatserkennungsprogramms geprüft.

SPIEGEL ONLINE: Der Fall Guttenberg zeigt, dass sich auch mancher Doktorand von einer nachträglichen Kontrolle nicht abschrecken lässt.

Streinz: Seit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Herrn zu Guttenberg überprüfe ich auch Dissertationen mit einer Software. Ich verlange ab sofort insbesondere bei Zweitgutachten die Abgabe auch in elektronischer Form, sonst übernehme ich diese Aufgabe nicht mehr. Dies ist kein Generalverdacht, sondern eine aus dieser Erfahrung gewonnene Vorsichtsmaßnahme. Bei meinen Doktoranden verfahre ich künftig ebenso, auch zu deren Selbstschutz, dass nichts aus Versehen ungekennzeichnet übernommen wird.

SPIEGEL ONLINE: Zu einer Promotion gehört auch eine mündliche Prüfung. Wie schlug sich zu Guttenberg dort?

Streinz: Herr zu Guttenberg konnte die Thesen der Arbeit überzeugend verteidigen und auch meine Fragen überzeugend beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Was müssen Sie nun für die Arbeit der Bayreuther Prüfungskommission beitragen?

Streinz: Das weiß ich selbst noch nicht. Am Donnerstag habe ich einen Termin mit dem Präsidenten der Universität Bayreuth, Rüdiger Bormann. Dann werde ich es erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Müsste nicht eine andere Universität mit der Prüfung der Vorwürfe betreut werden, als diejenige, die die Arbeit fälschlicherweise mit Bestnote bewertet hat?

Streinz: Das wird so kommen. Die Universität Bayreuth wird externe Gutachter einbeziehen. Die Note beruhte wie gesagt auf der Annahme einer korrekt gefertigten Arbeit. Dies traf nicht zu, insofern war es richtig, den Doktortitel zu entziehen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Professoren und Doktoranden sehen durch die Plagiatsaffäre den Wissenschaftsstandort Deutschland beschädigt. Fühlen Sie sich mitverantwortlich?

Streinz: Die Reaktionen sind natürlich durch die politische Prominenz des Betroffenen heftig. Hätte ich damals etwas anders machen müssen? Ich glaube nein. Damals hatten wir noch keine Software im Einsatz, die Plagiate entlarvt. Heute sind wir schlauer. Der Fall zeigt aber auch das Risiko von Plagiaten und wird abschrecken. Und wenn jetzt die Prüfverfahren bei Promotionen durch standardisierte Plagiatsvorprüfung verbessert werden, ist das gut. Am besten wäre dies durch das Prüfungsamt, bevor die Gutachter die Arbeit in die Hände bekommen.

Das Interview führte Birger Menke

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insgesamt 264 Beiträge
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Seite 1
Gebetsmühle 02.03.2011
1. lenin
Zitat von sysopWie konnte die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg mit der Bestnote bewertet werden? Die Gutachter der Dissertation sind in Erklärungsnot. Der Zweitprüfer Rudolf Streinz verteidigt sich nun*im Interview: Er sei zu gutgläubig gewesen,*Mauschelei*streitet er aber ab. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,748574,00.html
wertrauen ist gut, kontrolle ist besser. bewahrheitet sich immer wieder. ansonsten ist wenig glaubhaft, dass die parteimitgliedschaft ausgerechnet hier keine rolle gespielt haben soll. es ist zu offensichtlihc.
M. Michaelis 02.03.2011
2. ...
Zitat von sysopWie konnte die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg mit der Bestnote bewertet werden? Die Gutachter der Dissertation sind in Erklärungsnot. Der Zweitprüfer Rudolf Streinz verteidigt sich nun*im Interview: Er sei zu gutgläubig gewesen,*Mauschelei*streitet er aber ab. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,748574,00.html
Das ist ungefähr so originell wie wenn die Aufsicht beim Abitur mal 20 Minuten rauchen geht, in der Annahme es werde schon keiner die Situation nutzen.
Optimisten, 02.03.2011
3. es ist doch so einfach....
Zitat von sysopWie konnte die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg mit der Bestnote bewertet werden? Die Gutachter der Dissertation sind in Erklärungsnot. Der Zweitprüfer Rudolf Streinz verteidigt sich nun*im Interview: Er sei zu gutgläubig gewesen,*Mauschelei*streitet er aber ab. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,748574,00.html
Er sollte einfach sagen, er sei zu faul gewesen. Das kommt der Wahrheit genauso nah, wie der Ghostwriter für KT, der ebenso zu faul war, was eigenständiges zu schreiben.
tetaro 02.03.2011
4. ..
Vertrauen ist ja bekanntlich die Basis jeden Gutachtens... Das were ich beim nächsten TÜV-Besuch mal vortragen.
Sophie Amrain, 02.03.2011
5. Was sagt eigentlich der Erstprüfer?
Zitat von sysopWie konnte die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg mit der Bestnote bewertet werden? Die Gutachter der Dissertation sind in Erklärungsnot. Der Zweitprüfer Rudolf Streinz verteidigt sich nun*im Interview: Er sei zu gutgläubig gewesen,*Mauschelei*streitet er aber ab. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,748574,00.html
Normalerweise prüft der Zweitprüfer nicht so akribisch wie der Betreuer (oft der Erstprüfer), und er kennt ja auch die Entstehungsgeschichte nicht. Aber wenn die Bestnote vorgeschlagen wird, sollte man sich schon etwas mehr anstrengen. Jedenfalls ist Prof. Häberle (Betreuer der Arbeit) wesentlich schärfer zu beurteilen als der Zweitprüfer. Peter Häberle hat seine Reputation völlig unnötigerweise mit dieser Dissertation verheizt, Rudolf Streinz hat sich *nur* der Gefälligkeitsgutachterei schuldig gemacht.
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