Kleingärtner müssen Straße weichen Tschüs, grünes Paradies

In Hamburg entsteht ein neuer Bahnhof. Dagegen gibt es Protest - auch von Kleingärtnern, deren Grundstücke einer Straße weichen müssen. Fotografin Jessica Mintelowsky hat die Menschen in ihrer Idylle besucht.

Jessica Mintelowsky

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Ende 2023 soll er öffnen: der neue Fernbahnhof in Hamburg. Tausende Menschen werden dann vom bisherigen S-Bahnhof Diebsteich abfahren. Viele Einwohner der Stadt protestieren gegen das Bauvorhaben - so auch die Kleingärtner aus zwei Hamburger Gartenvereinen. Die Fotografin Jessica Mintelowsky hat mit den Menschen gesprochen, die um ihre Grünflächen bangen.

Dort, wo heute noch deren Sträucher, Blumen und Beete wachsen, soll ab dem nächsten Jahr eine mehrere Meter breite Baustraße entlangführen. Mitten durch die beiden Kleingartenvereine Besthöhe und Sandkule, der eine über hundert Jahre alt, der andere 70. Insgesamt umfassen beide rund 120 Parzellen.

Künftig sollen täglich Lastwagen hier langdonnern und Baumaterial zur Bahnhofsbaustelle befördern. Für die Kleingärtner ein Desaster: Manche verlieren ihre Areale vorübergehend, andere komplett. Wer bleiben darf, sorgt sich um das erhöhte Verkehrsaufkommen und die drohende Lärm- und Luftverschmutzung.

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Kleingärtner in Hamburg: Ihre Grünflächen müssen weichen

Die Kleingärtner verstehen nicht, warum die Straße genau durch ihre Anlage führen muss - für sie bedeutet es den Verlust ihres kleinen Paradieses. Einige Pächter werkeln in ihren Gärten schon seit Jahrzehnten. Mintelowsky zeigt, dass sie Rückzugsorte, Freiräume und kreative Flächen für die Menschen darstellen: Die Kinder der Familie Gilgen können sich dort austoben, während die Eltern Gemüse anbauen; der Musiker Matthias Müller findet Inspiration für seine Kunst; das Ehepaar Schöps verbringt jede freie Minute mit dem Hund im Garten.

Auch ein Biotop unter anderem mit Fröschen, Lurchen oder Brutvögeln muss der geplanten Zufahrt weichen. In ein paar Jahren soll die Straße wieder zurückgebaut werden, so verspricht es zumindest die Deutsche Bahn. Doch ob die Menschen ihre Grünflächen dann wieder nutzen können, bleibt fraglich.

"Niemandsland ohne Infrastruktur"

Viele Betroffene bemängeln die schlechte Planung im Vorfeld und dass überhaupt nicht infrage gestellt wurde, ob der Boden der Gartenanlage die tonnenschweren Lastwagen tragen kann. "Zu spät wurden Proben genommen, das hätte schon bei der Planung passieren müssen", sagt der Kleingärtner und Bauingenieur Markus Gilgen.

Alternative Routen für die Zufahrtsstraße sind denkbar, sogar in den Planungsunterlagen der Deutschen Bahn aufgeführt, aber nie wirklich in Erwägung gezogen worden, ein weiterer Kritikpunkt. Für diese Möglichkeit setzt sich auch die Initiative Langenfelder Signal ein, die sich aus Anwohnern und Gartenbesitzern zusammengeschlossen hat.

Einige der Kleingärtner können nicht nachvollziehen, warum der Bahnhof überhaupt verlegt werden soll. Familie Weißbrich, die ihren Kleingarten als zweites Zuhause ansieht, nennt den neuen Standort ein "Niemandsland ohne Infrastruktur". Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sei schlechter als bislang, weniger Parkplätze und keine Geschäfte oder Restaurants vorhanden. "Wir hoffen, dass der sinnfreie Bau des Diebsteichbahnhofs doch noch gestoppt wird."

Die Betroffenen seien zu spät informiert worden, kritisiert Parzellenbesitzerin Sandra Waldeck: "Warum werden die Bürger nicht gefragt?" Sie hätte sich eine Einbindung der Kleingärtner in den Entscheidungsprozess gewünscht - schließlich geht es doch nicht nur um ihre Grünflächen, sondern auch um ihre Stadt.



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